Song Contest 2015: „Österreich braucht das“

Der australische Songcontest-Forscher Dean Vuletic im Interview. Er glaubt, dass die Großveranstaltung das Image Wiens aufpolieren könnte.

(c) APA/ORF

Die Presse: Wieso forscht ein Australier über den Eurovision Song Contest?

Dean Vuletic: Ich habe seit meiner Kindheit den Song Contest geschaut. Meine Eltern sind aus Kroatien, ich bin zweisprachig aufgewachsen. Der Song Contest hat mir immer das Gefühl gegeben, mit Europa verbunden zu sein.

Wie war die Wahrnehmung vom Song Contest in Australien?

Er war damals nicht so bekannt wie jetzt. Mittlerweile hat der ESC in Australien Kultstatus. Jedes Jahr werden dort ESC–Partys abgehalten. Freunde kommen zusammen und jeder hält zu einem Land.

Wann haben Sie begonnen, darüber zu forschen?

Beschäftigt habe ich mich damit schon als Geschichte-Student. Einmal habe ich eine Seminararbeit darüber verfasst. Alle haben gelacht, aber die Professorin fand sie interessant. In meiner Dissertation über die Rolle der Pop-Musik im kommunistischen Jugoslawien gab es wieder ein Teil über den ESC.

Und das hat Sie bewogen, weiter zu machen?

Nach der Dissertation dachte ich mir: Ich bin auf Balkan-Studies spezialisiert, ich möchte etwas Europäisches machen. Also beschloss ich ein Buch über die Geschichte des ESC zu schreiben. Damals war ich in Florenz und habe dort auch an der Universität unterrichtet. Dort habe ich vorgeschlagen, einen Kurs über den ESC zu machen. Es ist, soweit ich weiß, die erste regelmäßige Vorlesung über den ESC, die es weltweit gibt. Und die halte ich jetzt auch in Wien.

Wieso ist der ESC für die Forschung überhaupt relevant?

Hinter dem Song Contest stehen viele politische Entwicklungen. Die EBU (European Broadcasting Union, Anm.) ist eine internationale Organisation. Und immer, wenn Länder zusammentreffen, wird es politisch, weil jeder seine Interessen durchsetzen will. Für mein Buch sehe ich mir auch an, was hinter der Bühne läuft.

Was zum Beispiel?

Ein Beispiel ist die Bewertung. Die war schon immer ein Problem. Da gab es Länder, die das Bewertungssystem so verändern wollten, dass sie einen Vorteil haben. Auf der anderen Seite zeigt die Einführung des Publikumsvotings viel. Wenn man sich die EU heutzutage anschaut, dann ist es ein Thema, wie viel die Öffentlichkeit entscheiden soll? Der ESC spiegelt auch wider, was in Europa vorgeht.

Hier ist man lange davon ausgegangen, dass die Punkte nach Länderfreundschaften vergeben werden. Ist das so?

Für manche Länder bestimmt, aber für viele nicht. Österreich war immer ein bisschen ein Außenseiter. Das hat auch damit zu tun, dass die internationale Auswirkung der österreichischen Pop-Musik nicht so groß ist, im Gegensatz zu der Geschichte mit klassischer Musik. Anders ist das in Osteuropa. Ex-Jugoslawien teilte lange Musik und Künstler. Aber ich glaube, siegen tut letztendlich immer einer des besten Songs. Conchita oder Loreen mit Euphoria konnten einfach viele begeistern.

 

Wie wurde Österreich beim ESC bisher wahrgenommen?

Österreich hatte eine sehr interessante Rolle. 1968 wurde Österreich von Karel Gott repräsentiert. Einem tschechischen Sänger. Das war sehr symbolisch, weil es zur Zeit des Prager Frühlings war. 1969 war Österreich das einzige Land, das den Song Contest in Madrid boykottiert hat. Weil er in Franco-Spanien stattgefunden hat. Und dann hatte es selbst ein Problem. Als Kurt Waldheim 1986 kurz davor stand, zum Präsidenten gewählt zu werden, entsandte Österreich Timna Brauer, also eine jüdische Sängerin. Im Jahr 2000 waren es die Rounder Girls (zwei Sängerinnen hatte eine dunkle Hautfarbe, Anm.) zu einer Zeit, als Österreich unter diplomatischen Sanktionen wegen der schwarz-blauen Regierung stand.

Dabei ist der ESC hier eigentlich völlig unbeliebt.

Ich weiß. Als ich im September 2013 nach Österreich kam, war Conchita schon nominiert. Den meisten war das völlig egal. Und wenn mich die Leute gefragt haben, was ich mache, dann haben sie zuerst gelacht und dann gesagt: Wen interessiert das?

Und jetzt?

In dem Moment, in dem sie gewonnen hat, hat sich alles geändert. Das sehe ich mir jetzt auch für mein Buch an. Wie Länder auf gute und schlechte Plätze reagieren.

Kennen Sie die Kommentare von Stermann und Grissemann zum Song Contest?

Natürlich. Das ist auch interessant. Man glaubt ja immer, dass alle den gleichen Song Contest sehen. Aber er ist stark von den Moderatoren in den Ländern abhängig. Sie beeinflussen, wie der Song Contest zuhause wahrgenommen wird. Stermann und Grissemann sind ein gutes Beispiel. Oder vorher Terry Wogan von der BBC. Er war sehr kritisch und machte Witze über die Künstler.

Gibt es Länder, wo der ESC so unpopulär war wie hier?

Im Vereinigten Königreich ist es wohl ähnlich. Die haben schon lange nicht mehr gewonnen und sind generell EU-kritischer. In Tschechien ist der ESC auch eher unbeliebt. Die waren nur von 2007 bis 2009 dabei und waren jedes Mal im Ranking ganz unten. Aber sie kommen nächstes Jahr zurück.

Und wer begeistert sich dafür?

Nach dem Ende des Kalten Krieges war es wohl eher der Osten, der den ESC auch für seine Integration in den Westen benützte. Andere Länder der Ex-Sowjetunion wollen zeigen, dass sie modern sind und wohlhabend. Russland oder Aserbaidschan sind Beispiele dafür. Weiter im Norden hat noch Schweden eine große ESC-Kultur.

In Wien will man mit dem Song Contest sein Image ändern. Glauben Sie, das geht?

Ja, das hat man an Aserbaidschan gesehen. Auf einmal war Baku eine internationale Touristendestination. Wer wusste davor, dass sich Aserbaidschan überhaupt europäisch sieht? Ein muslimisches Land? Im Süden der Iran und neben der Türkei? Der Contest hat oft eine sehr symbolische Funktion.

Was werden die Menschen nach dem ESC in Wien denken?

Hoffentlich, dass Wien eine sehr vielfältige und moderne Stadt ist.

So möchten die Politik die Stadt gerne positionieren.

Ja, aber Österreich braucht das. Viele kennen Bilder von der Hofburg, dem ersten Bezirk und die negativen Images von der Rechtsaußenpoltitik und dem Zweiten Weltkrieg. Aber viele würden auch nicht glauben, dass Wien so multikulturell ist.

Dean Vuletic

Der Australier Dean Vuletic hat an den US-Elite-Universitäten Columbia und Yale Geschichte studiert und kam noch vor dem Sieg von Conchita Wurst nach Wien, um hier an seinem Buch über den Song Contest zu forschen. Darin befasst er sich mit der Geschichte des Song Contests und seiner Bedeutung für Europa.

 

 

 ("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2014)

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