Punk-Rocker Peer lässt sich mit wilden Tieren ein

Irina Brook inszeniert „Peer Gynt“ des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen für die Salzburger Festspiele märchenhaft, als eine Revue. Sie rührt zwar, doch mangelt es etwas an dramatischer Dichte.

(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Putzig, fast ein wenig verloren sehen die Hochzeitstafel, die Instrumente einer Band, ein Herd, Tisch und Sessel auf der riesigen Bühne der Pernerinsel aus. Ein Fest in Hallein? Ein Rockkonzert? Ein wenig von beidem. Artig treten Musiker auf, ein Geiger beginnt „Solveigs Lied“, ein Akkordeon übernimmt. Da kommt das besungene Mädchen (Shantala Shivalingappa) an die Rampe, ganz in weiß, stützt ihre große Liebe, den Nichtsnutz und Weltenbummler Peer Gynt (Ingvar E. Sigurđsson). Sie nimmt dem zerschlissen gekleideten Alten die Mütze ab, setzt sich hin. Er darf seinen Kopf in den Schoß der ersehnten, verlassenen, ganz spät wiedergefundenen Frau betten. Peer träumt, erinnert sich an ein wildes, versäumtes Leben.

Tramp mit fleckigem Unterhemd

Irina Brook benutzt diese Klammer, um eine gewaltige Lebensbeichte nostalgisch zu verbrämen. Am Schluss (nach fast dreieinhalb Stunden bei der Premiere am Montag) wird dieser Peer wieder bei Solveig liegen, und man kann nur hoffen, dass er durch seine Liebe auch den Frieden gefunden hat, denn dazwischen erlebt man in dieser charmanten, märchenhaften, das Sentiment ungeniert ausreizenden Aufführung ein fantastische Reise, ein Kaleidoskop bunter Einfälle.

Peer erhebt sich. Jung ist er nun, von unbändiger Kraft. Seine Mutter Aase (Mireille Maalouf) ruft nach ihm. Dieser barfüßige Tramp mit seiner zerrissenen Hose und dem fleckigen Unterhemd tischt ihr eine irre Lügengeschichte auf, vom Ritt auf dem Bock über den scharfen Grat, weit hinab ins Wasser. Wieso fantasiert der so? Was bleibt einem Landei, dessen trunksüchtiger Vater die Familie fast mittellos zurückgelassen hat, anderes übrig als Größenwahn? Peer möchte hoch hinaus. Er schnappt sich eine Klampfe und dilettiert. „Where are the snows of yesterday?“ Er will Rockstar werden. Seine Mutter, zwischen Verachtung und Stolz auf diese Pläne schwankend, lobt und tadelt den Buben bis zur schweren Neurose.

Der junge Mann ist ein Außenseiter. Das zeigt sich, als er ins Dorf kommt, um die Heirat der reichen Bauerntochter Ingrid (Frøydis Arntzen Dale) zu verhindern, die ihn zuvor angehimmelt hatte. Die Tischgesellschaft behandelt ihn wie einen Dorftrottel, amüsiert sich über seine Prahlerei, macht ihn betrunken. Er rächt sich, indem er die Braut ins Gebirge entführt, auf dem Motorrad, wie erzählt wird, um sie nach der ersten Nacht fallen zu lassen: „I am an independent boy!“, singt er trotzig.

Schon ist Peer im Reich des Trollkönigs, eines Nachtklubbesitzers (Augustin Ruhabura). Statt lockender Sennerinnen begegnet er willigen Party-Girls. Schon muss er der nächsten Bindung entgehen, mit dem Grünen Dämon, der von Shivalingappa gespielt wird.  Sie ist nun nicht mehr die blasse Immigrantin Solveig, sondern ein tanzender Irrwisch. Dem Maskenspiel entrinnt Peer durch die Anrufung der Geliebten und Glockenklang.

Schlittenfahrt mit dem Kinderbett

Doch ein frühes Happy Ending hat er durch den Umgang mit der Geisterwelt verwirkt. Er muss nach einer kurzen Begegnung mit seiner zarten, passiven Traumfrau hinaus in die Welt, wo er sich selbst finden will. Sein Leben gleicht einer Zwiebel – nur Schalen, kein Kern.

Er kommt nicht zu Beduinen (wie im Original), sondern in eine Country Bar, statt nach Ägypten und ins Irrenhaus gerät er in eine fernöstliche Meditiergruppe. Die Szenen sind hübsch aneinandergereiht zu einer Revue voller Poesie, der aber die dramatische Dichte fehlt und die manchmal etwas platt wirkt. Brook bevorzugt epische Breite, sie betont das Lyrische an „Peer Gynt“ – Sam Shepard hat zwölf Gedichte dazu beigetragen.

Dieser Zugang erlaubt besinnliche Momente, die näher am Melodram als am Pathos sind, etwa wenn der Titelheld vor seiner Weltreise noch einmal die sterbende Mutter sieht, der nur seine Kindersachen geblieben sind. Sie liegt in seinem Bettchen, er steht dahinter als Kutscher und fantasiert ihr eine Schlittenfahrt vor. Das rührt.

Peer ist in dieser Aufführung kein Imperialist, sondern vor allem ein Rockstar, der schließlich ausbrennt. Dieses Rollenspiel steht im Zentrum der Inszenierung. Einer von ganz unten macht Weltkarriere: „PG and the Trolls“. Bei einer Pressekonferenz aber, die wie eine Karikatur der Medienwirklichkeit angelegt ist, kommt heraus, dass Peer ein Absteiger ist, von Alkohol und Drogen angegriffen.

Der Knopfgießer als böser Clown

Den größten Hit hat er einem Kollegen gestohlen. „I'm the Dude“, schreit Peer. Den kraftvollen Song hat Punk-Urvater Iggy Pop extra für Brooks Inszenierung komponiert, so wie  den blasseren „Independent Boy“. Für Sigurđsson ist das eine Glanznummer, die aber übertroffen wird durch Dales köstlich-komische Interpretation von „Teach me Tiger“. Im Nahkampf mit der schönen Anitra wirkt der Alt-Rocker wie ein Statist vor einem Raubtier. Prompt wird er von dieser Dame abgestiert.

Weiter, bergab, heißt es für den Mann, der sich zu oft dem Troll-Motto „Just satisfy yourself“ verschrieb, der spät nur abschwört. Fast wird er vom unheimlichen Knopfgießer geholt – hier ein böser Clown (Jerry di Giacomo), der Peer für wertlos erklärt. Wäre da nicht Solveig. Sie wiegt den Greis in den Schlaf. An der Rückwand der Bühne leuchtet William Blakes visionäres Gemälde „Glad Day“. Ein Jüngling als Kreuz. Seine Arme umfangen die Welt. Es wird dunkel. Nun geht's wohl bald hinan.

Auf einen Blick

Irina Brook (*1963) hat Henrik Ibsens Drama „Peer Gynt“ (1867) für die Salzburger Festspiele auf der Pernerinsel/Hallein inszeniert. Bühne: Noëlle Ginefri, Kostüme: Magali Castellan, Musikalische Leitung: Guillaume Antonini. Termine: 1. bis 5., 14. und 15. sowie 17. und 18. August um 19.30 Uhr.

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