„Dogs of Berlin“: Culture Clash im Plattenbau

In „Dogs of Berlin“ soll ein Ex-Nazi den Mord an einem türkischstämmigen Fußballstar aufklären. Die zweite deutsche Netflix-Produktion ist besser gelungen als „Dark“.

Felix Kramer (l.) und Fahri Yardım ermitteln in der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“.
Felix Kramer (l.) und Fahri Yardım ermitteln in der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“.
Felix Kramer (l.) und Fahri Yardım ermitteln in der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“. – (c) Netflix

Dunkler Rauch steigt über Berlin auf. „Ich wusste immer, dass der Tag meiner Abrechnung irgendwann kommt. Aber ich hätte nie gedacht, dass es die Stadt in Brand setzen würde . . .“, hört man Kommissar Kurt Grimmer am Anfang von „Dogs of Berlin“ aus dem Off sagen. Das Chaos sieht aus wie die Fernsehbilder von den aktuellen Straßenschlachten in Paris. Irgendwo brennt es. Diensthunde reißen an ihren Leinen und fletschen die Zähne. Da ist etwas außer Kontrolle geraten – was, das erzählt die Serie „Dogs of Berlin“, die die Geschehnisse der vorangegangenen sieben Tage aufrollt. Es sind verschiedene Kulturen und extreme Einstellungen, die hier aneinanderprallen – der gesellschaftliche Flächenbrand schwelt längst, auch wenn man es zunächst noch nicht bemerkt . . .

Grimmer kommt als erster Mordermittler an den Tatort – mit dem Baby seiner Geliebten im Arm und in Badeschlapfen. Das Blaulicht hat ihn von der nahen Plattenbauwohnung auf die Straße gelockt. Der Tote, der erschlagen in einem Vorgarten von Marzahn liegt, ist ein türkischstämmiger Star-Fußballspieler, das „goldene Wunderkind“, wie die Leute sagen, das am folgenden Tag im Trikot der deutschen Nationalmannschaft gegen seine Landsmänner hätte antreten sollen. Grimma weiß: Wenn das herauskommt, bricht die Hölle los. Nicht nur in den Medien. Schon vor dem Mord war das Land gespalten: „Den Türken passt es nicht, dass er für Deutschland spielt – und den Rechten erst recht nicht.“ Und Grimma weiß: Wenn er jetzt im illegalen Wettlokal noch schnell auf die Türken setzt, stehen die Chancen auf einen nennenswerten Gewinn ganz gut. Deshalb will er auch auf keinen Fall, dass die Öffentlichkeit vor dem Spiel etwas erfährt.

In Rückblenden erzählt Regisseur und Drehbuchautor Christian Alvart (er inszeniert seit 2013 alle „Tatort“-Episoden mit Til Schweiger), wie alles aus dem Ruder läuft. Sein Berlin ist schmutzig und verwegen, hat aber auch Charme und Witz. Die Kamera bewegt sich zwischen muffigen Plattenbauten und düsteren Bars. Sie schlüpft in die Hinterzimmer der Neonazis mit ihren Baseballschlägern und einschlägigen Wimpeln ebenso wie in die Separees eines libanesischen Clans, wo halbe Kinder ins Kriminalgeschäft eingeführt werden. In dieser Stadt leben biedere Geschäftsfrauen (Grimmers Ehefrau) ebenso wie Sozialhilfeempfängerinnen, die sich mit Telefonsex etwas dazuverdienen müssen (Grimmers Geliebte). Es ist Platz für alle – so lang, bis der alte Hass aus dieser Gesellschaft herausbricht.

 

Hitler-Lookalike mit Oberlippenbart

„Dogs of Berlin“ ist nach „Dark“ die zweite komplett deutsche Netflix-Serie – und sie ist besser gelungen. Alvart erzählt flott und actionreich (aber nicht so brutal wie die Tschiller-„Tatorte“) und hat hervorragende Schauspieler im Cast – allen voran Felix Kramer als charismatischer, korrupter Grimmer und Fahri Yardım. Er spielt den türkischstämmigen Kollegen, der ins Team geholt wird, weil Grimmer aus einer Neonazi-Familie stammt und in diesem heiklen Fall nicht allein ermitteln soll. Dabei wird kaum ein Klischee ausgelassen: Der türkischstämmige Ermittler ist schwul und hat Probleme mit seinem Vater. Die Polizeipräsidentin ist lesbisch und kommandiert ihre Untergebenen herum wie ein Feldwebel. Grimmer Ehefrau hat psychische Probleme, trinkt und kann sich nicht einmal gegen ihre Angestellte durchsetzen. Sein Bruder sieht mit Oberlippenbart und Seitenscheitel aus wie ein Hitler-Lookalike und nennt Menschen mit Migrationshintergrund „Zecken“. Und die Araber? Die halten die Familienehre hoch und machen heimlich kriminelle Geschäfte.

Freilich ist alles überzogen – bis hin zum Hund, den der Kommissar findet, und der kurz darauf den Finger der Leiche auskotzt. Aber wer Alvarts Hang zum hemmungslosen Erzählen mag, dem wird diese Reise in den gesellschaftlichen Abgrund gefallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2018)

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