Wer hat Angst vor Depressiven?

Menschen mit Depressionen sind keine Gefahr für die anderen. Wenn überhaupt, sind sie eine Gefahr für sich selbst.

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Themenbild: Depression – Imago

Die Depression ist eine gierige Krankheit. Sie verschlingt die Kraftreserven der Betroffenen, sie nagt an ihrer Geduld, sie braucht ihre Gefühlsreservoirs auf. Die Depression kriegt nicht genug. Angst, Wut, Trauer. Unersättlich verleibt sie sich diese Gefühle ein und verbirgt sie unter einer dicken Schicht dumpfen Schmerzes. Die Depression ist eine unglamouröse Krankheit. Nichts Dämonisches wohnt ihr inne, kein Enigma, keine Täuschung. Sie gibt nicht vor, etwas anderes zu sein, als sie ist. Bleierne Schwere, Trägheit, Lähmung. Nichts geht mehr.

Jahrzehntelang wird die Krankheit geheim gehalten, verborgen. Ebenso versteckt wie die an ihr Erkrankten. In Anstalten in tiefen Wäldern. In abgeschotteten Krankenhaustrakten. Fernab vom Alltagsleben der anderen.

In den vergangenen Jahren hat sich der Umgang mit der häufigsten psychischen Erkrankung hierzulande, der Volkskrankheit Depression, merklich gewandelt. Medien illustrieren Artikel darüber zwar noch immer mit dem klassischen Schwarz-Weiß-Sujet der Frau, die zusammengekrümmt im Eck sitzt. Doch sie haben auch gelernt, differenzierter zu berichten, Symptome, Behandlungsmöglichkeiten und Ursachen aufzuzeigen. Das hilft, die Mauer des öffentlichen Schweigens zu durchbrechen und den Erkrankten die anerzogene Scham zu nehmen. In den vergangenen Wochen kippt die Berichterstattung jedoch, nimmt einen bedenklichen Tonfall an. Auf ferndiagnostische Kaffeesudleserei folgen Verdächtigungen, auf Verdächtigungen die Dämonisierung der Erkrankten.

Krankheit des Massenmörders

Denn die Depression ist die Krankheit des Massenmörders. Ein Flugzeug wird zum Absturz gebracht. Menschenleben werden zerstört. Die der Toten für immer, die der Angehörigen für lange. Am Steuer sitzt ein Mann, über den vieles unbekannt ist und bleiben wird. Aber eines weiß man über seine Krankengeschichte: Er litt an Depressionen. Eine Krankheit, die zu monströsen Taten führt? Sind Depressive eine Gefahr für das Leben der anderen? Und falls ja, woran erkennt man sie? Fragen, die nicht nur im Boulevard gestellt werden. Wenn auch dort direkter, unmissverständlicher. Die Qualitätspresse gibt sich dezent, verdächtigt stilvoll. Komplexes wird vereinfacht, verschiedenste Ursachen auf einige wenige reduziert. Dabei ist die Liste der Auslöser endlos und so vielfältig wie die Persönlichkeiten der Erkrankten. Vitamin-D-Mangel, Hormonstörungen, Alter, Jugend, Mutterschaft. Schicksalsschläge, Trauerfälle, Biochemie. Ebenso divergieren Dauer und Intensität je nach Schwere der Krankheit. Die Verstimmung, die Episode, die chronische Depression. Die Zweiterkrankung, die Begleiterkrankung, die Wiedererkrankung.

