Ein Königreich für guten Honig

Für süßen Lohn: Das beseelte Handwerk des Imkerns lernen, fast mitten in Wien.

Schwarm. Futurefarmer und Hofherr Andreas Gugumuck, das Imkerlehrteam Brigitte, Kathinka, Marian (v. l. n. r.) im noch winterlichen Gugumuckhof.
Schwarm. Futurefarmer und Hofherr Andreas Gugumuck, das Imkerlehrteam Brigitte, Kathinka, Marian (v. l. n. r.) im noch winterlichen Gugumuckhof.
Schwarm. Futurefarmer und Hofherr Andreas Gugumuck, das Imkerlehrteam Brigitte, Kathinka, Marian (v. l. n. r.) im noch winterlichen Gugumuckhof. – (c) Jürgen Skarwan

Was für Tiere artgerecht ist, treibt uns schon länger um: Haltung, Ernährung, der ganze Umgang mit Hendl, Schwein und Kuh, wer nicht von ihnen lassen will. Wenn das Vieh ein bisschen glücklicher geworden ist, wird artgerechte Ernährung vielleicht auch für uns selbst ein Thema. Wie die aussieht? Jedenfalls ziemlich anders als heute üblich. Honig ist ein wichtiger Teil davon, er gehört zur Urnahrung des Menschen. Praktischerweise muss zu Honig niemand missioniert werden, ihn lieben alle. Und das fleißige Bienchen, seit ihm so zugesetzt wird, hat längst unseren Beschützerinstinkt geweckt. Könnte uns bitte jemand bekannt machen?

Neue Freundschaften. Ein Ort, an dem man viele neue Freunde finden kann, ist der Hof des Andreas Gugumuck am südlichen Wiener Stadtrand. Hier gehen Wohnbauten kurz angebunden in Äcker über, hier schwirren kühne Visionen für die urbane Farm der Zukunft umher. Es gibt auch konkrete Pläne. Den Anfang machen die Bienen, als erstes Projekt von Gugumucks Futurefarm. Ende Jänner hebt ein Imkerlehrgang ab, der sich über ein ganzes Jahr erstrecken wird und eine praxisorientierte Begleitung vorsieht, wie man sie sonst nirgendwo bekommt. Laut Auskunft beim Imkerverband sind Kurse derzeit überall gut gebucht, Interessierte müssen sich bei Verband und Volkshochschulen auf lange Wartezeiten einstellen. Dabei haben die meisten Kurse den Makel, dass sie aus räumlichen und zeitlichen Gründen mehr der Theorie nachhängen. Imkern sei aber Improvisation, erfahren wir auf dem Hof, ständig stehe man vor neuen Situationen. Ingrid, Kathinka und Marian sind die denkbar unorthodoxen Lehrkörper des Kurses. Die drei hat die Liebe zum Imkerhandwerk zusammengebracht, nun wollen sie Freude und Wissen teilen.

Einige interessante Fakten vorab: Die Stadt ist günstig für die Honigproduktion. Es herrscht Pollenreichtum (was man auch schmecken könne), selbst wenn wir das mit unserem Straßenblick gern aus den Augen verlieren. Es gibt weniger Spritzmittel als auf dem Land. Honig aus der nächsten Umgebung ist im Fall von Allergien zudem besonders gesundheitsförderlich, weil er einen mit jenen Pollen desensibilisiert, denen man tatsächlich ausgesetzt ist. Und: Österreich produziert nur etwa die Hälfte des Bedarfs im eigenen Land, der Rest wird importiert, meist von irgendwoher, also aus China. Gute Gründe also, einmal das eigene Terrain auf Tauglichkeit für Bienenstöcke zu prüfen. Nicht jeder Klopfbalkon, jeder Beserlpark passt, aber viele Dachterrassen, viele Gärtlein und Grünflächen vor dem Haus wären schon geeignet für den Zuzug des Bienenvolks. Auch darüber und die Details des Bienenzuchtgesetzes wird unterrichtet.

