„Sharp Objects“: Achtung! Hier beginnt die Provinz!

„Sharp Objects“ über Mädchenmorde in einer amerikanischen Kleinstadt führt vor, wie man allein mit subtiler Charakterzeichnung Spannung erzeugt.

Die Journalistin Camille – Amy Adams mit typisch erschrecktem Blick – soll über einen Mädchenmord berichten.
Die Journalistin Camille – Amy Adams mit typisch erschrecktem Blick – soll über einen Mädchenmord berichten.
Die Journalistin Camille – Amy Adams mit typisch erschrecktem Blick – soll über einen Mädchenmord berichten. – (c) Sky

Kamerafahrt durch die Kleinstadt. Die Straßen sind leer an diesem Sommertag. Keine Autos, keine Fußgänger, niemand braust auf dem Fahrrad vorbei. Zwei Mädchen laufen Rollschuh. Vor einigen Geschäften sitzen müde und gelangweilt ein paar Leute. Die Reklamebilder an den Wänden sind verblasst, die Stadt hat offenbar schon bessere Zeiten gesehen. Wir sind in Wind Gap, der „Heimat von altem Geld und Trash“, so beschreibt es die Journalistin Camille, die dort geboren und aufgewachsen ist und nun dorthin zurück soll. Für eine Recherche. Ein Mädchen wurde ermordet, ein anderes ist verschwunden. Was ist da los? Wie reagieren die Leute? Was macht so ein Verbrechen mit einer Stadt? Das sei eine riesige Chance für sie, sagt der Chefredakteur, wenn sie das richtig angehe, werde das eine tolle Geschichte, gern mit persönlichem Touch.

Also fährt sie. „Sharp Objects“ nennt sich die HBO-Miniserie, die von Sky übernommen wurde, drei Folgen sind aktuell schon online, weitere folgen jeden Donnerstag. Ein interessantes Team steckt dahinter. Autorin Gillian Flynn („Gone Girl“) hat das Buch geschrieben, Jean-Marc Vallée („Big Little Lies“) hat die Regie übernommen, Amy Adams („Nocturnal Animals“) spielt die Hauptrolle. Und Marti Noxon, die unter anderem für „Unreal“ und die wunderbar dreiste feministische Rachekomödie „Dietland“ verantwortlich zeichnet, hat die Serie entwickelt und gemeinsam mit Flynn das Drehbuch geschrieben.

Die Arbeiten von Noxon und Flynn fallen dadurch auf, dass sie sich nicht rasch festlegen. Dass sie jeder Figur eine Aura des Geheimnisvollen geben können, ohne dabei psychologisch unglaubwürdig zu werden. Und dass sie sich Zeit lassen. In den ersten drei Folgen von „Sharp Objects“ kommen weder die Ermittler noch die Journalistin der Lösung des Falles auch nur einen Schritt näher. Statt dessen tauchen wir ein in die Atmosphäre der Provinz, wo hinter jedem Baumstamm, jeder Häuserecke Gefahr zu lauern scheint, und lernen nach und nach die Bewohner des Städtchens kennen, ihre Marotten, Ticks, ihre Verlogenheit und ihre Sehnsüchte.

Jeder steht unter Verdacht

Da wäre Camilles Mutter, die sich den Leuten so verbunden fühlt, doch eigentlich geht es ihr nur um den äußeren Schein – und wenn keiner hinschaut, rupft sie sich die Wimpern aus. Camilles Stiefvater, der sich aus familiärem Streit gerne raushält und dann in klassische Musik abtaucht. Ein ruhiger, besonnener Mann. Aber wie ist das mit stillen Wassern? Da wären der Bruder des toten Mädchens, der unter Verdacht gerät, und seine Freundin, die Camille zu Tee und Kuchen einlädt und dabei so freundlich tut. Jeder könnte der Mörder sein. Sogar Camilles Halbschwester, die so zerbrechlich erscheint. In Wirklichkeit ist sie ein wahrer Rabenbraten. So erzeugt man mit subtiler Figurenzeichnung Spannung.

Ganz so differenziert ist ausgerechnet die Hauptfigur nicht geraten. Zu Beginn der Handlung wurde Camille gerade aus der Psychiatrie entlassen, von Heilung kann keine Rede sein. Sie ritzt sich, weshalb sie nur Hosen und langärmlige T-Shirts trägt, und säuft sich mit hartem Zeug durch den Tag. Seit dem Tod ihrer Schwester ist sie traumatisiert und wird von Flashbacks geplagt. Amy Adams muss also in Permanenz dreinschauen, als sei sie gerade aus einem Albtraum gerüttelt worden und noch nicht ganz wach. Noch eine in einer langen Reihe von hochintelligenten, kaputten Serien-Antihelden.

Weiteres Manko: Die opulente Bildsprache Jean-Marc Vallées, die uns noch hinter dem harmlosesten Nippes Unheimliches vermuten lässt, kippt hin und wieder ins Manierierte. So eindrucksvoll er die Atmosphäre der Kleinstadt einfängt – ein, zwei, meinetwegen auch drei Aufnahmen von bedrohlich vor sich hin kreisenden Ventilatoren hätten nun wirklich genügt.

„Sharp Objects“ ist seit Mitte Juli auf Sky Go und Sky Ticket verfügbar. Drei Folgen sind bereits online, fünf weitere folgen. Ab Ende August wird „Sharp Objects“ auch auf Sky Atlantic – und auf Deutsch – gezeigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2018)

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