Das perfekte Gemüse darf wieder krumm sein

Zwei Berlinerinnen spezialisieren sich auf zweibeinige Karotten. Die Suche nach perfekten Lebensmitteln gibt es nach wie vor – heute müssen sie aber nicht mehr makellos sein.

perfekte Gemuese darf wieder
perfekte Gemuese darf wieder
perfekte Gemuese darf wieder – (c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at

Zweibeinige Karotten, herzförmige Erdäpfel, Rote Rüben, deren Form eher an ein Ringelschwänzchen erinnert, oder ein um die Ecke gewachsener Sellerie. Für die Zulieferer großer Supermarktketten ist all das wenig willkommen, ein Ärgernis, das Arbeit macht, aber weniger Geld bringt – und höchstens für den Eigengebrauch oder die Weiterverarbeitung verwendet werden kann. Für Lea Brumsack und Tanja Krakowski sind solche Exemplare hingegen Kunstwerke, die die Eigenwilligkeit der Natur verdeutlichen und eine willkommene Alternative zur konventionellen Supermarktware bieten.

Deshalb haben die beiden Berlinerinnen im Vorjahr ein Unternehmen gegründet, bei dem ebendieses Gemüse im Mittelpunkt steht. „Wir sind eigentlich Produktdesignerinnen und haben uns schon immer für die Esskultur interessiert, besonders für die Themen Verschwendung, Regionalität und Vielfalt“, sagt Brumsack. Unter dem Namen Culinary Misfits haben die beiden ein Catering-Unternehmen gegründet, bei dem nicht nur bio und vegetarisch, sondern eben mit solcher „Ausschussware“ gearbeitet wird. Auch auf Märkten und Events waren die zwei schon vertreten und sind dort – wenig überraschend in Berlin – auf reges Interesse gestoßen. „Es geht uns um die Wertschätzung – unser Credo lautet ,Esst die ganze Ernte‘ –, aber auch um die Ästhetik“, sagt Brumsack.


Anders sein. Das Alleinstellungsmerkmal dürfte dabei aber auch eine Rolle spielen. Denn regionales Biogemüse ist mittlerweile so gut wie auf jedem Wochenmarkt zu bekommen. Wer sich davon abheben will, muss schon ein bisschen mehr bieten. Culinary Misfits bekommt zwar jene Ware von Bauern geliefert, die diese sonst nicht loswerden – also zweite Wahl, Überschüsse durch Fehlkalkulationen –, wirklich günstiger sind deren Produkte aber nicht. „Durch den Aufwand in der Küche kommen wir am Ende auf den gleichen Preis wie bei anderen Caterings.“

Interesse an jenem Gemüse, das bis jetzt keinen Platz im Handel hatte, zeigen mittlerweile aber auch die Großen. So hat die Schweizer Supermarktkette Coop diesen Sommer erstmals Marillen mit Hagelschäden unter dem Label Ünique auf den Markt gebracht. Die lediglich optisch beeinträchtige Ware wurde dabei günstiger verkauft – offenbar erfolgreich. Den Walliser Marillen sollen weitere Produkte folgen.

Auch in Österreich möchte man auf diesen Trend aufspringen. Die Rewe-Gruppe will ab Ende September nicht perfekt aussehendes Obst und Gemüse – vorerst Äpfel, Karotten und Erdäpfel – in den Handel bringen. Details dazu werden noch nicht bekannt gegeben, nur so viel sagt Sprecherin Ines Schurin: „Das sind keine Riesenmengen, sondern soll eher anlassbezogen funktionieren. Wir entwickeln eine eigene Marke, die gerade geprüft wird.“


Verkaufsargument gutes Gewissen. Ob dahinter nun Marketing oder Engagement in Richtung Ressourcennutzung steht, sei dahingestellt. Immerhin gibt es die Möglichkeit, nicht makellose Ware zu verkaufen, schon länger. Genutzt hat sie bis jetzt aber kaum jemand. Jetzt dürfte aber die Zeit dafür reif sein. Das große Geld wird mit den weniger hübschen Produkten wohl nicht gemacht werden. Viel wichtiger ist ohnehin die Botschaft, die beim Kunden hängen bleibt: Die kümmern sich um die Umwelt und agieren verantwortungsvoll. Man ist beruhigt und erhält das, was derzeit ohnehin noch mehr gefragt ist, als natürlich wirkendes Gemüse: ein gutes Gewissen.

