Herzkrank, klinisch tot, Marathonläufer

Peter Riese sagt, er sei vor zweieinhalb Jahren gestorben. Für 20 Minuten. Hätte ihm jemand gesagt, was ihm im Tod widerfahre, wäre er früher schon einmal gestorben. Heute trainiert er für den Marathon.

Peter Riese
Peter Riese
Peter Riese – (c) Stanislav Jenis

Peter Riese sagt Sätze, wie man sie selten hört. „Damals, als ich gestorben bin“, fällt da beiläufig. „Und nachdem ich dann gestorben bin...“, erzählt er vom Oktober 2012, als „ich meinen Tod überlebt habe“. Damals, am Morgen des 10. Oktober, war Riese im Spital, um sich wegen Schmerzen in der Brust und Atemnot untersuchen zu lassen. Die Diagnose überraschte den 55-Jährigen: zwei unentdeckte Infarkte. Er habe eine fast verschlossene und eine ganz verschlossene Arterie, teilte ihm sein Herzchirurg, ein Freund, mit. Ein Eingriff sei sofort notwendig.

Dazu kam es nicht. Kurz darauf blieb sein Herz stehen. Es war 12.05 Uhr, als Riese seiner schwangeren Frau sagte, ihm sei nicht gut. Dann sah er seine seltsam weiße Haut. „Et qu'ainsi la mort“ („Und so ist also der Tod“) war sein letzter Gedanke, dann war er weg.

Dass er tot war, davon ist Peter Riese heute überzeugt: „Es war nicht das klassische Licht. Keine Art Reststrom im Hirn, der eine Halluzination erzeugt.“ Wann ist man tot? Der Tod als irreversibler Funktionsverlust, der ist offensichtlich nicht eingetreten. Man spricht vom klinischen Tod, bei dem Bewusstsein und Atmung ausfallen, bei dem das Herz-Kreislauf-System stillsteht. Die Zeit, in der Nahtoderlebnisse stattfinden, und in der Reanimation gelingen kann. Er war in diesen 20 Minuten, ist er überzeugt, „auf dem Weg in die Ewigkeit“: Den Herzalarm habe er wie im Traum empfunden. Was danach gekommen sei, könne er nur annäherungsweise beschreiben.

Beim Versuch gerät Riese ins Schwärmen, Stocken, ins Gestikulieren: Eine surreale Welt habe sich aufgetan, er habe alles überdeutlich wahrgenommen, einen „wahnsinnigen Zugang zu allem“ gehabt. Kein lineares Vorbeiziehen des Lebens wie in einem Film. Sondern eine Gleichzeitigkeit, ein völliges Verständnis für alles, Bilder und Szenerien, die er einzeln oder alle auf einmal betrachten konnte. „Eine mehrdimensionale Verbindung allen Seins“, sagt er. „Nichts war mehr fremd, es existierten keine Fragen, ich empfand ein tiefes Verständnis.“ Zeit, Raum, Körper oder Dimensionen existieren nicht. „Es ist wie andere Dimensionen, die man sich wie Glaskästen, die ineinander verschränkt sind und in denen man sich ohne Einschränkung bewegen kann, vorstellen kann“, beschreibt er. Er spricht davon, dass er sich bis zum Rand eines Universums habe bewegen können, spricht von wunderschönen Klängen.

Und von einer Ohrfeige. Und einer Stimme, die „Schätzchen, du schaffst das“ sagt, und ihn zurückholt. Es folgen Operationen, Krankenhausaufenthalte, eine Zeit als Hochrisikopatient, von der er sich heute erholt hat. Eine Arterie ist noch immer verschlossen.


Fröhlichkeit und Todesangst

„Dass ich noch lebe, habe ich sogenannten natürlichen Bypässen zu verdanken, die mein Herz um den Verschluss herum gebildet hat.“ Durch erhöhte Schubkraft wird eine sogenannte Arteriogenese angeregt. Durch Bewegung will er den Druck erzeugen, dass sich neue Arterien bilden. Und so trainiert Riese heute für den Marathon.

Er sieht die Erfahrung auch positiv: „Ich habe das Gefühl: Wenn es einmal so weit ist, wird es mir nicht schlecht ergehen.“ Er spricht von einer Fröhlichkeit, die er mitgenommen habe. Er bekennt sich zu keiner Religion, gläubig sei er aber stets gewesen. Und fest überzeugt, dass mit dem Tod nicht alles vorbei sei. „Jede Religion spricht von einem schönen Übergang. Das war für mich die Bestätigung.“ Trotzdem, vorerst hat sich Riese weltlichen Dingen zugewandt: Er will der lebende Beweis für die Arteriogenese sein. Dafür, dass sich durch Bewegung Arterien bilden. Und da er einer ist, der Ziele braucht, um sich zu Bewegung zu motivieren, will Riese spätestens 2016 den Wien-Marathon laufen. Voriges Jahr war es sein erster Halbmarathon. „Ich habe heute fast alle Tabletten abgesetzt, es geht mir richtig gut. Ich bin 58 und fühle mich wie 45.“ Dennoch, die Angst vor dem Tod überkommt ihn immer wieder wie ein kalter Schauer. „Aber es ist keine Panik“, sagt er. Heute hat er Angst, dass er seine kleine Tochter nicht aufwachsen sehen könnte, dass er seine Familie allein lassen würde. Der Tod selbst sei es nicht mehr, der ihm Angst macht.

Buch und Autor

Peter Riese, 1956 in Essen geboren, lebt als Unternehmer, Autor und Maler in Wien.

Sein Buch „Einmal Sterben und zurück. Wie man seinen eigenen Tod überlebt und das Herz neue Adern wachsen lässt“ ist im Goldegg-Verlag erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2015)

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