Vitaminbombe Sanddorn: Die Zitrone der DDR ist zurück

Die orange Frucht versorgte Ostdeutschland mit Vitamin C. Jetzt boomt der robuste Strauch mit den sensiblen Beeren in Kulinarik und Gesundheit.

(c) APA (DPA)

Sollte sich eine Pflanzenart für Geschichte interessieren, wäre das vermutlich der Sanddorn. Das Ölweidengewächs mit den kleinen ovalen, orangen Früchten hat diese nämlich besonders deutlich zu spüren bekommen – denn es war die Deutsche Demokratische Republik (DDR), in der das Pflänzchen, das zuvor meist im Wildwuchs vorkam, einst im großen Stil kultiviert wurde.

Dahinter steckte aber weniger eine besondere Leidenschaft für die vielseitig einsetzbare Pflanze, sondern schlicht die Not – nämlich jene an Vitamin C. Da Zitronen oder Orangen in der DDR bekanntlich Mangelware waren, griff man auf heimische Vitamin-C-reiche Pflanzen zurück. Der recht anspruchslose Sanddorn, der sandige, karge Böden und viel Licht bevorzugt, kam da gerade recht. In der DDR entstanden riesige Anbauflächen, um die Bewohner mit der „Zitrone des Nordens“, wie sie wegen ihres häufigen Vorkommens an der Ost- und Nordsee genannt wird, zu versorgen.

Nach der Wende war es mit der Liebe zum Sanddorn aber schlagartig vorbei. Exotische und zuvor verbotene Früchte waren plötzlich wesentlich interessanter als die kleine unscheinbare Beere. „Da wurden dann recht rasch große Flächen gerodet und für VitaminC war die Orange zuständig“, sagt Eva-Maria Gantar, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehr- und Forschungszentrums Wein- und Obstbau in Klosterneuburg.

Ganz vergessen war das kleine Früchtchen aber nicht. Vor zehn, zwölf Jahren entdeckten die Deutschen den Sanddorn im Rahmen der globalen Suche nach regionalen Produkten plötzlich wieder. In Form von Säften, Mus, Elixieren, Marmeladen, Likören oder getrocknet fürs Müsli tauchte die Beere plötzlich wieder auf. Auch in Österreich wird die Vitaminbombe seit zwei, drei Jahren wieder angebaut. Wild wächst sie unbeeindruckt davon weiterhin, wo es ihr gefällt, etwa auf der Donauinsel, aber auch – je nach Sorte – in den Alpen.


Gesünder als Zitrone. Die Menschen, die sich wissenschaftlich mit Sanddorn befassen, machen für die Wiederentdeckung zwei Dinge verantwortlich: Einerseits passen regionale und heimische Früchte, die auch noch über eine schöne Geschichte verfügen – Sanddorn soll etwa schon die Reiter des Dschingis Khan gestärkt haben – einfach in unsere Zeit. Andererseits hat der Sanddorn neben der gesundheitlichen Wirkung auch eine frisch-saure Aromatik, die manch dunkles Fleischgericht aufpeppt. Und dann wäre noch der Einsatz für hautpflegende Produkte sowie als Nahrungsergänzungsmittel.

Sanddorn hat wesentlich mehr Vitamin C als eine schlichte Zitrone. Während Letztere im Schnitt 50 Milligramm Ascorbinsäure pro 100 Gramm Frucht aufweisen kann, bringt es Sanddorn je nach Sorte auf 200 bis 900 Milligramm Vitamin C. Dazu kommen noch das sonst nur im Fleisch enthaltene Vitamin B12, sowie die fettlöslichen Vitamine E und A. Letzteres kommt auch der Kosmetikindustrie zugute, die gerne mit Sanddornöl aus Fruchtfleisch arbeitet. Für Elixiere oder Nahrungsergänzungsmittel wird übrigens das Öl der Kerne verwendet.

Warum aber auch in der Kulinarik die orange Beere meist in verarbeiteter Form daherkommt, hat wiederum mit der eher mühsamen Ernte zu tun. Denn der Sanddornstrauch ist zwar recht anspruchslos, seine Früchte gibt er aber nicht so gerne her. Will man die kleine Frucht pflücken, bleibt sie nur selten ganz und wird allzu leicht zerquetscht. Deshalb werden bei der Ernte etwa Frostmethoden eingesetzt, bei denen die Zweige abgeschnitten, eingefroren und dann die Früchte heruntergeschüttelt werden. Oder es werden spezielle Handpressen verwendet, mit denen die Früchte direkt am Strauch händisch gepresst werden.


Markt verdreifacht. Für die Großindustrie bleibt Sanddorn deshalb uninteressant. „In Deutschland hat sich der Markt in den letzten zehn Jahren verdoppelt, wenn nicht verdreifacht. Sanddorn wird aber ein Nischenprodukt bleiben und nie mit dem Apfel oder der Orange konkurrieren“, sagt Jörg-Thomas Mörsel, Lebensmittel-Wissenschaftler und Präsident des deutschen Sanddorn-Vereins. Er sieht eher Potenzial für klein- und mittelständische Unternehmen, für die die teure Frucht (rund 2,30 Euro/kg) zumindest ein interessanter Nebenerwerb sein kann. Diese kleinen Strukturen wiederum fördern das Image des Sanddorn. Und ein bisschen Nostalgie mag auch mitspielen – zumindest in der ehemaligen DDR.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)

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