„When They See Us“: Von der Polizei zu Tätern gemacht

Die vierteilige Netflix-Serie „When They See Us“ erzählt die wahre Geschichte von fünf dunkelhäutigen Jugendlichen, die unschuldig verurteilt wurden. Erschütternd und relevant.

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Jharrel Jerome verkörpert als einziger Darsteller einen der "Central Park Five" als Jugendlichen und als Erwachsenen. Er spielt Korey Wise, der am längsten im Gefängnis saß – (c) Netflix (Atsushi Nishijima/Netflix)

Ein lauer Frühlingsabend 1989 in der Bronx, ein paar Dutzend Jugendliche, Burschen, treffen sich, streunen durch den Central Park. Erschrecken Radfahrer, scheuchen Liebespaare auf. Schon heulen die Polizeisirenen. Fünf von ihnen wirft die Polizei später vor, eine Joggerin geschlagen und vergewaltigt zu haben. Sie sind 14 bis 16 Jahre alt, vier sind schwarz, einer Hispanic. Das Opfer ist eine weiße Investmentbankerin. Alle fünf werden angeklagt und verurteilt, obwohl es keine Beweise gibt, dass sie die Tat begangen haben. Nur Geständnisse, die (mit einer Ausnahme) ohne Beisein der Eltern nach fast zwei Tagen Verhör ohne Essen, Schlaf oder Toilettenpause entstanden sind. Immer wieder erklären die Polizisten diesen halben Kindern, was sie zu sagen hätten, wenn sie nach Hause wollten. Irgendwann sagen sie das eben.

Nach Hause kommen sie freilich nicht mehr, sie bleiben zwischen sechs und 13 Jahren im Gefängnis. Erst 2002 gesteht der wahre Täter und rehabilitiert die fünf, sie werden finanziell entschädigt. Ihre Namen sind Raymond Santana, Kevin Richardson, Antron McCray, Yusef Salaam und Korey Wise, bekannt wurden sie als „Central Park Five“. Ihre wahre Geschichte erzählt nun die vierteilige Netflix-Serie „When They See Us“ von Drehbuchautorin und Regisseurin Ava DuVernay, oscarnominiert mit ihrem Film „Selma“ über die Bürgerrechtsbewegung.

Selbst die Staatsanwältin hat Zweifel

In ihrer Serie veranschaulicht sie nun, dass dieser Fall mehr ist als bloß ein Justizirrtum: Er ist Ausdruck eines Systems, das Minderheiten benachteiligt. Er zeigt auch, wie gestört die Beziehung zwischen Polizei und Afroamerikanern ist. Antrons Vater befiehlt seinem Sohn regelrecht, ein falsches Geständnis abzulegen: „Wenn die Polizei will, was sie braucht, tut sie alles dafür“, sagt er. „Die schrecken nicht davor zurück, uns anzulügen, uns einzusperren, uns umzubringen.“ Ein fataler Ratschlag. Dass die Beweise nicht zu den Aussagen der Burschen passen, ist irrelevant für die Ermittlerin Linda Fairstein (hassenswert dargestellt von Felicity Huffman). Dass die Staatsanwältin Elizabeth Lederer (kalt: Vera Farmiga) Zweifel äußert, mildert nicht ihre Anklage. Es gehe nicht um Gerechtigkeit, belehrt sie einen der Verteidiger der Teenager. Sondern um Politik und ums (berufliche) Überleben.

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Yusef (Ethan Herisse), einer der „Central Park Five“, mit seiner Mutter (Aunjanue Ellis). Sie unterstützt ihn bedingungslos. Das ist nicht bei allen der angeklagten Burschen so. – (c) Netflix (Atsushi Nishijima/Netflix)

Wie diese Teenager ihrer Jugend beraubt werden, ist erschütternd und kaum anzusehen. Die vier Folgen von „When They See Us“ bauen sich nicht klassisch bis zum Urteil auf. In der dritten Folge werden vier der fünf als nunmehr jungen Männer entlassen. Die Episode skizziert, wie schwer ihnen die Rückkehr in die Familie und in die Gesellschaft fällt und welchen Restriktionen sie weiterhin unterliegen.

Die vierte, eineinhalbstündige Folge widmet die Regisseurin beinahe ausschließlich dem Gefängnisaufenthalt von Korey Wise (superb: Jharrel Jerome). Als einziger zum Tatzeitpunkt bereits 16 Jahre alt, wurde er vor Gericht wie ein Erwachsener behandelt. Im Gefängnis träumt er sich davon, verliert aber schrittweise seine kindliche Naivität. Das berührt – auch, weil Wise anfangs nicht zu den Verdächtigen zählte, er wollte bloß seinen Kumpel Yusef auf der Polizeistation unterstützen. Wise ist es auch, der im Gefängnis zufällig jenen Mann trifft, der die Tat begangen hat (und danach eine schwangere Frau vergewaltigt und ermordet hat). Diesem scheint es zuwider zu sein, dass Wise immer noch inhaftiert ist. Er gesteht.

DuVernay arbeitet teilweise mit surrealen Sequenzen, gießt die Träume der Buben in Bilder. Die Kamera filmt oft auf Hüfthöhe – wie aus Perspektive von Kindern, lässt „die da oben“ noch mächtiger erscheinen. Mit Stilisierungen und Zeitlupen geht die Regisseurin sparsam um. Statt zu glorifizieren, porträtiert sie die fünf Familien. Vor allem die Mütter spielen eine zentrale, nicht nur positive Rolle. Wie das Haftsystem in den USA zum Geschäft gemacht wird (25 Dollar für einen Anruf!) bleibt ein Nebenaspekt. Diesem Thema hat DuVernay bereits die oscarnominierte Netflix-Doku „13th“ gewidmet.
Der Serientitel verweist freilich auf institutionellen Rassismus. So nannten Medien die fünf etwa „Wolfsrudel“, machten Menschen zu Tieren. Und Donald Trump, damals Geschäftsmann, forderte in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige die Wiedereinführung der Todesstrafe in New York. Aber „When They See Us“ bezieht sich auch auf den Einzelnen: Menschen „sehen uns an und hassen uns“, sagt Kevin, der kindlichste der fünf, einmal, und bricht in Tränen aus. Es ist zum Weinen.

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Kevin Richardson (Asante Blackk) wurde von einem Polizisten geschlagen. Das blaue Auge wird später gegen ihn verwendet - das Opfer habe es ihm verpasst, behaupten die Ermittler. – (c) Netflix (Atsushi Nishijima/Netflix)

Die Serie

„When They See Us“ von Ava DuVernay

Vier ein- bis eineinhalbstündige Folgen

Mit: Jharrel Jerome, Jovan Adepo, Michael K. Williams, Logan Marshall-Green, Joshua Jackson, Blair Underwood, Vera Farmiga, John Leguizamo, Felicity Huffman, Niecy Nash, Aunjanue Ellis und Kylie Bunbury

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