Serie „Beat“: Berlin als Albtraumstadt im Techno-Rausch

KritikDie Amazon-Serie „Beat“ ist Club-Feeling, Agenten- und Organhandel-Story. Zu überladen. Aber sehr gut gespielt!

Beat (Jannis Niewöhner) führt Agentin Emilia (Karoline Herfurth) in die Techno-Szene ein.
Beat (Jannis Niewöhner) führt Agentin Emilia (Karoline Herfurth) in die Techno-Szene ein.
Beat (Jannis Niewöhner) führt Agentin Emilia (Karoline Herfurth) in die Techno-Szene ein. – (c) Amazon

Eine Story wie ein Drogenrausch. Die Kamera folgt ihren Protagonisten durch ein düsteres Berlin. Kalt, nass und unwirtlich sehen hier nicht nur die Hinterhöfe und Gassen aus, auch in der schicken Firma, von der aus eine der dubiosen Gestalten die Fäden zieht, will einem nicht warm werden. Zu grell ist das Neonlichtdekor. Zu kühl der Empfang. Zu herablassend werden Menschen behandelt. „Mach dir nichts draus“, sagt der neue Teilhaber des Techno-Clubs: „Ich lasse jeden warten. Und dann genieße ich den Anblick, wie sich die Wut der Leute in bedingungslose Unterwerfung auflöst.“ Adressat ist Robert Schlag, den man in der Techno-Szene „Beat“ nennt. Mit Ende 20 benimmt er sich noch immer wie ein Teenager, nimmt Drogen, trinkt und hält nicht viel von Tageslicht.

Er liebt die wummernde Höhle, die sein Zuhause geworden ist – und mit der er die wohlige Zeit vor seiner Geburt assoziiert: „Wärme. Rhythmus. Der Pulsschlag deiner Mutter. Die Soundeffekte in ihrem Bauch. Du wirst bewegt. Versorgt. Und verschwendest keinen Gedanken an das, was irgendwann kommt.“

 

Menschen, wie Vieh gehalten

Das ändert sich schlagartig, als im Club plötzlich zwei Leichen auftauchen, die über den Köpfen der Partygäste zwischen den Scheinwerfern drapiert sind – und sich der Europäische Geheimdienst an Beat heranmacht, um ihn als Informanten anzuheuern, weil der neue Club-Besitzer im Waffenschmuggel mitmischt . . . Und während drinnen getanzt und gevögelt wird, als wäre die Welt in bester Ordnung, werden irgendwo in einem stillgelegten Schweinestall vor den Toren der Stadt Flüchtlinge wie Vieh gehalten, bis für ihre Organe ein zahlungskräftiger Käufer gefunden ist. Was von ihnen bleibt, wird in Müllcontainern weggeschafft. Im dumpfen Licht wirkt hier alles ockerbraun wie vergilbte Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Man denkt an Kriegsgräuel und Massenvernichtung. „Ich sag mir: ,Das sind gar keine Menschen.‘ Glaub mir, das hilft“, sagt der Arzt zum Kapo. Doch als er sich nach der Herzentnahme die Hände wäscht, bleibt das schlechte Gewissen an ihm kleben . . .

Als wäre das alles nicht schon albtraumhaft genug, mischt auch ein Psychopath mit, der Beat aus der gemeinsamen Zeit im Kinderheim kennt. Jasper ist ein intelligenter, unberechenbarer Typ, der zu Schlagermusik (Tony Marshalls „Heute hau'n wir auf die Pauke . . .“) durch den Keller tanzt, in dem er menschliche Präparate fertigt, um sie dann als Mahnung in der Öffentlichkeit oder auf Wohnzimmersesseln zu platzieren. Eine Story wie ein Drogenrausch – samt übersteigerten Horrorfantasien.

 

Monster, wohin man schaut

Regisseur Marco Kreuzpaintner („Krabat“) hat in seine erste TV-Serie (es ist die zweite deutschsprachige von Amazon) viel hineingepackt. Sie ist mit zu vielen Handlungssträngen und einigen Klischees überfrachtet: von den kaputten Techno-Freaks über auch nicht immer gute Agenten bis zur Eskalation auf der Russenparty. Aber „Beat“ funktioniert – dank der hervorragenden Besetzung, die die unterschiedlichen Milieus und Charaktere, diese breite Palette an menschlichen Grauschattierungen, hervorragend in Szene setzt.

Allen voran Jannis Niewöhner als Beat: ein zugedröhnter, tätowierter, Coolness vorgaukelnder Techno-Typ, der sehr wohl Herz hat und ein wahrer Freund ist. Kostja Ullmann ist als Jasper hinter ihm her – mit sadistischem Grinsen, stets bereit zur nächsten Wahnsinnstat. Karoline Herfurth weicht als Agentin Emilia auch nicht von Beats Fersen – und hat keine Ahnung, was für ein Geheimnis ihr Chef (Christian Berkel) hütet. Nicht zu vergessen Karl Markovics: Als Arzt ist er für die Organentnahmen zuständig – und hat sich jede menschliche Regung verboten. Monster, wohin man schaut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2018)

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