Was die allermeisten Betroffenen verbindet, ist die enorme Kraftanstrengung, die selbst Alltäglichkeiten von ihnen abverlangen. Der Umgang mit anderen – Familienmitgliedern, Partnern, Kollegen – gehört mitunter zum Schwierigsten. Denn der andere bedeutet Nähe, und Nähe ist für einen Depressiven oft gleichgesetzt mit Erwartungen, die er nicht erfüllen kann. Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit, Hingabe. Zuhören können, antworten, Fragen stellen. Eine kaum bewältigbare Aufgabe für einen Menschen, der seine ganze Konzentration darauf richten muss, durch den Tag zu kommen. Sich anzuziehen, den Bus zu erwischen, pünktlich in der Arbeit zu sein. Trotz der Schwere in sich. Der dunklen Gedanken, der Schwierigkeiten, sich zu motivieren, weiterzugehen. Wenn jeder Schritt schwerfällt, wenn der Geist ständig gedämpft ist durch die bleierne Müdigkeit, wenn der einzige Wunsch lautet, sich endlich ausrasten zu können, durchzuatmen, nicht mehr funktionieren müssen. Auszusteigen. Schlafen und darauf zu hoffen, dass der nächste Tag besser wird, leichter. Solange die Schwere das Leben bestimmt, stört der andere nur. Auch wenn man ihn liebt, auch wenn man den Gedanken kaum erträgt: Der andere potenziert das eigene schlechte Gewissen.

Wenn man unter Depressionen leidet, quälen einen häufig Schuldgefühle. Man macht sich Vorwürfe bis hin zur Selbstzerfleischung, weil nichts klappt, nichts funktioniert wie sonst. Studien besagen, dass sich unter Depressiven überdurchschnittlich oft Perfektionisten finden. Es sind Menschen, die an sich selbst hohe Ansprüche stellen. Beruflich, sozial, emotional. Menschen, die drohen, an eben diesen zu zerbrechen. Menschen, die mehr geben wollen als möglich ist. Die ihre Grenzen nicht beachten.

Die werdende Mutter, die sich überfordert. Der Altenpfleger, der auch außerhalb seiner Dienstzeiten am Leben seiner Patienten teilnimmt. Die Tochter, die von klein auf die Ehe der Eltern zu retten versucht. Menschen, die an Depressionen erkranken, leiden oft nicht an einem Mangel an Empathie oder Sensibilität, wie man es wohl bei einem Täter vermuten würde, der 150 Menschen mit in den Tod reißt. Im Gegenteil. Sie haben viel davon, vielleicht sogar zu viel. Sie sind feinspürig, durchlässig, mitfühlend. Die Depression kann auch Ausdruck seelischer Überforderung sein. Zu großen Drucks, zu hoher Verantwortung, zu vieler Empfindungen, die schutzlos auf den Betroffenen einströmen.

Der Umgang mit dem anderen, nicht der andere selbst, ist oftmals Mitursache der Erkrankung. Tatsächlich meint man allgemein, auf eine Trennung folgt eine depressive Phase. Aber sehr oft ist die Depression selbst die eigentliche Ursache der Trennung. Der andere kann mit dem sukzessiven Rückzug des Erkrankten in sich selbst nicht umgehen. Damit, dass seine Anwesenheit als Belastung empfunden wird. Dass Intimität vermieden wird.

Dabei fehlen jegliche Aggressionen gegen ihn. Wenn Depressive überhaupt zu Aggressionen fähig sind, richten sich diese meist gegen sich. Depressive sind nicht gefährlich für andere. Sie sind – wenn überhaupt – eine Gefahr für sich selbst. Viele verschweigen ihre Krankheit aus Angst vor Stigmatisierung. Die gegenwärtige Berichterstattung trägt nicht dazu bei, die Befürchtung zu entkräften. Depressive sind keine latenten Mörder, keine Monster, keine tickenden Zeitbomben. Sie sind Menschen, die vor allem das benötigen, was sie vor ihrer Erkrankung oftmals anderen im Übermaß gegeben haben: Unterstützung, Mitgefühl und Verständnis.

Die Autorin

Barbara Kaufmann war selbst an einer depressiven Episode erkrankt. Die Filmemacherin und Journalistin schrieb unter anderem im November 2014 in der „Presse am Sonntag“ den Text „Graufilm“ über den Alltag mit einer Depression.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2015)

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