Kramperln statt gießen: Erntedank für Ahnungslose

Gärntnern für Stadtkinder, die allenfalls eine Karotte erkennen, das bieten die Ackerhelden mit ihrem Selbsternteprojekt. Wir haben das Experiment gewagt. Mein Jahr des Mangolds – eine Rückschau zum Erntedank.

Das "Schaufenster"-Feld
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Das "Schaufenster"-Feld
Das "Schaufenster"-Feld – (c) Clemens Fabry

Irgendwie sind wir verkuppelt worden. Hintergrund war eine Art nie ausgesprochene Wette. Nur eine Stunde wöchentlicher Arbeit sei notwendig, hatten mir die deutschen Ackerhelden im Interview über die Österreich-Expansion ihrer Selbsterntegärten erklärt. Ich habe keine Ahnung von Gartenarbeit, aber das kam mir wenig vor. Der Liebste hat viel Ahnung, seine Eltern haben über Jahrzehnte Gemüse angebaut. Ihm kam es auch wenig vor.

Ob ich es nicht versuchen wolle?, fragten die netten Ackerhelden, Birger und Tobias. Sie würden mir einen Gartenstreifen zur Verfügung stellen. Bis Herbst hätten wir Zeit, um zu schauen, ob sich bei mir die Liebe zum Garten womöglich einstellt. Und wie das mit der einen Stunde Arbeit ist. Außer in der Haupterntezeit, so im August, warnten sie. Da könne es ein bisserl mehr werden. Wir sind im August dann gar nicht gekommen, dazu später.

Zunächst ging es mit unserer Gärtnerkarriere locker los – der Start verzögerte sich wetterbedingt. Dann, an einem sonnigen Sonntagnachmittag Ende Mai, wurden wir unserem Acker vorgestellt. Idyllisch im südlichen Weinviertel gelegen, erstreckten sich vor uns zarte Reihen von Mangold und Petersilie, Schnittlauch, Sellerie und Roten Rüben, Fenchel, Salat und Kartoffeln. Ein Viermeterstreifen davon gehörte uns (40 m? kosten 299 Euro).

Erntefieber: Das "Schaufenster"-Feld

Erziehung

So territorial dachten wohl auch die neuen Nachbarn. Mit blauen Schnüren markierten wir unsere jeweilige Parzelle, danach gründeten wir umgehend eine Gießgemeinschaft (die wir so gut wie nie nutzen würden). Das Wichtigste, so erklärte man uns, seien ohnehin Erziehung und Kramperln. Wir dürften unsere Pflanzen nicht verwöhnen, ergo wenig gießen, auf dass sie tiefe Wurzeln trieben. Die Erdoberfläche sollten wir regelmäßig aufrauen, weil so mehr Wasser im Boden bliebe, die physikalischen Details bekäme man gern auf Wunsch im Einzelgespräch. Ich kramperlte los, erntete eine Stunde später Blasen – und den ersten Spinat.

Er sollte für die ersten Wochen unser späterer Mangold bleiben: lustig zu ernten, immer verfüg-, aber umso schlechter haltbar. Was ein Nachteil ist, wenn man für die Blätter in Summe eine Stunde im Auto sitzt.

Über den ökologischen Fußabdruck sollte man wohl ohnehin nicht länger nachdenken, Supermarkt ist ziemlich sicher nachhaltiger als ein Feld deutlich jenseits der Stadtgrenze. Da mögen die Berliner (wo es für die dortigen Acker Wartelisten gibt) zunehmend öffentlich anreisen – so brav waren wir nicht. Apropos brav: Überhaupt erwischte mich gelegentlich jenes Gefühl aus der Schulzeit, das man hat, wenn man eine Hausaufgabe nicht erledigt hat, von der man nicht einmal mitgekriegt hat, dass es sie gibt. Die regelmäßig eintrudelnden „Heldenmails“ habe ich jedenfalls nie gelesen, Fotos oder Fragen nie eingeschickt.

Vielleicht hätte es geholfen, unsere Tomaten und Karotten am Leben zu erhalten. Die Tomaten wurden samt Kürbis-, Gurken-, Zucchini- und allerlei Kohlpflänzchen in einem großen Kartonpaket geliefert. Klugerweise hatte ich die Büroadresse angegeben. Dummerweise kamen sie vor einem langen Wochenende. Ich war nicht da.

Einigermaßen schlapp haben wir die Armen dann doch noch in die Erde gebracht, bis auf die Tomaten erwiesen sie sich als erstaunlich robust. Schlechter ging es Karotten oder Rucola, die als Samen kamen – wir haben nie etwas von ihnen gesehen. Vielleicht hätte man sie öfter gießen müssen.

Hitzewelle

Dafür haben wir uns im Jäten hervorgetan, wenngleich ich zunächst gar nicht daran glaubte. Die unvermietet gebliebenen Flächen, so scherzten wir, würden am Ende der Saison wohl gleich ausschauen wie unsere. Da immerhin haben wir uns getäuscht: Nach wenigen Wochen waren sie von einer grünen Mauer überwuchert, das Gemüse nicht mehr zu sehen.

So gesehen war es gut, dass wir dann während der Hitzewelle im August auf Urlaub gefahren sind – da war die Unkrautsaison schon fast vorbei. Als wir nach drei Wochen wieder da waren und eine Woche später dann auch Zeit hatten, waren die Bohnen und Erbsen überreif und trocken, der Zuckermais hochgeschossen und alles andere einwandfrei in Schuss. Seither glaube ich den Ackerhelden. Vermutlich haben wir den nötigen Minimalaufwand noch unterboten, dabei stolz und viel geerntet. (Sorry, Mittagskollegen, für den ganzen Mangold in unserem Essen, aber er ist immer da und so schön bunt – mit Stielen in Weiß und Pink, Gelb, Orange und Rot, manche mit dunklen Blättern und knallroten Adern, die ausschauen, als wären sie plastiniert.) Das mit den Farben, den lila Kohlrabi, den blauen Korn- und gelben Ringelblumen, das haben die ziemlich gut gemacht. Wie ein davongeschossener Salat ausschaut, weiß ich jetzt auch.

Vor allem aber werde ich die Ruhe vermissen. Das Gefühl, Sommerabends nach der Arbeit noch die Stadt hinter sich zu lassen, Wärme und Erde zu spüren, das trockene Gras zu riechen und eine kleine Gurke für den Gin Tonic zu ernten. Ich weiß, klingt kitschig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2017)

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