„Nicht schiach“: Das Café Hummel in Randlage

Das Café Hummel in der Wiener Josefstadt feierte mit einiger Verspätung seine Wiedereröffnung nach der Renovierung. Die ihm trotz allen Unkens nicht geschadet hat.

Archivbild
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(c) FABRY Clemens

Die neuen Zeitungsablagen sind eine schwere Fehlkonstruktion. Doch sonst ist – um es mit dem Lieblingswort von Oberkellner Anton zu sagen – alles bestens im Café Hummel. Dessen Umbau hatten Stammgäste wie Feuilletonisten (auch dieses Blattes) mit düsterem Unken begleitet, wohl wissend: Die beste Art, die Aura eines Kaffeehauses zu zerstören, ist es, dieses zu renovieren.

Das Café Hummel im achten Bezirk ist ganz offensichtlich die Ausnahme von dieser Regel: Es hat an Schäbigkeit verloren und trotzdem keinen marmornen Glanz angenommen, sondern den leicht staubigen Charme des „Citycafés in Randlage“ behalten. So nennt Christina Hummel, Chefin des 1935 von ihrem Großvaters gegründeten Kaffeehauses, ihr Lokal selbst. Sie hat ja einst auf die besorgte Frage eines Stammgastes – „Wird's nicht schiach sein nach der Renovierung?“ – mit der Gegenfrage geantwortet: „Bin ich schiach?“ Und da gibt es natürlich nur eine Antwort: ganz im Gegenteil.
Am Montagabend jedenfalls lud sie zur Feier der Wiedereröffnung – immerhin etliche Monate nach dieser.

St. Louis Blues und Kellner in Zivil

Warum die lange Latenzzeit? Um ihren Kellnern Zeit zu geben, sich wirklich an die neue Umgebung zu gewöhnen, erklärte Christina Hummel, die sich übrigens beharrlich weigerte, den Abend mit einer Gesangseinlage zu krönen. Schön (und sehr voll) war's trotzdem: Dana Gillespie und das Joachim Palden Trio holten St. Louis in die Josefstadt, Menschen aller Stände und Professionen – von Bezirksvorsteherin Veronika Mickel über Schauspieler Wolfgang Böck bis zu Grasser-Anwalt Manfred Ainedter – plauderten heftig, zu später Stunde wechselten sogar die Kellner in zivile Kleidung, selbstverständlich ohne dabei ihre natürliche Würde zu verlieren.

Tatsächlich eröffnet wurde am Montag die Ausstellung des Josefstädter Malers Jörg Huber – wenn einen etwas mit dem schweren Erbe des Phantastischen Realismus versöhnen kann, dann dessen wilde „Bilder aus vier Jahrzehnten“. Das zentrale Kunstwerk (wiewohl in Randlage) des Café Hummels bleibt freilich das große Tableau von Katharina Struber: ein geisterhaftes Szenario eines Lokals, in dem die Gäste auftauchen und verschwinden, die Beschwörung einer Besuchermasse, die bei näherer Betrachtung aus sehr eigenständigen und eigenartigen Individuen besteht. Wie das halt so ist im Wiener Kaffeehaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2012)

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