Gendermedizin: Mehr als bloß Geburtshilfe

Frauen verbringen einen geringeren Teil ihrer Lebensjahre gesund als Männer. Ein Problem ist auch die Medizin: Erkrankungen werden nicht richtig erkannt oder falsch therapiert.

Seniorin mit Tabletten
Seniorin mit Tabletten
Seniorin mit Tabletten – (c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Frauen sind, was die Lebenserwartung betrifft, eigentlich das begünstigte Geschlecht. Doch sie leben zwar im Schnitt einige Jahre länger als Männer – von den zusätzlichen Lebensjahren profitieren die Frauen allerdings nur bedingt. Tatsächlich verbringen sie einen geringeren Teil ihres Lebens gesund als Männer: Während diese im Schnitt 76 Prozent ihrer knapp 79 Lebensjahre gesund sind, trifft das bei Frauen nur auf 72 Prozent der 83,6 Jahre, die sie im Schnitt leben, zu.

Das liegt einerseits natürlich an besonderen Belastungen, am Lebensstil: Nach wie vor trifft die Doppelbelastung durch Familie und Beruf stärker Frau als Mann, junge Frauen rauchen häufig, sind eher stark übergewichtig (adipös), und auch Bewegungsmangel ist eher ein Frauen- als ein Männerthema. Um nur einige der Faktoren zu nennen, die die Frauen gesunde Lebensjahre kosten. Doch auch die Medizin, die zwar nicht alles lösen kann, die an sich aber ja beim Gesundbleiben (und -werden) helfen sollte, ist mitunter ein Problem. Weil Erkrankungen bei Frauen bisweilen nicht richtig erkannt und therapiert werden. Oder auch, weil viele Medikamente in Wahrheit nur auf die Männer eingestellt sind – und nicht auf Frauen.

Bikinizonenmedizin

Doch von vorn. Dass die Medizin, wie so viele andere Lebensbereiche, lang eine Männerdomäne war, überrascht kaum. Mehr schon, dass sie das nicht allein im Hinblick aufs Personal war – Frauen durften in Österreich bis 1900 nicht einmal Medizin studieren –, sondern auch inhaltlich. Und so wurde – abgesehen vom Offensichtlichen – medizinisch überhaupt nicht differenziert zwischen Männern und Frauen. „Bikinizonenmedizin“, nennt das Alexandra Kautzky-Willer von der Wiener Medizin-Uni, die erste und bis heute einzige Professorin für Gendermedizin in Österreich (siehe Halbspalte).

„Dass Frauengesundheit mehr sein könnte als Gynäkologie und Geburtshilfe, dass sich etwa manche Krankheiten bei Frauen anders abspielen als bei Männern – das ist lange Zeit niemandem wirklich in den Sinn gekommen“, sagt Kautzky-Willer. Das hat zur Folge, dass die Medizin über Männer einiges mehr weiß als über Frauen – eigentlich bis heute. Was sich wiederum bei Diagnose und Behandlung negativ niederschlagen kann. „Das besonders Perverse ist ja, dass Frauen sich sehr für Gesundheit interessieren, dass sie in dem Bereich viel bewusster sind und auch häufiger zum Arzt gehen als Männer – und dass sie trotzdem weniger gesunde Lebensjahre haben“, sagt Alexandra Kautzky-Willer.

Bekannt ist, dass Depressionen bei Frauen doppelt so oft diagnostiziert werden als bei Männern – nicht zuletzt, weil Frauen dazu tendieren, beim Arzt neben den körperlichen Beschwerden auch ihre psychische Situation mit zu beschreiben. Was an sich ja gut sei, so Kautzky-Willer. „Manche Ärzte sehen dann aber nicht das Hauptproblem – und neigen dazu, körperliche Ursachen von vornherein auszuschließen.“

Andere Erkrankungen werden dagegen bei Frauen nicht – oder erst (zu) spät erkannt, weil sich die Symptome von denen unterscheiden, die man für klassisch hält – die aber eigentlich die typisch männlichen sind. „Bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall haben Frauen häufig nicht die typischen Beschwerden“, sagt die Medizinerin. Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Rückenschmerzen – auch ganz ohne das klassische Stechen in der Brust – könnten bei Frauen Zeichen für einen drohenden Infarkt sein und würden mitunter übersehen. Und auch beim Schlaganfall würden Frauen häufig zu spät in die spezialisierte Stroke Unit überstellt. Weil sie im Gegensatz zu Männern beispielsweise keine Lähmungen hätten – sondern bloß verwirrt seien.

Medikamente wirken anders

Dass Behandlungen zum Nachteil der Frauen ausfallen, weil der Mann zu lange der Prototyp in der Medizin war, gilt ganz besonders auch für den Bereich Medikamente: So leiden Frauen anderthalbmal so oft unter Nebenwirkungen durch Medikamente wie Männer. Der Grund dafür: Einerseits nehmen Frauen häufiger welche ein. Aber: Sie sind bei Studien oft bis heute unterrepräsentiert. Frauen seien lange Zeit überhaupt nicht in Medikamentenstudien vorgekommen, sagt Kautzy-Willer. Nach der Contergan-Affäre Anfang der 1960er-Jahre gab es starke Restriktionen. Inzwischen müssten natürlich alle Medikamente auch an Frauen getestet werden. „Aber nach wie vor sind sie oft nicht in dem Maß vertreten, wie es die Häufigkeit der Krankheit bei Frauen erfordern würde.“

Ein Beispiel dafür: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bei Frauen häufiger die Todesursache als bei Männern (wobei die Frauen dann oft älter sind). Und trotzdem sind in zahlreichen Studien zu Herzmedikamenten 70 Prozent der Probanden Männer. „Wenn die Daten dann außerdem nicht nach Geschlecht analysiert werden, können Probleme verschleiert werden“, sagt Kautzky-Willer. So zeigte sich bei dem Herzmittel Digoxin erst nach scheinbar erfolgreichen Studien, dass Frauen davon eigentlich überhaupt nicht profitierten – womöglich, weil sie eine zu hohe Dosis erhalten hatten. Oder: Dass blutzuckersenkende Glitazone bei Diabetikerinnen nach der Menopause öfter zu Knochenbrüchen führten, sei erst aufgefallen, als das Medikament groß auf dem Markt war – weil man in den Studien nicht genau geschaut hatte.

Zyklus beeinflusst Wirksamkeit

Das Stichwort Wechseljahre zeigt, dass die Frauen auch noch um einiges komplizierter sind: wegen der schwankenden Hormone. „Wir wissen, dass manche Medikamente bei Frauen zyklusabhängig unterschiedlich wirksam sind und auch Krankheiten unterschiedlich auftreten.“ Um den Zeitpunkt ihrer Menstruation seien Frauen insulinresistenter, sprich: Diabetikerinnen brauchten dann eine höhere Medikamentendosis. „Eigentlich müsste man bei den Studien nicht nur zwischen Männern und Frauen unterscheiden, sondern auch zwischen Frauen vor und nach den Wechseljahren und je nach Zyklushälfte“, sagt Kautzky-Willer. „Darauf wird fast nie geachtet – man muss froh sein, wenn Frauen überhaupt in substanziellem Maß vorkommen.“

Wie geht es weiter? Gibt es irgendwann eigene Medikamente, jeweils für Männer und für Frauen? „Eher nicht“, sagt Kautzky-Willer. „Wenn mehrere Substanzen zur Wahl stehen, wird man aber bei Frauen nicht gerade das nehmen, das spezifisch Nebenwirkungen auslöst.“ Sogenannte SGLT2-Hemmer etwa – ebenfalls gegen Diabetes – führen dazu, dass Zucker über den Harn wieder ausgeschieden wird, was Harnwegsinfekte oder Pilzinfektionen verstärken kann – vor allem bei Frauen. Leidet eine Frau ohnehin schon häufig unter den Problemen, sollte das Medikament nicht das Mittel der Wahl sein. „Nur: Das muss man halt wissen.“

Häufiger werde es aber wohl um die richtige Dosierung für Frauen gehen, sagt Kautzky-Willer. Und womöglich um den Beipackzettel – der irgendwann einmal detaillierte geschlechtsspezifische Hinweise enthalten könnte. Schlussendlich beispielsweise auch zu der Frage, wie ein Medikament in welcher Zyklushälfte anzuwenden ist.

Bis dahin ist es noch ein ziemlich weiter Weg. Denn die Pharmaindustrie muss erst einmal überzeugt werden. Und da geht es – wie so oft – ums Geld: Denn Studien, die alle diese Faktoren berücksichtigen, sind teuer.

Frauen und Männer

Alter und Gesundheit
Die Lebenserwartung bei der Geburt beträgt in Österreich bei Frauen 83,6 Jahre, bei Männern 78,5 Jahre – gut fünf Jahre weniger. Dagegen verbringen Frauen nur 72 Prozent ihrer Lebensjahre in Gesundheit, Männer 76 Prozent. In absoluten Zahlen sind Frauen und Männer jeweils rund 60 Jahre lang gesund. Besser ist das Verhältnis in Europa im Durchschnitt: Männer verbringen 80, Frauen 75 Prozent ihrer Jahre gesund.

Gendermedizin

2001 wurde das erste Zentrum für Gendermedizin am schwedischen Karolinska-Institut in Stockholm gegründet. 2006 folgte mit der Gründung der Gender-Specific Medicine in New York das erste Institut in den USA.

In Österreich wurde 2007 zeitgleich mit Deutschland (an der Berliner Charité)
eine Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin gegründet. Die Medizin-Uni Wien richtete im Jahr 2010 die österreichweit erste Professur zu dem Thema ein (www.meduniwien.ac.at/gender-medicine).

Beforscht werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Gesundheit und Krankheit von Frauen und Männern.

Frauen stehen derzeit im Zentrum – weil sie von der Medizin lange Zeit vernachlässigt wurden. In Zukunft dürfte sich die Gendermedizin auch den Männern stärker widmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2014)

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