Es(sen) werde Licht

Geniessen mit Durchblick. Die Künstlerin Theres Cassini kocht, damit ihren Gästen ein Licht aufgeht. Bei ihren Lichtspeisen wird von Glastellern auf einem Leuchttisch gegessen.

(c) Cassini

Am Anfang war das Licht. Und der Zufall. Vor etwa zwei Jahren stand die Künstlerin Theres Cassini am Dia-Leuchttisch in ihrem Atelier, als sich ein Salatblatt darauf verirrte. „Das durchleuchtete Stück Natur war wie eine Zeitreise in die Kindheit, die Erinnerung an einen Frühlingstag, wo die Sonne durch die frischen Blätter scheint.“ Da wurde der Künstlerin klar, dass man Speisen durchleuchten muss, um das Innere, die Struktur, sichtbar zu machen. „Dem bisherigen Essgenuss wird ein neuer optischer Reiz hinzugefügt, und es werden dabei tieferliegende emotionale Ebenen angesprochen. So wie man gewisse Speisen aus der Kindheit am Geruch heute nahtlos wiedererkennt und damit ein Universum an Gefühlen und Bildern verbindet“, meint die Foto- und Objektkünstlerin, die mit ihren interdisziplinären, körperbezogenen Arbeiten schon in den 90er-Jahren über die Grenzen Österreichs hinaus für Aufmerksamkeit sorgte (Preis für Modekunst, 1991 EXPO Sevilla und Barcelona, 1992 Paris). Damit war das Kunstprojekt „Lichtspeisen“ gegründet.

Am Anfang stand auch das Experiment: Es war notwendig, geeignete Lichtspeisen zu kreieren. „Die ersten Versuche waren missglückte Gelees und sphärisierte Erbsen, die hübsch aussahen, aber nach nichts schmeckten.“ Relativ schnell stellte sich heraus, dass sich die molekulare Küche vor allem geschmacklich perfekt für das Projekt eignete. Also las sich Cassini in das Werk des Spaniers Ferran Adrià ein, bestellte die dazu nötigen Zutaten und Werkzeuge in Deutschland. Als Molekularköchin sieht sie sich nicht, dieser Kochstil ist nur das nötige Werkzeug, um zum gewünschten künstlerischen Ergebnis zu kommen: Speisen wie sphärisierte – gelierte und innen flüssige – Tee-Ravioli mit gefrorenen Zitronenwürfeln oder Kaffeekaviar mit Anisbögerl, die mit Licht durchleuchtet werden und völlig neue Strukturketten zeigen.

Im zweiten Schritt folgte die Ritualisierung des Essens in bislang 14 Versuchsreihen. Dazu lud die Cassini Kunstfreunde ein, um mit ihr gemeinsam auf dem eigens dafür konstruierten Leuchttisch die „Lichtspeisen“ zu zelebrieren. Ein ganz und gar durchsichtiges Unterfangen: Gläser, Teller, Schüsseln – alles am Tisch besteht aus Glas, um genügend Licht zu den Speisen vordringen zu lassen. Selbst das Besteck ist durchsichtig, „wenn auch meistens noch aus billigem Plexiglas“, meint sie. Freunde sammeln für Cassini Messer und Gabeln aus Flugzeugen, eine geeignete Quelle für durchsichtiges Besteck hat sie noch nicht gefunden.

Essen der Kunst wegen.

Die Künstlerin stellt aber Bedingungen am Glastisch: „Man muss sich darauf einlassen können und bereit sein, hinzusehen, zu schmecken, zu schlürfen und zu schlecken.“ Sie hat auch schlechte Erfahrungen gemacht: „Leider gibt es auch Menschen, die Essen nicht genießen können, sie schlingen alles emotionslos runter.“ Die Gäste sollen sich mit ihren sinnlichen Eindrücken beschäftigen. „Die Differenzierung zu steigern ist sicher ein Teilaspekt des Projekts.“ Dem Differenzierungsvermögen überhaupt mal die Chance zu geben, darum gehe es der Vegetarierin bei den Lichtspeisen. Also Essen zur Demokratisierung des Geschmacks.

Der dritte Schritt des künstlerischen Prozesses widmet sich der Fotografie: Cassini gestaltet aus den Fotos eines Lichtspeisen-Abends Lichtboxen aus Glas, Plexiglas, Holz und Leuchtbalken, die – analog zum Leuchttisch – an die Wand gehängt werden. „Die sogenannten Fallenbilder der Eat Art von Daniel Spoerri versuchen, einen Moment der realen Alltagswelt, etwa abgebrochene Mahlzeiten, festzuhalten. Ich hingegen versuche, die sinnlichen Erfahrungen aus dem Ritual der ,Lichtspeisen‘ in neue Szenerien und Fotomontagen zu setzen“, definiert die Künstlerin. So wird für Cassini das Kochen zur „Mutter aller Künste“. „Konzeptionelle Fotografie mit dem herrlichen Beigeschmack, dass man dabei gut essen und trinken kann“, nennt Kunsthistoriker Thomas Zaunschirm Cassinis Projekt, „in Cassinis Lichtkästen treffen die Resultate der Molekularküche auf das immerwährende Thema der Künstlerin: die Arbeit mit dem Körper. Schließlich Schritt vier des köstlichen Kunstprojekts: Cassini verkauft nicht nur Lichtboxen, sondern fertigt auf Wunsch auch Tische für Lichtspeisen an – Kostenpunkt ab 2000 Euro. „Ein Lichtspeisen-Catering mit Party-Service wird es nicht geben“, sagt sie. Und wenn jemand mit dem Lichttisch nicht umgehen kann? „Dann werde ich gerne mithelfen – allein der Kunst und des Essens wegen.“

Essbare Lichtspiele

Kunst trifft Essen. Bei den Lichtspeisen kocht Theres Cassini für maximal zwölf Personen. Zehn Gänge werden im Stil der Molekularküche zubereitet und auf einem Leuchttisch serviert. Tel: 0664/264 19 60.

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