Sommerzeit oder Winterzeit?

Wobei es Letztere bei vernünftiger Betrachtung gar nicht gibt.

Die blauen Stunden halten sich an den Sonnenstand.
Die blauen Stunden halten sich an den Sonnenstand.
Die blauen Stunden halten sich an den Sonnenstand. – (c) Ute Woltron

Die Europäische Union zeichnet sich einmal mehr durch Uneinigkeit aus und hat eine simple Fragestellung zu einem fraktalen Problem zersplittert, das nun an die Mitgliedstaaten weitergereicht wurde. Das zu lösende Dilemma kurz gefasst: Sollen wir die in den 1970er-Jahren eingeführte alljährliche Zeitumstellung – endlich – aufgeben? Wenn ja, sollen wir die Sommer- oder die Winterzeit beibehalten? Wenn abermals ja, können wir uns tatsächlich auf eine gemeinsame Zeit einigen? Oder soll sich, basisdemokratischen Prinzipien und somit alten europäischen Werten verpflichtet, jeder Staat aussuchen, welche der verschiedenen Zeiten zu herrschen hat?

Blaue Stunden. Ein außerordentliches Problemfeld tut sich auf, während sich der Rest der Welt unbeeindruckt weiterdreht, jeden Tag aufs Neue. Die berühmten blauen Stunden am Übergang vom Tag zur Nacht und umgekehrt sind von menschlicher Zeitzählung nicht betroffen. Es gibt sie täglich zweimal, unabhängig von der Uhrzeit, und sie halten sich an den Sonnenstand.

Dieser hat sich, seit die Erde existiert, als verlässlichster Maßstab erwiesen. Es ist ganz einfach: Wenn die Sonne am höchsten steht, ist Mittag. Auf die komplizierten menschlichen Maßstäbe übersetzt bedeutete das die längste Zeit über, dass es zwölf Uhr war. Nur in den vergangenen Jahrzehnten war es im Sommer um zwölf Uhr tatsächlich erst elf.

Im Winter sind die Tage nicht kürzer, es wird lediglich früher finster und später hell, was jedoch nicht der Sonne, sondern der Neigung der Erdachse anzulasten ist. Auch existiert die sogenannte Winterzeit gar nicht, denn es handelt sich um die ganz gewöhnliche, an der Sonne ablesbare Normalzeit, und viele von uns hoffen, dass dieser wieder zum Durchbruch verholfen wird, auch im Sommer. Einfach normal. Alles könnte so simpel sein. 


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2018)

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