„Geliebt wird er nicht, lieben kann er nicht!“

Was treibt die Frauen zu Don Juan? „Widerspruchsgeist, vielleicht“, sagt Max Simonischek, der heuer seine erste große Rolle in Salzburg spielt: Horváth.

Dem Josefstädter Publikum ist Max Simonischek als Schlawiner Chlestakow in Gogols „Revisor“ 2006 in Erinnerung. Inzwischen hat er Karriere gemacht. Als Hamlet und Mephisto war Peter Simonischeks Sohn in Berlin zu sehen. Nun ist er an den Münchner Kammerspielen engagiert. In Philipp Kadelbachs spannenden TV-Film über den Absturz des Luftschiffs Hindenburg 1937 spielte Max Simonischek eine Hauptrolle. Auch in einer neuen Version von „Die Schöne und das Biest“ von Marc-Andreas Bochert fürs Fernsehen war Simonischek als Biest zu erleben. In Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Horváths „Don Juan kommt aus dem Krieg“ spielt Simonischek den gebrochenen Frauenhelden – auf der Perner-Insel Hallein.

Ich zähle neun Frauen in „Don Juan kommt aus dem Krieg“, fühlen Sie sich als Hahn im Korb? Mögen Sie das?

Max Simonischek: Es gibt 35 Frauenfiguren in dem Stück. Gespielt werden sie bei uns von neun Schauspielerinnen. Aber abgesehen davon, dass ich keinen blassen Schimmer habe, wie es sich unter bzw. zwischen neun und schon gar nicht zwischen bzw. unter sechsunddreißig Frauen anfühlt, habe ich keinerlei Geflügelassoziationen. Weder bei mir noch bei den Kolleginnen. Ich kann daher auch nicht sagen, ob das eine tolle Sache ist. Möglicherweise hätte es Don Juan gefallen. Ich bin da genügsamer.

Was treibt die Frauen zu Don Juan?

Widerspruchsgeist vielleicht. Das behauptet jedenfalls Horváth. Don Juan liebt immer schon die Nächste. Er sucht und diese Suche ist seine Natur. Vielleicht haben die Frauen den Ehrgeiz, ihm zu beweisen, dass er alles, was er sucht, in ihnen finden könnte. Für mich ist aber eher die Frage, was Don Juan zu ihnen treibt, bzw. was ihn einmal zu ihnen getrieben hat und warum es das jetzt nicht mehr in der gleichen Weise tut. Was hat der Krieg mit ihm gemacht, wie hat er ihn verändert? In Horváths Stück ist es ja nicht mehr die Suche nach den Frauen, die ihn antreibt. Er sucht eine Tote und er findet sie nicht im Bett, sondern auf dem Friedhof.

Was ist für Sie wichtig an dem Stück?

Dass Horváth immer wieder die Regieanweisung „Stille“ notiert.

Was war Ihre erste Begegnung mit Don Juan?

Meine erste Begegnung mit dieser Figur waren fünf junge, leicht bekleidete Damen, bäuchlings auf einem weißen Polster liegend, sie trugen nur  Nylonstrümpfe. Das war das Vorhangbild 2002 der „Don Giovanni“-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen. Es hinterließ einen bleibenden Eindruck und hing jahrelang in meiner Studenten-WG als Plakat auf dem Klo.

Die Zeit nach dem Krieg ist immer eine Zwischenkriegszeit, sagt Andreas Kriegenburg, was glauben Sie?

Da hat Kriegenburg wohl recht. Ich hoffe allerdings, dass die Spanne dazwischen diesmal für uns möglichst lang ist.

Was hat der Horváth’sche Don Juan vom richtigen und worin unterscheiden sie sich?

Gibt es einen richtigen Don Juan? Und wenn ja, ist dann der von Horváth ein falscher? Mozarts oder Johnny Depps Don Juan können und wollen alle Frauen haben, sie entscheiden sich für alle und damit für keine. Horváths Don Juan hingegen entsagt allen und entscheidet sich für eine einzige, eine Tote, und damit hat er am Ende auch niemanden. Es gibt nicht eine richtige Liebesszene in dem Stück: Geliebt wird er nicht und lieben kann er nicht. Don Juan ist ein Mythos. Der Mythos von der Unerfüllbarkeit des Begehrens, und den schildert Horváth auch mit dieser Umkehrung sehr gut.

Die Horváth’sche Position ist eine nihilistische, scheint mir. Aber gibt es auch komische Seiten in dem Stück?

Ich weiß nicht, ob Horváths Position nur eine nihilistische ist. Ich kann ab „Die Unbekannte aus der Seine“ bis hin zu seinem letzten Stück „Pompeji“ auch eine Art Jenseitshoffnung erkennen. Ich würde das Stück nicht als Komödie beschreiben, aber wenn ich
z. B. an die erste Szene zwischen den Schauspielerinnen denke, verfügt es für mich durchaus über eine gewisse Komik. Horváth sagt selbst, dass „im Ganzen genommen das menschliche Leben immer ein Trauerspiel, nur im Einzelnen eine Komödie“ sei.

Ein anderer Aspekt, der mir auffällt, ist die fatalistische Komponente. Prägt einen das Leben oder kann man sich ändern?

Ich nehme mal an, dass einen das Leben prägt. Und umgekehrt prägt man sein Leben. Das ist wohl ein Wechselspiel. Wenn eine Erfahrung schockierend, einschneidend und fundamental ist, reagiert man entsprechend darauf. In Don Juans Fall ist der Krieg ein solch extremes Erlebnis und ich persönlich glaube, dass ihn das zutiefst verändert hat. Aber diese Veränderung sagt gleichzeitig viel über den Krieg und die Zeit aus. Wenn selbst ein Don Juan herzkrank wird, will das was heißen.

Spielen Sie lieber brüchige Helden oder Helden-Helden, also echte? Und gibt’s die überhaupt?

Ein Held, der nicht brüchig ist, ist im Zweifelsfall ein Idiot. Was den Don Juan angeht, glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass er überhaupt eine Heldenfigur ist.

Was halten Sie von dem Spruch des Heraklit: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“?

Den verstehe ich nicht. Ich mag von Heraklit
lieber den ihm zugeschriebenen Ausspruch:  „Panta rhei“ – alles fließt!

("Die Presse" Kulturmagazin 7.6.2014)

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