Serie „Chernobyl“: Ein Blick in die nukleare Hölle von 1986

Dunkle Erinnerungen an die Reaktorkatastrophe und die Zeiten des Eisernen Vorhangs werden in „Chernobyl“ geweckt. Aber die Serie erzählt auch von Mut und Menschlichkeit.

Lyudmilla (Jessie Buckley) sucht im Krankenhaus nach ihrem Mann Vasily, der bei einem Feuerwehreinsatz nach der Reaktorkatastrophe verstrahlt wurde.
Lyudmilla (Jessie Buckley) sucht im Krankenhaus nach ihrem Mann Vasily, der bei einem Feuerwehreinsatz nach der Reaktorkatastrophe verstrahlt wurde.
Lyudmilla (Jessie Buckley) sucht im Krankenhaus nach ihrem Mann Vasily, der bei einem Feuerwehreinsatz nach der Reaktorkatastrophe verstrahlt wurde. – (c) ©Sky UK LTD/HBO

Erst eine nächtliche Explosion. Dann der Feuerschein in der Ferne. Die Menschen im ukrainischen Prypjat hatten keine Ahnung, was an diesem 26. April 1986 im nahen Atomreaktor passiert war. Viele pilgerten zu einer nahen Brücke, von wo aus man das Schauspiel besser beobachten konnte, das sich vier Kilometer entfernt abspielte. Heute nennt man das verrostete Überbleibsel in der Geisterstadt die Todesbrücke. Denn keiner der Schaulustigen soll die Nuklearkatastrophe überlebt haben.

Diese Szene ist einer der vielen einprägsamen Momente in der HBO/Sky-Miniserie „Chernobyl“, die die historischen Fakten anhand der Schicksale zentraler Protagonisten dramatisiert. Selbst die Techniker in der Schaltzentrale des Reaktors unterschätzten die Situation gewaltig. Es war eine Verkettung fataler Umstände, die zur Katastrophe führte: Fehlentscheidungen, Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften, Geheimniskrämerei des Parteiapparats und die problematische Konstruktion des Reaktors selbst.

300.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen (auch dazu gibt es eine berührende Szene mit einer alten Bäuerin, die nicht aufhören will, ihre Kuh zu melken). Wind und Niederschläge verbreiteten das radioaktive Material über Europa – es dauerte einige Zeit, bis das ganze Ausmaß dessen, was da hinter dem Eisernen Vorhang passiert war, bekannt wurde. Österreich war stark betroffen – das hat sich tief ins Gedächtnis hineingefressen: Kinder sollten nicht in Sandkästen spielen, Milch, Salat und Fleisch durften nicht verkauft werden, vom Pilzesammeln wurde noch Jahre später abgeraten. Doch von dem, was Arbeiter und Anrainer durchlebten, erfuhr man lange nichts. Geschätzte 4000 bis 90.000 Menschen (je nachdem, ob man Spätfolgen mitrechnet) starben an der Verstrahlung.

 

Sterben wie im Horrorfilm

Auch das spart „Chernobyl“ nicht aus. Der 25 Jahre alte Feuerwehrmann Vasily Ignatenko etwa wurde mit dem ersten Trupp auf das brennende Dach geschickt – er starb nur zwei Wochen später. Im Film sieht er zum Schluss aus wie aus einem Horrorfilm: Die Haut löst sich ab, die Arme sind schwarz vor innerlich gestocktem Blut, der Mund eine Öffnung zwischen Blasen und Wunden. Kurz vor dem Ende sei es nicht einmal mehr möglich, den Opfern Morphium zu verabreichen, weil Venen und Arterien undicht werden, erklärt Wissenschaftler Waleri Legassow in einer Szene. Er war Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, setzte sich für die Aufklärung des Unfalls und eine rasche Evakuierung der Bevölkerung ein. Am zweiten Jahrestag der Katastrophe beging er Selbstmord. Er hinterließ Aufnahmen, die dazu beitrugen, dass Reaktoren gleicher Bauart nachgebessert wurden.

„Chernobyl“ ist ein Atom-Thriller: eindrucksvoll und erschütternd. In fünf Teilen erzählt die Serie vom menschlichen und politischen Versagen und einer Führungselite, die auf die eigene Karriere oder den Ruf der UdSSR schaute statt auf das Wohl der Bevölkerung. Ein düsteres Szenario, das unangenehme Erinnerungen weckt – nicht nur an die Katastrophe selbst, auch an die dumpfe Furcht vor einer atomaren Auseinandersetzung zwischen Ost und West.

Schauspielerisch ist „Chernobyl“ top besetzt – mit Jared Harris („The Terror“, „Mad Men“) als Atomexperte Legassow, Stellan Skarsgård („Mamma Mia!“) als stv. Premierminister und Emily Watson als Wissenschaftlerin. „Chernobyl“ wäre unerträglich, wären da nicht auch Mut, Mitgefühl, Menschlichkeit. Auch die gab es wirklich, als damals alles schief gelaufen ist im Reaktor Nummer 4.

Zu sehen auf Sky

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2019)

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