Schwarz oder gefleckt: Wir sind die Guten

Schnecken. Sollten Sie einer schwarzen oder gefleckten Nacktschnecke begegnen, begrüßen Sie sie als Verbündete. Die Schnegel oder Egelschnecken fressen kein Grünzeug, sondern die Gelege der verhassten Spanischen Wegschnecke.

Limax cinereoniger (Schwarzer Schnegel)
Limax cinereoniger (Schwarzer Schnegel)
Limax cinereoniger (Schwarzer Schnegel) – Teemu Mäki/Wikipedia

Eigentlich sollte die lang gestreckte, jahrhundertealte Natursteinmauer im Garten der Nachbarn ein Paradies für Nacktschnecken sein. Der ehemalige Weingartenwall ist gut beschattet, vermoost und stets feucht. Die Ritzen und Abgründe zwischen den zum Teil mit Farnen und Storchschnäbeln überwucherten Steinen bieten den Mollusken unendlich viele Möglichkeiten, ihre Eier abzulegen, sich zu verstecken und sicher über kalte Winter und heiße Sommer zu kommen. Außerdem wachsen am Fuß dieser Mauer Nacktschneckenlieblingsspeisen wie Hosta, Lilien und andere Delikatessen.

Doch die Zone ist neuerdings praktisch nacktschneckenfrei, und das hat folgenden natürlichen Grund: Die Nachbarin hat aufgehört, die dort wohnhaften schwarzen und gefleckten unter den Nacktschnecken zu vernichten. Diese waren schon da, bevor die Spanische Wegschnecke in den frühen 1970er-Jahren über uns kam. Erst hat die Nachbarin nicht glauben wollen, dass diese heimischen sogenannten Limacidae nicht nur unschädlich, sondern sogar nützlich sind, und sie heimlich weiter vernichtet. Doch irgendwann gab sie es auf und ließ sie am Leben.

Diese Schnecken heißen Schnegel oder Egelschnecken, und wenn Sie eine von ihnen sehen, tun Sie das bitte mit Wohlgefallen und mit Freude. Begrüßen Sie jeden einzelnen Schnegel in Ihrem Garten mit ausgesuchter Höflichkeit, denn eine der Lieblingsspeisen der bei genauerer Betrachtung höchst eleganten Tiere sind die Gelege der Spanischen Wegschnecke. Insbesondere der aufregend gemusterte Tigerschnegel, der bis zu 20 Zentimeter Länge erreicht, gilt als einer der wichtigsten natürlichen Feinde der orangen Pest. Er frisst nicht nur die Gelege, sondern auch die roten Schnecken selbst.

Die Schnegel sind mittlerweile bedauerlicherweise als gefährdet eingestuft. Manche Arten wie der seltene Bierschnegel sind vom Aussterben bedroht. Die durch die Nacktschneckeninvasionen der vergangenen Sommer zurecht entstandenen Schneckenaversionen haben ihnen weiter zugesetzt. Denn kaum jemand weiß, dass sich diese Tiere nicht an grünen Blättern, sondern an Pilzen, Flechten, Aas und totem Pflanzenmaterial laben sowie eben auch an Nacktschneckengelegen der eingewanderten Kollegen. Verzweifelte Gartenmenschen bringen deshalb sicherheitshalber alles, was nackt herumkriecht, um.

Seit die Nachbarin aber ihren Schnegeln nicht mehr zu Leibe rückt, ist die Wegschneckenpopulation entlang der in früheren Zeiten kräftig überkrochenen Mauer verschwunden. Es wurde sogar ein Zustand erreicht, der allgemein Anerkennung hervorruft und andere Gartenmenschen dazu veranlasst, aktiv nach Schnegeln Ausschau zu halten. Man will sie in den eigenen Gärten wieder heimisch machen, die Schnecken hegen und pflegen und als natürliche Wegschneckenabwehr zum Einsatz bringen.


Zeitlupenlebenswandel

Die Egelschnecken brauchen jedoch ganz bestimmte Bedingungen, um ihrem Zeitlupenlebenswandel frönen zu können. Sie lieben feuchte, kühle Stellen und brauchen Unterschlüpfe wie eben diese Steinmauern oder aufgelegte Bretter, unter denen sie sich untertags genau so verkriechen wie die Wegschnecken. Letztere kommen auch mit Trockenheit zurecht, was unter anderem ihre extreme Vermehrung erklärt.

„Leopard“, „Panther“. Abgesehen von mehreren Leserinnen und Lesern dieser Kolumne kann auch ich aus meinem Garten über den Segen der Egelschnecke berichten. In einem der kühleren, feuchteren Schattenbeete befindet sich seit Langem eine kleine Schnegelkolonie, der ich an heißen Sommertagen Regenwassergüsse zukommen lasse, dort, wo sie vor Hitze geschützt zu rasten pflegen, unter mehreren unter Pflanzen versteckten Brettern auf dem Erdboden, damit ihnen nichts geschehen kann, den „Leoparden“ und „Panthern“, wie wir sie nennen.

Das dort befindliche Hosta-Beet ist seit Jahren von Nacktschneckenfraß verschont. Gelegentlich verirrt sich eine rote Schnecke ins Schnegelreich, doch nie kommt es daselbst zu diesen erbärmlichen Schneckeninvasionen, die über Nacht alles kurz und klein fressen. Ein weiterer Aufenthaltsort meiner Schnegel ist ein feuchter, muffiger Keller, der jedoch Auslauf hinaus ins Freie bietet, und den ich ihnen zuliebe nie wirklich trockenlege.

Noch nie jedoch gelang es mir, dem Liebesspiel zweier Schnegel beizuwohnen, die übrigens Hermaphroditen sind wie alle Landlungenschnecken. Dieses gestaltet sich akrobatisch und vollzieht sich in Frühsommernächten: Beide Tiere bilden, an einem langen Schleimfaden baumelnd, eine korkenzieherartige Vereinigung, eine Art geometrischer Schneckenlocke, in sich verschlungen und von flüchtiger Erscheinung. Legt nur eure Eier, ihr Guten, und fresst euch satt.

Lexikon

Schnegel. So lautet der Name der in Europa heimischen Nacktschneckenfamilie, zu der Tigerschnegel, Bierschnegel, Schwarzer Schnegel und noch an die 200 weitere Arten gezählt werden.

Schneckenkorn. Leider fressen auch Schnegel Schneckenkorn, werden also gemeinsam mit der wesentlich unangenehmeren Spanischen Wegschnecke, Arion vulgaris, vernichtet.

Website. Unter www.schnegel.at hat der Schneckenexperte Robert Nordsieck dankenswerterweise zahlreiche Infos zu den Nützlingen zusammengetragen und reich bebildert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2015)

Kommentar zu Artikel:

Schwarz oder gefleckt: Wir sind die Guten

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen