"Man legt sich als jemand fest, der Probleme hat"

Die klinische Psychologin Sandra Gerö glaubt, es ist gut, die eigene Krankheit öffentlich zu machen, sieht aber auch Gefahren.

Depressionen
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Depressionen – www.BilderBox.com

Wie bewerten Sie das, wenn Menschen auf Facebook offen über Depressionen schreiben, ihre Krankheit öffentlich machen?

Sandra Gerö: Das ist zunächst einmal positiv. Psychische Erkrankungen sind noch immer mit einem Stigma behaftet, daher ist es gut, wenn man darüber redet. Die Frage ist aber, wie öffentlich die Diskussion ist. Es macht einen Unterschied, ob man mit 50 persönlichen Bekannten kommuniziert oder mit Menschen, die man persönlich gar nicht kennt. Im zweiten Fall steckt sicher ein gewisser Darstellungsdrang dahinter. Ich frage mich auch, ob diese Leute an ihren Arbeitgeber denken. Postings über psychische Erkrankungen sind kein Kündigungsgrund, aber sie können dazu führen, dass das Vertrauen des Chefs sinkt.

 

Sofern es überhaupt einen Chef gibt, auf den man Rücksicht nehmen muss...

Ja, für Menschen, die nicht mehr viel zu verlieren haben, ist das eine Möglichkeit, mit ihrer Krankheit leben zu können. Das geht in Richtung Coming-out: Ich will so akzeptiert werden, wie ich bin. Das ist kein kleiner Schritt: Andere gestehen sich ihre Krankheit nicht einmal selbst ein. Es ist auch eine Möglichkeit zur Selbstreflexion. Wer sieht, dass andere mit seinen Beschreibungen etwas anfangen können, kann vielleicht sogar einen Sinn im Leiden erkennen.

 

Ein Outing als Befreiung?

Wir alle sind soziale Wesen und brauchen Rückhalt. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen, die keinen Zugang zur Gesellschaft finden, diese Form der Kommunikation bevorzugen. Wichtig ist, dass es bewusst geschieht.

 

Würden Sie Klienten raten, mit ihren Leiden an die Öffentlichkeit zu gehen?

Nein, aber ich würde auch niemanden davon abhalten. Das muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden. Und man muss auch daran denken, dass man sich dann als jemand festlegt, der Probleme hat. Man hat dann ein Etikett.

 

Können virtuelle Freunde bei psychischen Problemen Linderung verschaffen?

Ich denke schon. Der Trost ist real, auch wenn er von Unbekannten kommt. Man erlebt, wie lieb Menschen sein können. Das kann ein tolles Gefühl sein, das einen durch den Tag trägt. Es geht um menschlichen Zuspruch. Jemand sagt: „Ich bin da, ich höre dir zu, es ist mir nicht egal, wie es dir geht.“ Mit einer Therapie ist das nicht vergleichbar. Man darf sich nicht erwarten, dass man dadurch wieder gesund wird.

 

Es ist also gut zu reagieren, wenn man mit dem Leid Unbekannter konfrontiert wird?

Ein paar freundliche Worte kosten nichts. Menschen helfen anderen Menschen im Grunde gern. Je leichter das geht, umso besser. Vielleicht geht es mir selbst besser, wenn ich sehe, dass es anderen richtig schlecht geht, während ich mich bloß darüber ärgere, dass die Milch im Kühlschrank sauer geworden ist. Das relativiert die eigenen Probleme und kann auch dabei helfen, persönlich zu wachsen.

 

Ist es ein Anzeichen für die zunehmende Vereinsamung in der Gesellschaft, wenn sich Menschen mit ihren Problemen nur noch an eine körperlose Öffentlichkeit wenden – oder ist das sogar eine zusätzliche Hilfestellung zu realen Personen?

Einsamkeit hat es immer gegeben – und die Menschen haben auch immer Möglichkeiten gefunden, damit umzugehen. Ich sehe eine andere Gefahr: Betroffene finden zwar eine Krücke, die ihnen kurzfristig Linderung verschafft. Das kann sie aber auch daran hindern, etwas Dauerhaftes gegen ihre Probleme zu unternehmen. Soziale Medien sind eine Ablenkung, die nicht wirklich bei der Bewältigung hilft. Wichtige Momente des Alleinseins, in denen man sich wirklich spürt, werden weniger. Man kann sie leicht beseitigen, man muss keine Sekunde mehr auf etwas warten, wenn man jederzeit auf das Handy blicken kann.

Steckbrief

Sandra Gerö lebt in Schützen am Gebirge/Burgenland. Sie ist klinische Psychologin und spezialisiert auf psychologische Onlineberatung. Sie beschäftigt sich seit Langem mit den Auswirkungen von sozialen Medien auf die Psyche. www.geroe.com

Privat

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2014)

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