Matt und Rainer: Zwei Dandys kaufen Anzüge

Sie stammen beide vom Land, verpflanzten sich aber in die Großstadt. Ein Dandy-Rundgang durch das Wien von Kunsthalle-Chef Gerald Matt und „Profil“-Herausgeber Christian Rainer.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Der oberflächliche Zeitgenosse würde vermutlich behaupten, Gerald Matt und Christian Rainer seien aus dem gleichen Stoff geschneidert: Endvierziger, Mode-Aficionados, Reiseroutiniers und Exzentriker. Das stimmt alles irgendwie – aber irgendwie auch nicht.

Fast, als hätten sie selbst ein wenig Angst davor, dem anderen zu sehr zu ähneln, betonen sie schon zu Beginn des gemeinsamen Wien-Rundgangs, was und wie viel sie voneinander trennt.

Das beginnt bei der Herkunft: Bregenz (Matt) versus Ebensee (Rainer). Setzt sich fort beim Stil: 40er-/50er-Jahre (Matt) versus 60er (Rainer). Und endet bei der Art zu wohnen und zu arbeiten: Vorhang zu, dunkel, nach innen gerichtet (Matt). Keine Vorhänge, viel Glas, nach außen gerichtet (Rainer). Und nicht zu vergessen die Spleens: Der eine (Matt) ist leidenschaftlicher Sammler, der andere (Rainer) rationaler Wegschmeißer.

Dabei war die Idee, mit den beiden durch Wien zu gehen, nur deshalb entstanden, weil Kunsthalle-Direktor Gerald Matt und Herausgeber des „Profils“, Christian Rainer, zweifelsohne zu den bekanntesten Personen Wiens zählen, die auch durch ihren ausgeprägten Kleidungsstil – Vintageanzüge oder bunte Hosen – auffallen (wollen). Motto: Zwei Dandys zeigen ihr Wien. Wo kauft sich also Christian Rainer seine Hosen? Wo lässt sich Gerald Matt seine Vintagestücke aus aller Welt, wie den schwarzen 1949-Anzug aus dem Fundus von Donna Karan, den er bei dem Rundgang trägt, aufmotzen?

Schon die erste Frage führt doch zu einer Gemeinsamkeit. Beider Antwort lautet nämlich: „Beim Netousek.“ Genauer: bei Hans und Renate Netousek. Das Ehepaar führt den Familienbetrieb in zweiter Generation, die dritte steht mit Sohn Thomas auch schon im 75 m großen Geschäft (Gumpendorfer St. 17). Matt und Rainer lassen hier seit gut zwanzig Jahren ihre Anzüge anfertigen. Der Chef spricht sie höflich und nur mit „Herr Doktor“ an. Mit ihrem eigenwilligen Stil musste Netousek erst umgehen lernen. „Man muss sich sein Vertrauen erarbeiten“, sagt Rainer. Sein Anzug mit dem sogenannten „Window-Pain“-Muster wurde 2006 hergestellt, das fliederfarbene Innenfutter hat er sich gewünscht. „Das ist natürlich Geschmackssache. So wie die Ärmellänge. Mir ist das schon zu kurz“, sagt Netousek.


Gleichklang bis zum Lichterloh. Gerald Matt schwärmt zudem noch von einem anderen Schneider, dem Uniformspezialisten Alfred Thuy (Kreuzgasse 80). „Er schneidert für narrische Ungarn k.u.k.-Uniformen und ist hervorragend im Nachschneidern.“ Man ist sich einig, was man an der Stadt hat – aber auch, was man hier nicht hat: ein Geschäft für Sockenhalter. „Die bekommt man nur in London und New York.“

Apropos London. Dort würden die beiden niemandem auffallen, sagt Rainer. „Dafür geht es mir in Wien eher so, dass mir die anderen auffallen“, ergänzt Matt. Das Interesse für geschmackvolle Kleidung hat vor allem Matt früh entwickelt. Er erinnert sich an seinen ersten Anzug, „einen zitronengelben, kurzärmeligen und -hosigen“, den er als Fünfjähriger trug. „Ich habe ihn so geliebt, dass ich fast auf das Wachsen verzichten wollte.“

Einigen können sich die beiden noch auf das Design- und Möbelgeschäft Lichterloh, gleich neben den Netouseks. Hier hat der Magazinherausgeber den Großteil seiner Einrichtung besorgt, hier sammelt die Mitgeschäftsführerin Dagmar Moser alte Krawatten für den Museumsdirektor mit Sammelwut. Die Chefin kennt ihre Kunden und wünscht zum Abschied süffisant: „Viel Spaß mit euch selbst.“

Aber nach dem „Lichterloh“ ist Schluss mit dem Einklang. Matt macht morgens – auf dem Weg von seiner Naschmarkt-Wohnung zum Büro – stets kurz Halt im Café Sperl. Für „einen kleinen Braunen und die Zeitungen“. Rainer hingegen sagt: „Ich hasse Kaffeehäuser. Ich halte das für geschwätzigen Zeitvertreib.“ Er liest Zeitungen lieber in seiner kleinen Wohnung im Dachgeschoß des 1931 erbauten Hochhauses in der Herrengasse mit Blick über Wien oder im Büro. Matt liebt die plüschige Bonbonniere Bar in der Spiegelgasse, die ihn an den „Dritten Mann“ erinnert. Rainer schwärmt für die durch einen Stiegenaufgang betretbare Bar „First Floor“ in der Seitenstettengasse – mit dem nur von Seegras bevölkerten Aquarium hinter der Bar. Einig werden sie sich erst wieder an einem morbiden Ort: dem Friedhof der Namenlosen am Alberner Hafen. Die Kunst des Verschwindens, die hier perfektioniert werde, gefalle ihnen. Denn letztlich seien sie „introvertiert“, sagt Rainer. „Wir sind extrovertierte Introvertierte“, ergänzt Matt. Sind sie am Ende doch aus demselben Stoff geschneidert?

Lichterloh (1). Exquisites Design, Gumpendorfer Str. 15.

Netousek (2). Anzuglieferant für Matt und Rainer, Gumpendorfer Straße 17.

Friedhof der Namenlosen (3).Morbider Ort am Alberner Hafen, Schwechat.

First Floor (4). Wiens schönste Bar, Seitenstettengasse 5.

Hochhaus in der Herreng. 6–8 (5). Rainers Wohnhaus.

Bonbonniere Bar (6). Spiegelgasse 15, Matts liebste Bar.

Stadt Wien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2010)

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