Rainbow Gathering: Flucht aus Babylon

In den ukrainischen Karpaten leben hunderte Menschen für einen Monat lang die Ideale der Hippiebewegung. Und doch sind die Teilnehmer des Rainbow Gathering nur bedingt die legitimen Erben der Blumenkinder.

Rainbow Gathering
Rainbow Gathering
(c) Clemens Fabry

Let the sunshine in. Mit weit ausgebreiteten Armen empfängt Julia den Sonnenaufgang, räkelt sich in den ersten Strahlen, die hinter den bewaldeten Bergen hervorblinzeln. Wie in Trance lässt die junge Russin Oberarme und den Kopf mit seinen langen braunen Haaren langsam kreisen, scheint dabei das Licht wie eine Flüssigkeit aufzusaugen, während ihre Beine in der Glockenhose den Kontakt zur Erde nicht abreißen lassen. Sunshine, you make me, you make me feel so fine.

Langsam ist auch Bewegung auf dem Berghang hinter Julia zu bemerken. Es sind hunderte Zelte, aus denen sich nach und nach Menschen schälen, die mit verschlafenen Blicken ihre Feuerstellen anheizen, Kaffee aufsetzen – oder die im Lotossitz mit verschränkten Beinen und aufrechtem Rücken auch erst einmal die Sonne begrüßen.

„Es ist ein ziemlich puristischer Lifestyle.“ Andre gießt Kaffee in eine Tasse und stellt die Kanne wieder zurück ans offene Feuer. Der 26-jährige Weißrusse ist schon seit mehr als zwei Wochen hier in den ukrainischen Karpaten, einige Kilometer Fußmarsch vom Dorf Ljuta entfernt. So wie hunderte andere hat es ihn hergezogen zum Rainbow Gathering. Eine Art Landkommune auf Zeit, irgendwo fernab der Zivilisation.

Zurück zur Natur. Anfang der Siebziger gab es die ersten derartigen Treffen in den USA. Aus der Asche der Hippiebewegung heraus, die damals ihr kurzes, aber auch intensives Leben längst ausgehaucht hatte, bildete sich die Regenbogen-Familie. Gemeinsam wollte man wieder zurück zu den Wurzeln, zur Natur, zum gemeinsamen Leben in der dörflichen Gemeinschaft. 1983 gab es in der Schweiz das erste Treffen auf europäischem Boden, seither gibt es regelmäßige Zusammenkünfte, meist um den zweiten Vollmond nach der Sommersonnenwende.

Kommen kann jeder, der will. Aus allen möglichen Ländern sind sie auch diesmal angereist; Österreicher, Deutsche, Russen, Ungarn, Holländer – sogar zwei Chinesen sollen hier sein, erzählt man sich. Sie sind Studenten, Schmuckdesigner, Computerprogrammierer, Ärzte, Manager; sie kommen allein, mit Partner, Freunden oder der ganzen Familie. Der Regenbogen, das Symbol der Zusammenkunft, soll diese bunte Mischung widerspiegeln. Rund um den Vollmond waren rund 2000 Menschen hier in den Bergen, um ganz im Stil der alten Hippies zu leben und zu feiern.


Vollbluthippie? Anfang der Siebziger war die Hippiebewegung eigentlich schon tot. Neue Bewegungen wie der Punk versetzten ihr den finalen Todesstoß. Doch immer wieder tauchten Elemente der Hippies wieder in neuen Modeströmungen auf. Vor allem im Sommer ist es die Mode, die Tunikas, Flatterröcke und Blumen im Haar wieder modern erscheinen lässt. In den Neunzigern gab es mit Goa, einer esoterisch angehauchten Art von Techno, ein großes Revival. Die gleichnamige Provinz in Indien war zumindest äußerlich plötzlich wieder vom Hippiegeist beseelt. Doch spätestens zum 40-Jahre-Revival des legendären Woodstock-Festivals Mitte August wird klar, dass all die Reminiszenzen nur an der Oberfläche bleiben.