Winterschlaf. Holzarbeit gehört zum Imkerhandwerk, so Marian, der Profi ist.
Winterschlaf. Holzarbeit gehört zum Imkerhandwerk, so Marian, der Profi ist.
Winterschlaf. Holzarbeit gehört zum Imkerhandwerk, so Marian, der Profi ist. – (c) Jürgen Skarwan

Marian ist hauptberuflicher Imker, er kann behaupten, dass ihn die Bienen nähren. Dem Job kann man sogar Perspektiven zurechnen. Immer wieder wird Marian beauftragt, Bienen anzusiedeln, von Gärtnern und Schrebergartenvereinen, zuletzt von dem Gemüse- und Obstgarten auf dem Karlsplatz. Denn ohne Bienen summt und brummt es nicht, und dann wächst auch nix. Die Völker auf dem Karlsplatz, mitten in Wien, gedeihen übrigens prächtig, sie dankten es ihrem Hüter im vergangenen Jahr mit 60 Kilogramm Honigertrag, ein Hinweis auf gute Bedingungen ebenso wie auf ein gutes Händchen. Die Rasse der Carnicabienen – das sind weitläufig alle unsere Bienen – ist ein vorbildlicher Stadtbewohner, „brutfreudig“, sagt Marian, „und vor allem sehr sanftmütig“. Stiche abbekommen hat auf dem Karlsplatz bislang nur ein Gärtnereiarbeiter, der mit seinem lärmenden Mähgerät dem Stock zu nahe kam. Ein paar Stiche im Jahr steckt freilich auch Marian ein. „Ich finde es gut, dass sie sich wehren können. Es sorgt auch dafür, dass der Respekt dableibt.“

Als weniger wehrhaft haben sich die Bienen anderen Gefahren gegenüber erwiesen. Die Landwirtschaft hat sich zu einem Insekten- und damit auch Bienenkiller entwickelt, und was es noch vor 30 Jahren nicht gab, wird man seit den 1980ern selbst mit größter Sorgfalt nicht mehr los: die Varroamilbe. „Ihr gilt der Hauptkampf“, so Marian, zwangsläufig werden auch die Kursteilnehmer gegen den todbringenden Parasiten rekrutiert. Die Ausfallsquoten seien unterschiedlich, bei Marian lief es ganz gut die letzte Zeit, „aber es tut immer weh, wenn so viel Fürsorge mit dem Niedergang endet.“

Explosiver Frühling. Auch Ingrid und Kathinka hatten und haben Verluste zu beklagen, berichten sonst aber durchwegs von Hochgefühlen, die ihnen die Imkerei beschert. „Wie Tai-Chi“ sei es, wenn man die runden, langsamen, dennoch konzentrierten und zielgenauen Bewegungen beim Öffnen der Kästen ausübt, eine Voraussetzung, um die Bienen nicht gegen sich aufzubringen. „Wenn man gestresst und nervös ist, ist es auch das Volk.“ Alte Imker, heißt es, erkenne man an ihren Bewegungen. Marian schwärmt vom Naturerlebnis, das ihm die Bienenzucht vermittelt hat. „Früher waren da Bäume, Sträucher, Blumen. Jetzt hat alles Bedeutung und Zusammenhang.“ Wie die Jahreszeiten, die man an der Seite seiner Bienen viel intensiver wahrnehme – „der Frühling ist wirklich explosiv!“

Imkern sei simpel und komplex zugleich, in jedem Fall aber ein richtiges Handwerk, das man am besten gleich von Grund auf erlernt. So fertige man im Lehrgang in sauberer Holzarbeit seine eigenen Kästen, denn was man selbst gebaut hat, verbirgt einem keine Geheimnisse. Und was kaputtgeht, ist schnell aus eigener Hand ersetzt. Betreuungsintensiv seien Bienen nicht, zur Nachschau an die Kästen gehe man nicht öfter als etwa zehnmal im Jahr. Die Dauer des Lehrgangs ist dazu angetan, alle Phasen zu begleiten, entlassen werde man mit seinen eigenen Völkern, die man früh schon zur Patronanz überantwortet bekommt, ohne mit ihnen allein dazustehen. Am Ende soll der Honig fließen, goldfarben, verspielt vom Löffel kringelnd, wohltuend und köstlich. Und selbst gemacht, mit der Hilfe vieler summender neuer Freunde.

Tipp

Imkerlehrgang auf dem Gugumuckhof: Ab 28. 1., 600 Euro. Infos: www.bienenzentrum.wien. Wiener Honig u. a. im Shop auf gugumuck.at/future-farm

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