„Man kann die Schweiz nicht als Modell hernehmen, die muss sich nicht an EU-Recht halten“, sagt ein Experte aus dem Landwirtschaftsministerium, Abteilung Obst, Gemüse und Sonderkulturen, der nicht namentlich genannt werden will. Er vermutet dahinter eine Marketingaktion, immerhin werde „in der Branche“ zwar viel darüber gesprochen – was dann verkauft werden soll, wisse aber niemand. Fakt ist, dass in der EU für zehn Produkte (Äpfel, Zitrusfrüchte, Kiwis, Salate, Pfirsiche & Nektarinen, Birnen, Erdbeeren, Paprika, Tafeltrauben und Paradeiser) strenge Normen gelten, die einzuhalten sind. Sie werden in verschiedene Handelsklassen eingestuft (siehe Interview rechts). Für Erdäpfel gibt es keine EU-Regelung, deshalb werden sie in Österreich national geregelt. Bei allen anderen Produkten gelten Mindeststandards.

Im Regal bedeutet das, dass eine optisch beeinträchtigte Marille einfacher verkauft werden darf als ein zu klein geratener Apfel. Interessant dabei ist, dass die EU im Jahr 2011 die Regelungen für Obst und Gemüse gelockert hat – genau genommen bei 26 Produkten, weshalb zum Beispiel die viel zitierte krumme Gurke wieder erlaubt ist. Im Regal ist sie aber dennoch selten zu finden. „Der Handel hat das nicht registriert und geht nicht darauf ein. Verkauft wird nach wie vor hauptsächlich Ware der Klasse eins“, so der Beamte, der die Verschwendung der Lebensmittel nicht auf Normen zurückführen will – immerhin wird Ware, die nicht im Handel verkauft werden darf, zur Verarbeitung verwendet –, sondern das Übel eher darin sieht, dass in privaten Haushalten zu viel weggeschmissen wird.

Auch Bernd Kajtna vom Verein Arche Noah, der sich um alte und seltene Obst- und Gemüsesorten kümmert, glaubt nicht, dass jetzt plötzlich krummes Gemüse sein makelloses Pendant im Supermarktregal verdrängen wird. „Natürlich ist es positiv, wenn Lebensmittel verkauft werden statt weggeschmissen. Das darf aber nicht zulasten der Bauern passieren.“ Er kann sich nicht vorstellen, wie das in diesen Mengen funktionieren soll. „Bei Kartoffeln zum Beispiel gibt es Sortieranlagen. Da lässt der Bauer das durch die Sortieranlage laufen, dann ruft ein Konzern an, und er macht das ganze noch einmal? Dann wird das Produkt womöglich teurer“, so Kajtna. „Ich sehe das eher als Marketingaktion.“

Immerhin hat er in den letzten Jahren mehr Interesse und Akzeptanz an der natürlichen Vielfalt beobachtet. „Was noch nicht ganz da ist, ist die Bereitschaft, dafür Geld auszugeben. Vielleicht kommt das ja als Nächstes.“


Die Suche nach perfektem Obst. Historisch gesehen ist die Suche nach den perfekten Lebensmitteln keine, die der jüngeren Zeit entspringt – von einem Zurück zur Natur ist also nur bedingt die Rede. „Das gibt es, so lange es Menschen gibt. Schon die Römer wollten die schönsten Äpfel. Damals wurde eben mit Bienenwachs nachkoloriert, das sind uralte Verarschungsprinzipien“, sagt Martin Hablesreiter, der gemeinsam mit Sonja Stummerer das Buch „Food Design“ verfasst hat. In den 1970er-Jahren war man besonders stolz auf die Technik, weshalb Gemüse am liebsten würfelig geschnitten und im Tiefkühlbeutel daherkam. Danach war, dank Nouvelle Cuisine und Grün-Bewegung, wieder mehr Natürlichkeit gefragt. Das perfekte Obst wird also nach wie vor gesucht – nur soll es heute lieber natürlich statt makellos sein.

Natürlich

Culinary Misfits
Die Berliner Catering-Firma verarbeitet Gemüse, das im Handel keinen Platz hat. www.culinarymisfits.de

Zero Waste Jam
Das Franchise-Unternehmen verkauft Marmelade aus Früchten, die sonst vernichtet werden. zerowastejam.com

Ünique
Das Label der Schweizer Supermarktkette Coop verkauft optisch nicht perfektes Obst. Die Rewe-Gruppe will Ende September ein ähnliches Projekt starten. www.coop.ch

In Zahlen

45 Prozent der angebauten Lebensmittel in Europa kommen nicht in den Handel und werden teilweise gar nicht geerntet.

20 Prozent davon sind Verluste auf dem Feld, etwa durch Unwetterschäden.

20 Prozent fallen in der Produktion weg, etwa durch Überkalkulation.

10 bis 12 Prozent werden in privaten Haushalten vernichtet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2013)

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