„Es gibt nur noch Spurenelemente dieses Geistes“, sagt Jugendforscher Philipp Ikrath. Es seien vor allem die Gebildeten, die sich der Öko-Alternativszene zugehörig fühlen, ein alternatives Weltbild vertreten, sich politisch eher diffus links sehen und meist vegan oder zumindest vegetarisch leben. Aber „den Vollbluthippie, den gibt es so gut wie überhaupt nicht mehr“.

Wie ein echter Hippie sieht Andre vor seinem Zelt dann auch wirklich nicht aus. Gelber Kapuzenpulli, Armeehose, dicke Socken unter den Sandalen, kurze Haare, der Bart gepflegt. „Das Rainbow ist nicht unbedingt Hippie, es ist mehr New Age.“ Ein bisschen Esoterik, fernöstliche Religiosität, ein paar Versatzstücke aus alten Kulten der Maya, ein bisschen Lebensstil der Indianer, dazu Seminare zu Yoga und Meditation. Das Om gehört bei einem Rainbow Gathering zum Alltag.

Gerade erst sind einige von Andres Freunden mit ihren Iso-Matten unter dem Arm aufgebrochen – zu einem Massageworkshop in den Wald. All das geschieht freiwillig und ohne komplizierte Organisation. Wer möchte, soll und kann sein Wissen weitergeben. Wo und wann ein Workshop stattfindet, wird einfach weitererzählt. Pflicht gibt es dabei nicht. Man kann sich auch einfach den ganzen Tag nur zurücklehnen und nichts tun.

Und doch funktioniert dieses seltsame Zusammenspiel von Menschen ganz ohne Hierarchie. „The work you see is your work“, sagt Sonja, Sozialpädagogin aus Berlin, „sobald jemand etwas sieht, das gemacht werden muss, sollte er es einfach tun.“ Die Enddreißigerin, Stammgast bei den regelmäßigen Treffen, liebt genau diesen Gedanken. Hat man Hunger, geht man einfach in die Küche und kocht – dann aber gleich für alle. Sieht man, dass die Latrine – hier nennt man sie „Shit Pit“ - überzugehen droht, schließt man sie und legt eine neue an. Als Nächstes, erzählt sie, werde sie die Kübel mit der Feuerasche wegtragen, die in der Latrine zum Neutralisieren verwendet wird. Kaum hat sie den Satz vollendet, hat die beiden Kübel aber schon jemand anderer in der Hand – ein junger Mann, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, stapft damit davon. „Siehst du, so einfach geht das hier.“


Babylon kommt hierher. Daheim in Berlin, da schaue jeder nur auf sich selbst. Da würde so ein System nie funktionieren. Umso schöner sei es, hier „für ein paar Wochen von Babylon wegzukommen“. Babylon, so nennt sie die Welt da draußen. Eine Welt, in der sie sich herumschlagen muss mit Kriminalität, Arbeitslosigkeit, zu wenig Geld. „Das spielt hier alles keine Rolle“, sagt sie. Nun, fast, denn „Babylon kommt hierher“, sagt sie und deutet nach unten an den Waldrand. Dort haben die Einheimischen einen Stand aufgestellt, an dem sie Lebensmittel verkaufen. Und mit Geländeautos haben sie eine Art Shuttleservice eingerichtet, das Besucher bis ins Zentrum des Lagers bringt. All das widerspricht dem Grundgedanken des Rainbow Gathering.

Schließlich finden diese Veranstaltungen nicht umsonst dort statt, wo die Zivilisation weit weg ist. Mehr als sechs Kilometer sind es vom letzten Ausläufer des Bergdorfs Ljuta bis zum Gelände; Autos sind zwar erlaubt, die letzten drei Kilometer müssen jedoch zu Fuß bewältigt werden. Bergauf, über kaum befestigte Wege, die bei Regen fast nur noch aus Schlamm bestehen. „Man soll den Weg bewusst erleben“, meint Sonja. Die Anstrengung in Kauf nehmen, die Natur verinnerlichen – und Babylon hinter sich lassen.

