Altausseer Bierzelt: Lederhosen machen Leute

An diesem Wochenende findet das traditionelle Altausseer Bierzelt statt. Ein Fest mit vielen Einzigartigkeiten – eine davon bringen die Wiener mit.

(c) FFW Altaussee

Die Lederhose ist dunkel, ohne einen einzigen hellen Fleck. Nicht abgewetzt, nicht faltig, und noch nie hat jemand einen vom Hendl fettigen Finger auf dieser Lederhose abgewischt. Bier ist auch noch keines drübergeschüttet worden, und auch hinten hat kein stundenlanges Sitzen auf einer dreckigen Zeltbank Spuren hinterlassen. Man erkennt an dieser Lederhose: Es ist Samstag.

Man muss das erklären. Wir sind hier in Altaussee auf dem Bierzelt, das an diesem Wochenende zum 49. Mal stattfindet. Das Bierfest ist, und der mediale Hang zu Superlativen ist durchaus angebracht, das meistbesuchte Österreichs, das trinkfesteste, das – könnte man „traditionell“ steigern – traditionellste und auf jeden Fall das schönstgelegene. Seit 1961 gibt es das Zeltfest der Freiwilligen Feuerwehr Altaussee, seit 1963 findet es auf dem Fischererfeld mit Blick auf Loser, Sandling und das halbe Tote Gebirge statt. Und seit damals ist der Samstag den Wienern und der Montag den Einheimischen vorbehalten.

Man muss auch das erklären. Das Altausseer Bierzelt findet untypischerweise von Samstag bis Montag statt. „Am Sonntag haben s' früher so lang g'feiert, dass am Montag niemand g'arbeitet hat“, erklärt das Urgestein Hermann Wimmer, der seit 1975 Bierzeltchef ist. „Da hat man g'sagt: Dann feiern wir am Montag ah no.“

Am Montag aber, das wissen alle Eltern, beginnt in Wien die Schule. Und damit müssen die hunderten Ostösterreicher, die die Sommerfrische in ihrem Zweitwohnsitz im Ausseerland verbrachten, wieder in der großen Stadt sein. „Dann g'hört Aussee wieder uns“, sagt ein Einheimischer.

Es wäre jetzt leicht, eine Geschichte zu bauen zwischen den Zweitwohnsitz-Wienern und den Einheimischen. Die einen verhasst, die anderen urig. Aber dem ist nicht so. „Es hat sich einfach irgendwie so ergeben“, erklärt eine Dame vom Tourismusverband. Samstag ist eben Wiener-Tag, Montag ist Einheimischen-Tag. Und daher die Lederhosen: Die Wiener haben nämlich meist nagelneue oder blitzsaubere, weil sie sie nur an diesem einen Tag im Jahr anziehen. Die Einheimischen erkennt man daran, dass ihre Lederhosen abgewetzt sind vom vielen Tragen.


Verkleidung statt Kleidung. „Seeeaaaaaas Fredl“, schreit einer quer durch das Holzzelt. „Bist a do. Leiwand, gö?!“ Die zwei Ostösterreicher fallen sich bierselig in die Arme und betrachten sich anschließend wohlwollend. „Feeesch“, kommentiert der eine. „Nei kauft“, antwortet der andere in Krachlederner, grünen Stutzen, weißem Hemd und Trachtenjacke.

Der Wiener Akzent macht die Tracht zur Verkleidung. Selbst bei Hannes Androsch, der jedes Jahr dabei ist – auch am Montag – und eigentlich schon als Einheimischer gilt. Aber eben nur eigentlich. Oder bei den etlichen österreichischen Botschaftern, die den Doppelreiher gegen eine Lederne tauschen und glückselig ihre weißen Beine präsentieren. Aber die leuchtenden Augen der Neue-Lederhose-Träger verbieten jeden zynischen Kommentar.

Wer im Ausseerland etwas auf sich hält, und das tun die meisten, kauft seine Lederhose nicht bei irgendwem, sondern „beim Raich Christian“ in Bad Aussee. Er macht die Hosen von Hand, etwa 50 pro Jahr, und entsprechend lang ist die Wartezeit. Wer nächstes Jahr beim Bierzelt aufprotzen will, muss heuer noch Maß nehmen lassen. „I kennt scho mehr mach'n, aber des is dann nix mehr“, erklärt der umgängliche Raich Christian. Zwischen 800 und 2000 Euro muss man zahlen, das Leder kommt von einem einheimischen Hirsch, „wenn's wer mag, a von aner Gams“. Legal geschossen übrigens, auch wenn gewildert „a bessere Story wär, gö“.


Kein Tschi-bumm. Die Einzigartigkeit der Lederhose passt zur Einzigartigkeit des Bierfests. „Bei uns gibt's ka Tschi-bumm, koan Eintritt, koan Lautsprecher, koan Tanzboden, aber dafür g'scheits Bier“, sagt Werner Fischer, Hauptbrandinspektor der Feuerwehr und damit so etwas wie der Feldherr auf dem Fischererfeld. Denn die Freiwillige Feuerwehr veranstaltet das jährliche Bierzelt, um sich mit den Einnahmen neues Gerät zu kaufen. Die Floriani-Jünger in Altaussee, stellt man fest, sind ziemlich gut ausgerüstet.

„Gösser“ braut eigens fürs Bierzelt ein Bier, 600 Fass lagen die vergangenen zwei Wochen im Salzbergwerk. Einer hat sich ausgerechnet, dass in Altaussee pro Kopf mehr Bier getrunken wird als beim Oktoberfest in München. Und trotzdem: „Schlägerei hamma no koane g'habt“, sagt Zeltchef Wimmer, und der muss es wissen, weil er im Laufe der Jahre als „Abwäscher, Hendlbrater, Kellner“ und seit 34 Jahren als Chef immer dabei ist. „Dass aner amaol a Watschn kassiert, ja mei, des mag scho passieren.“

Eher an Samstagen als an Montagen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2009)

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