Mit Glupschaugen und Bierkrug: Matt Groenings jüngster Streich "Disenchantment" hat Potenzial

In „Disenchantment“, vom Macher der „Simpsons“, laviert ein trinkfreudiges Trio um eine rebellische Prinzessin durch ein mittelalterliches Königreich. Das wird schon noch.

Rebellisch, aber halt ein bisserl bequem: Am Ende treibt es die Prinzessin stets zurück nach Hause.
Rebellisch, aber halt ein bisserl bequem: Am Ende treibt es die Prinzessin stets zurück nach Hause.
Rebellisch, aber halt ein bisserl bequem: Am Ende treibt es die Prinzessin stets zurück nach Hause. – (c) Netflix

Im Turmzimmer der königlichen Burg zieht die Kammerzofe die Vorhänge auf: Die Prinzessin möge aufwachen, es ist ihr großer Tag! Doch unter der Decke liegt ein geknebelter und gefesselter Ritter, der entnervt darum bittet, auf einen Kreuzzug geschickt zu werden: „Alles ist sicherer, als auf diese Prinzessin aufzupassen!“

Die Prinzessin prügelt sich indessen im Wirtshaus, nachdem sie einen Untertanen beim Pokern übers Ohr gehauen hat. Mit ihrem Überbiss und den Glupschaugen sieht sie aus wie eine Vertreterin der Zeichentrickuniversen der „Simpsons“ oder von „Futurama“, tatsächlich ist sie die Protagonistin des neuesten Streichs von Matt Groening, dem Macher jener wegweisenden Erwachsenenserien: „Disenchantment“, zu Deutsch „Entzauberung“, läuft ab Freitag auf Netflix.

Prinzessin Bean soll darin zu Machterhaltungszwecken verheiratet werden – mehr als für die guten Partien, die ihr Vater für sie ausgesucht hat, interessiert sie sich aber für Saufpartien; überhaupt hat sie für die Erwartungen, die der Hofstaat in sie steckt, wenig übrig. Da trifft es sich gut, dass ihr in der ersten Folge zwei Kameraden zur Seite gestellt werden, die ebenso gegen Konventionen rebellieren: der unschuldig-doofe Elf Elfo hat sein Dorf, in dem alle immer fröhlich sein müssen, während sie singend Süßigkeiten herstellen, verlassen, und das kleine schwarze Wesen Luci, das sich als „persönlicher Dämon“ an Bean heftet und sie mehr oder weniger subtil zu frevelhaftem Verhalten anstiftet, will die Welt überhaupt moralisch unterwandern (wenn auch auf – für einen Botschafter der Hölle – ziemlich liebenswürdige Art).

 

Tägliche Enthauptungen fürs Volk

Gemeinsam lavieren sie, oft mit Bierkrügen in der Hand, durch das Königreich, in dem Kristallkugeln praktische Antworten geben, während der Hofzauberer nur Kartentricks kann, tägliche Enthauptungen das Volk unterhalten und oft Morgensterne geschwungen werden. Brutal geht es hier zu – mit jener Arglosigkeit, wie sie nur in Zeichentrickwelten möglich ist. Der erste Hochzeitskandidat landet denn auch bald mit dem Kopf in der Armlehne eines aus Schwertern gebauten Throns: Ein Verweis auf „Game of Thrones“, als dessen Parodie „Disenchantment“ beworben wurde. Tatsächlich hält sich die Serie mit popkulturellen Mittelalter- und Fantasyanspielungen genauso zurück wie mit Kommentaren zum aktuellen Weltgeschehen. Im Vergleich zu den „Simpsons“ oder „Futurama“ wirkt sie dabei erstaunlich aus der Zeit gefallen (auch wenn der egozentrische König und seine unnahbare Amphibienfrau, die mit slawischem Akzent spricht, zu Vergleichen mit dem US-amerikanischen First Couple einladen).

Mehr Inspiration holt sich die Serie merklich aus älteren Kulturprodukten: Ein Leichensammler schiebt seinen Holzkarren durch die Stadt wie einst bei Monty Python, im Wald leben Hänsel und Gretel. Dass die beiden hier perfide Kannibalen sind, die die Hexe nur verleumdet haben, ist ein witziger Dreh, dass sie Karikaturen von übertrieben deutschen Hinterwäldlern sind, weniger.

In ihren besten Momenten ist die Serie eine heitere Mittelalterparodie („This religion is still in its early stages“, sagt einmal ein verwirrter Kirchenbesucher). In den anderen wird klar, dass sie noch nicht ganz in Form ist: So wird hier zwar der Versuch gemacht, eine fortlaufende Geschichte zu erzählen, aber mancher Handlungsstrang wird einfach links liegen gelassen, und im Grunde führt jede Folge zum Status quo zurück, indem sich Bean – unzufrieden, zugleich doch ein bisserl bequem – nach bestandenen Abenteuern wieder in die Obhut des Vaters begibt. Jenen Abenteuern fehlt noch der Biss, viele Witze zünden nicht. Aber auch die „Simpsons“, die den Weg für so viel Erwachsenenzeichentrickunterhaltung geebnet haben, haben eine Anlaufzeit gebraucht, um wirklich spitzfindig zu werden. Das Potenzial dazu scheint „Disenchantment“ zu haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2018)

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