Dementsprechend soll auch Geld keine Rolle spielen. Und wenn, dann soll es allen zugutekommen: Nach dem gemeinsamen Essen wird mit dem „Magic Hat“ Geld gesammelt. Jeder soll geben, so viel er geben will. Davon werden dann Lebensmittel eingekauft, vorwiegend bei Bauern aus der Region. Wer einen Workshop abhält, macht das ohne Bezahlung. Auch die Ärzte und Heilpraktiker im Lager stellen ihre Dienste frei zur Verfügung.

Es funktioniert. Die alte Utopie der Hippies von einer Gesellschaft ohne Hierarchien findet zumindest hier in den ukrainischen Karpaten für einen Monat ihre Verwirklichung – so lange dauert ein Gathering. Kommen und gehen können die Besucher, wann sie wollen. Es gibt weder Tickets noch eine Zugangskontrolle. Und auch keinen offiziellen Veranstalter. Nur Freiwillige, die sich schon Wochen und Monate vor dem Treffen nach einem geeigneten Ort umsehen – und die Information per Mundpropaganda verbreiten.

Doch das nur an jene, die dazugehören – oder aktiv danach suchen: Das Internetforum, in dem der genaue Standort und Details über das aktuelle Gathering zu finden sind, steht nur registrierten Benutzern offen. Man versucht, keine Propaganda oder Werbung zu machen. Neugierige, die mit dem Gedanken hinter Rainbow nichts anfangen können, sollen gar nicht erst auf die Idee kommen, zum Treffen zu gehen. Das hier ist schließlich kein kommerzielles Rockfestival.

Damals in Woodstock mag ein solches Massenspektakel noch vom Hippiegeist beseelt gewesen sein. Doch mittlerweile hat sich viel geändert. Die Festivalindustrie lässt individueller Entfaltung nur mehr wenig Freiräume. Auch andere Elemente, die das Hippietum ausmachten, werden heute eher kritisch betrachtet. Drogen, zum Beispiel. „Vor allem LSD hat damals viel bewegt“, erinnert sich Helge Timmerberg. Der 57-Jährige lernte die Hippie-bewegung auf seiner ersten Indienreise kennen, zog in einen Ashram, bereiste barfuß und mit Gitarre die Welt und lebte in Kommunen am Land. „Die Drogen waren damals der Motor“, erzählt er, „die Spiritualität war nur der Überbau.“ Dieser esoterisch legitimierte Drogenkonsum ist heute kaum mehr zu finden, heute geht es dabei eher darum, die triste Realität zu verdrängen.


Keine freie Liebe. Im Rainbow-Camp wird das Erbe der Blumenkinder ebenfalls nicht vollständig angetreten. Denn Drogen gelten als unerwünscht. Selbst Alkohol ist nicht gern gesehen. Diese Dinge, heißt es, würden nur den Blick auf die Natur und das gemeinsame Leben verstellen. Und auch was das Hippie-Ideal der freien Liebe angeht, zeigt man sich im Camp eher konservativ. Natürlich ist die Liebe ein Thema, aber „sie kommt vom Herzen“, meint Veronika, „nicht vom Sexuellen.“ Die 26-jährige Weißrussin ist Andres Freundin. Sex mit anderen Rainbow-Teilnehmern ist für sie kein Thema.

Dass es dennoch eine Verbindung zwischen den Teilnehmern gibt, wird vor allem am Abend spürbar. Dann, wenn rund um den Circle, eine große zentrale Feuerstelle, gemeinsam gegessen, gesungen und getanzt wird. Man reicht sich die Hände, geht in sich, dankt der Natur. Vor allem die Vollmondnacht wird dann zu einem riesigen Fest. „This is family, this is unity“, singt die Regenbogen-Familie dann, „this is celebration, this is sacred.“

In Momenten wie diesen blitzt der alte Hippiegeist wieder auf. Das Ideal des Gemeinsamen, abseits von Alltag und Kommerz, scheint rund um das Feuer eine Wiederauferstehung zu feiern. Fast mutet es an wie eine Szene aus „Hair“, dem Urmusical der Hippiebewegung. „Then peace will guide the planets, and love will steer the stars.“ Die Euphorie ist zu spüren. Der Hippiegeist lebt. Zumindest so lange, bis die Regenbogen-Familie wieder zurückkehren muss – nach Babylon.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2009)

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