Wasserkocher für die Welt

Mit seinem Achse-Verlag will Aram Haus den Buchmarkt neu denken. Erstes Projekt: das weltweit erste Buch mit Rezepten für den Wasserkocher.

Aram Haus kommt eigentlich aus dem Kunstbereich – und will dessen internationale Vernetzung auf den Buchmarkt umlegen.
Aram Haus kommt eigentlich aus dem Kunstbereich – und will dessen internationale Vernetzung auf den Buchmarkt umlegen.
Aram Haus kommt eigentlich aus dem Kunstbereich – und will dessen internationale Vernetzung auf den Buchmarkt umlegen. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der Berliner Autor Thomas Götz von Aust war eben erst zu einem Schriftstellerkollegen gezogen, als dort das Gas abgedreht wurde. In der Not begann er, mit seinem Wasserkocher zu experimentieren. Der erste, erzählt Aram Haus, sei zwar explodiert (nicht integrierte Heizspiralen sind beim Kochen hinderlich), aber seit der Anschaffung eines neueren Modells koche von Aust „im Wasserkocher jeden Tag sein Essen“.

Ein Erfahrungsschatz, den es ab September in Buchform geben soll. Eigentlich wollte Aram Haus, Geiger, Konzeptkünstler und Gründer des neuen Achse-Verlags, mit von Aust ja ein Buch über Martin Kippenberger machen. „Aber er braucht so lang, und da habe ich mir gedacht: Machen wir in der Zwischenzeit doch ein Buch, mit dem man vielleicht vielen Leuten helfen kann, gscheit zu kochen.

JOW: Verrückt kochen mit dem Wasserkocher

„The Joy of Waterboiling“ ist nun also das weltweit erste Kochbuch für den Wasserkocher. Ein Hybride aus Kunst und Kochbuch, das lustig klinge, aber auch durchaus ernst gemeint sei. „Es funktioniert schnell, energie- und geldsparend.“ Und es ist damit wohl ein perfekter Prototyp für das, was Haus mit seinem Verlag vorhat: unkonventionell zu sein und international zu denken. Schon jetzt hat er Kontakte zum Buchhandel in aller Welt, wo der Bedarf nach platzsparenden Kochmöglichkeiten (Stichwort Hongkong oder Shanghai) größer sein könnte als in Wien.

So minimalistisch das Konzept, so opulent die Umsetzung: Gemeinsam mit Spitzenköchin Christina Scheffenacker haben die Künstlerin Soso Phist und die Fotografin Lisa Edi für jedes Rezept ein eigenes „Bühnenbild“ kreiert. Im September soll das Buch erscheinen, derzeit läuft noch eine Crowdfunding-Kampagne, um den Druck zu finanzieren.

Aram Haus, der in Wien Violine und Kommunikationswissenschaft, in New York Performancekunst studiert hat, ist damit ein Quereinsteiger im Buchgeschäft. Manches in der Branche, sagt er, komme ihm extrem skurril vor. „Gleichzeitig ist es, aus der Kunstbranche kommend, schön zu sehen, wie kultiviert die Buchbranche ist.“ Mit seinen neuen Kollegen vom Buchquartier oder der Edition Atelier – eigentlich Konkurrenten – habe er sich so gut verstanden, „dass mich das sehr berührt hat“. In Zukunft wolle man sich sogar Stände teilen.

 

Ursprung in der Wiener Achse

Diese Zusammenarbeit und Vernetzung ist, neben der Entwicklung experimenteller Buchprojekte, das zweite Ziel des Achse-Verlags. Derzeit mache der Buchhandel an den eigenen Landesgrenzen halt, sagt Haus. „Ein österreichischer Buchauslieferer kommt nie auf die Idee, nach München auszuliefern, obwohl er näher wäre als Bregenz, das die Schweizer beliefern könnten.“ Bis 2028 will er, im Kampf gegen die Marktherrschaft von Amazon, ein europäisches Onlinebestell-und Auslieferungssystem etabliert haben. „Wir glauben, dass Diversität die Standhaftigkeit und Stärke einer Gesellschaft untermauert.“

Entsprungen ist der Verlag der Wiener Achse, einer Kunstbewegung, die Haus gemeinsam mit dem Maler Philipp Müller gegründet hat. Sie widmet sich Projekten wie dem Housekonzert – dabei spielten klassische Musiker wie das Tonkünstler Orchester in der Diskothek Volksgarten. Zuletzt aktiv war die Wiener Achse erst jüngst an diesem Wochenende: Beim Vienna Food Festival im Museumsquartier ist sie für das interaktive Kunstkonzept zuständig. Präsentiert wurde dort auch ein anderes geplantes Buchprojekt: „Bemarkenswertes Wien“ erklärt die Stadt in witzig gezeichneten Briefmarken.

Auf „antizeitgenössische Ressourcen“ will Haus bei der Arbeit mit seinen Büchern dabei übrigens auch verzichten: Plastik wird ebenso vermieden wie CO2-Emissionen, dafür gebe es auch ein für andere Städte skalierbares Konzept. Überhaupt, sagt Haus, fühle sich das ganze Team der Nachhaltigkeit, Fairness, Kultiviertheit und europäischen Identität verpflichtet. „Wir versuchen, humanistische Werte zu pflegen.“

Haus' Begeisterung für seine selbst gestellte Aufgabe ist groß. Die Schule habe er früher oft geschwänzt, „die Arbeit aber noch nie“. Zumal er deren Umstände angenehm gestaltet. Im Hintergrund läuft leise eine Schubert-Sonate, ein Kollege kocht, Kinder sind willkommen. Im alten Büro habe man sogar ein Office-Huhn gehabt. „Aber das hat leider der Marder geholt.“

ZUR PERSON

Der Achse-Verlag schafft unkonventionelle Hybridprojekte: Kunst-, Design- und Kochbücher, Belletristik, experimentelle Buchformen oder „Unvordenkliches“. Daneben will er den Aufbau eines europäischen Netzwerks fördern, das Strukturen hinterfragt und den zukünftigen Buchmarkt formt. Buchbegeisterte, Schreibende, Verlage und Buchhandlungen sind „herzlich zum Austausch eingeladen“. Bis morgen, Dienstag, läuft eine Crowdfunding-Kampagne für „The Joy of Waterboiling“.

Web: www.jow.world

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Wasserkocher für die Welt

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.