Nein, ich will kein Brot dazu!

Mit spätpubertärem Trotz gegen den Kohlenhydratboom: ein Diät-Pamphlet gegen Gebäckszwang, Schnitzelsemmeln und Superburger.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Unter den mütterlichen Mahnungen, die (mindestens) die letzten drei Generationen ins Leben begleiteten, ist der Satz: „Nimm dir doch ein Brot dazu!“ Man hörte ihn und verstand: Käse und Wurst, Schinken und Pastete, das ist die Kür, das Abenteuer; das trockene Brot – nördlich des Pratersterns auch „lediges Brot“ genannt – ist die trockene Pflicht. Es muss sein, schon weil das Leben keine Hetz ist. Doch wer in Dorfe oder Stadt einen Onkel wohnen hatte, vielleicht sogar einen originellen Onkel, der durfte sich freuen, dass dieser widersprach, mit einem gleichfalls geflügelten Spruch: „In der allergrößten Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot.“ Die tantenhafte Version (man verzeihe, aber wir reden von Prä-Gender-Zeiten) war eher das Gedicht: „Salz und Brot macht Wangen rot, aber Butterbröter machen sie noch röter.“

So erzogen, ist es kein Wunder, dass die Sprösslinge besagter Generationen, kaum waren sie aus dem Haus, gern im Namen des originellen Onkels ein kleines nächtliches Exerzitium feierten: Vor dem Eiskasten stehend oder hockend, aßen sie, was dieser zu bieten hatte. Ohne Brot, und noch schlimmer: ohne Teller, „aus dem Papierl“, wie es daheim tadelnd geheißen hatte. Besonders Trotzige behielten dieses Ritual bei – meist zum Ärgernis ihrer Partnerinnen oder Partner, es sei denn, diese taten dasselbe, oft wurden sie mollig, weil zu viel im Eiskasten war. Das ist nie gut. Aber im Prinzip hatten/haben die Trotzigen recht: Man muss nicht immer ein Brot dazu essen. Man soll auch gar nicht. Kohlenhydrate – nicht nur Monosacharide, also Zucker, sondern auch Polysaccharide wie Stärke – enthalten nicht nur erstaunlich viele Kalorien, sie waren auch in der Diät unser jagenden und sammelnden Vorfahren rar, wir könnten – siehe Spruch des Onkels – sogar ohne sie auskommen.

Das müssen/sollen wir natürlich nicht. Aber sie sind schrecklich aufdringlich. Vor allem, wenn wir uns auf eine Art ernähren, vor der unsere Eltern uns auch gewarnt haben: vor Imbissen, vor Streetfood, auf der Straße jagend, im Stehen oder Gehen also, ohne Teller und Besteck. Denn was lässt sich halten, ohne dass die Finger fett werden? Richtig: Kohlenhydrate. Brot. Das wusste schon der Earl of Sandwich, als er, ein passionierter Kartenspieler, sich 1762 bei einer langen Cribbage-Partie vom Diener das Essen zwischen zwei Brotscheiben legen ließ, um nicht vom Karten- zum Esstisch wechseln zu müssen.

Sandwiches. Pizza. Kebab. Schnitzelsemmel (doppelt kohlenhydratisiert!). Überall das gleiche Prinzip: viele Kohlenhydrate, vergleichsweise wenig Proteine und Ballaststoffe. (Unter Letztere fallen, wie man der chemischen Wahrheit zuliebe sagen muss, auch manche Kohlenhydrate, etwa Zellulose, aber solche, die wir nicht verdauen können.) Sogar bei den Würsteln (in Wien ohnehin eine Semi-Mehlspeise), die mit Hilfe einer Serviette oder kleiner Spieße zu verzehren gute Sitte ist, drängt uns der Straßengastronom die obligaten Extra-Kohlenhydrate auf: Brot oder Semmel? Man muss es ja nicht wie der Dr. Schreier halten, der laut „Tante Jolesch“ bei einer Würstel-Bestellung auf die Frage „Was dazu?“ mit „Zehn Deka Speck“ antwortete und das mit dem Satz „Ich nähre mich von reinem Selchgift“ kommentierte, aber man darf „Weder noch“ sagen. Oder sich die Gemüsekarte geben lassen: Salzgurken, Pfefferoni süß oder scharf, Perlzwiebeln, alles gut.

Die Burgerkrise. Das Sinnloseste im kalorienreichen Land sinnloser Kohlenhydrate sind freilich die Burger, die derzeit unverständlicherweise Hochkonjunktur haben und in überfüllten Lokalen mit zwangsoriginellen Namen („Said the baker to the flour“ oder so ähnlich) serviert werden, zu altbackenem Acidjazz womöglich. Wobei hier das Gebäck (wenn man die laschen Laibchen so nennen kann) auch die Halterungsfunktion eingebüßt hat: Die Burger sind so dick, dass Menschen ohne monströsen Mund nicht davon abbeißen können, und wenn sie es unter Gefährdung der Kieferstabilität doch schaffen, dann quillt das Ketchup oder eine andere klebrige Sauce auf sämtliche Textilien in der Nähe. Der Abend ist gelaufen.

Dem Redakteur weitläufig bekannt ist eine exzentrische Dame, die sich, um diese Art von Selbstbefleckung zu vermeiden, gern im Burger-Geschäft der gängigsten Kette den dicksten Burger kauft, diesen mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Gier zerlegt, das Bun (so nennen sie das lasche Laibchen) mit einem verächtlichen Blick verwirft und dann sein Innenleben verzehrt. Mit einer Plastikgabel. Ob ihre Mutter das weiß? ?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2017)

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