Mit der Muse der Tragödie zum Song Contest

„Limits“, der Beitrag der österreichischen Teilnehmerin Paenda ist ordentlich, aber nicht außerordentlich.

Paenda vor Melpomene, der Muse der Tragödie
Paenda vor Melpomene, der Muse der Tragödie
Paenda vor Melpomene, der Muse der Tragödie – (c) Screenshot: Youtube

Welche Muse ist für den Song Contest (heuer von 14. bis 18. Mai in Tel Aviv) zuständig? Euterpe mit ihrer Flöte? Die liebevolle Erato? Die fröhlich tanzende Terpsichore? Die liederreiche Polyhymnia? Zumindest für das Video ihres Song-Contest-Beitrags „Limits“ hat sich Gabriela Horn vulgo Paenda anders entschieden: Da zeigt sie sich vor düsterem Himmel – mit Melpomene, der Muse der Tragödie, in der Gestalt der Statue, die im Belvedere-Garten steht.

Eine bewusste Wahl? Auch mit dem gewählten Song hat sich Paenda – bzw. haben sich die Kräfte im ORF, die sie nach Tel Aviv zum Liederstreit schicken – fürs Dramatische entschieden: „Limits“ ist eine langsam dräuende Elektro-Ballade, die auch im Refrain die getragene Anmutung nicht verliert. Auch wenn im Video die Sterne spritzen, in der Musik explodiert nichts, es pocht und zischt nur, das aber mit Echo und Pathos.

Welches Drama läuft hier? „I'm so trapped within me“, singt Paenda, dann sieht sie ein „face in the mirror“, dann kommt unvermittelt ein Sprung ins Wir, in einer altmütterlich anmutenden Weltverbesserungsformel: „How I'd like to say we'll better tomorrow or any day.“

Im Refrain kommt das Du

Worüber spricht sie? „I'm talkin' 'bout you“, sangen Ray Charles und Chuck Berry, beide im Jahr 1958, bei Berry war's ein Mädchen, bei Charles ein Freund. Bei Paenda bleibt das Du rätselhaft: „I'm talkin' 'bout you, you, you“, singt sie im Refrain, nunmehr im Falsett, „and the love you're trying to find, and how hard you try to hide it.“

Die Liebe verbergen: Auch das ist ein altes Motiv im Pop, man denke an das (auch als Anspielung auf eine unterdrückte homosexuelle Affäre interpretierte) Beatles-Lied „You've Got To Hide Your Love Away“. Doch Paenda führt das Motiv nicht weiter, sondern landet wieder bei sich selbst. Sie spüre den Schmerz gar nicht mehr, singt sie, nun mit künstlich verdoppelter Stimme: „The pressure on my chest becomes almost routine.“

Der Schmerz ist real, auch wenn der musikalisch ordentliche Song nichts Außerordentliches tut, um ihn glaubhaft zu machen –, aber das Szenario um ihn bleibt diffus, zwischen Ich und Du und Wir geisterhaft verschwommen. Im Video steht Paenda da wie ein Schulmädchen, das ein Gedicht aufsagen soll, die Hände vor der Mitte gefaltet, blickt sie frontal in die Kamera. Einmal wischt sie sich eine Träne von der Wange, am Ende dreht sie erstmals den Kopf zur Seite. Melpomene hat sie geküsst.

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