"Was hab' ich": Online-Portal übersetzt Arzt-Befunde

Durch das kostenlose Online-Übersetzungsservice von Anja und Johannes Bittner sollen sich Mediziner und Patienten auf Augenhöhe begegnen.

v.l.n.r.: Anja Bittner, Ansgar Jonietz, Johannes Bittner
v.l.n.r.: Anja Bittner, Ansgar Jonietz, Johannes Bittner
v.l.n.r.: Anja Bittner, Ansgar Jonietz, Johannes Bittner – Amac Garbe (ein-satz-zentrale.de)

Am Anfang war es eine Freundin, die Anja Bittner bat, einen Befund ihrer Mutter zu übersetzen aus dem keiner schlau wurde. Die Dankbarkeit war groß und die Frage, was sie ohne den privaten Service der Ärztin getan hätten, half bei der Umsetzung einer neuen Idee. Zusammen mit ihrem Mann Johannes - auch er ist Mediziner - und dem Informatiker Ansgar Jonietz stellte Bittner eine Website auf die Beine, über die geprüft werden sollte, ob es noch mehr Patienten gibt, die einen Dolmetscher suchen. "Innerhalb weniger Minuten kam der erste Befund, nach wenigen Tagen waren wir völlig überlastet", erinnert sich Bittner. Das war 2011. Mittlerweile hat das aus dieser Idee entstandene Portal "Was hab' ich" rund 24.200 Patienten mit einer kostenlosen Übersetzung beliefert.

Das Verfahren ist schnell erklärt. Der User meldet sich über die Homepage im "virtuellen Wartezimmer" an, nach ein bis zwei Tagen werde man via Email aufgefordert, seinen Befund einzusenden. Angaben zur Person solle man schwärzen, so Bittner. Danach wird der Befund von ehrenamtlichen Medizinern bzw. Medizinstudenten - für Österreich sind aktuell 20 im Einsatz -, die mindestens im achten Fachsemester sind, übersetzt. Finanziert wird das Portal über Spenden und Förderer, wie die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK), die Bertelsmann Stiftung und den Hartmannbund.

Hart aber einfühlsam

Jeder "Was hab' ich"-Mitarbeiter durchläuft für seine Aufgabe eine eigene Ausbildung, in der er lernt, wie man leicht verständlich erklärt. Ein persönlicher Betreuer begleitet diese Phase. "Die Befunde werden nachbesprochen und adjustiert, wo es nötig ist. Frühestens nach fünf Befunden, die sich jeder Mitarbeiter selbst aussuchen kann, je nach seiner spezifischen Fachrichtung, darf er oder sie dann selbstständig Befunde übersetzen. Manches geht schnell, für andere gibt es eine rege Diskussion im Team." Nach wenigen Tagen bekommt der Patient eine Antwort.

Dass man schwerwiegende Fälle am anderen Ende nicht auffangen kann, sei ein schwieriges Thema. "Unsere Mitarbeiter sind so geschult, dass sie empathisch antworten und nicht zu sehr auf die schlechte Nachricht fokussieren. Allerdings stehen wir auch mit dem deutschen Krebsinformationsdienst in Kontakt." Dort lautet das Credo: "Wenn ein Patient eine Anfrage stellt, will er eine harte, ehrliche Antwort."

Beispiel: Ein Befund und seine Übersetzung.

Mit der digitalen Distanz zwischen Arzt und Patient stieß "Was hab' ich" anfangs in den Fachkreisen auf Skepsis. "Dann wurde aber klar, dass das Portal nur eine Lücke im System schließen will, die aus welchem Grund auch immer besteht. Ärzte haben nicht weniger zu tun, sie bekommen nur besser informierte Patienten." Ortet Bittner generell ein Kommunikationsproblem im medizinischen Alltag? "Ja und es gibt viele verschiedene Gründe dafür. Einer ist wahrscheinlich, dass die ärztliche Ausbildung nicht darauf ausgelegt ist. Wir lernen sechs Jahre lang uns so auszudrücken, dass Kollegen schnell verstehen, was das Problem ist, nicht die Patienten. Der Zeitfaktor spielt sicher eine Rolle. Außerdem sind die Patienten selbst auch nicht immer förderlich. Häufig fragen sie nicht nach, wenn sie etwas nicht verstehen und recherchieren dann selbst im Internet nach." Und bei diesen Recherchen tauchen nicht selten neben neuen Fragezeichen auch neue Ängste auf. 

washabich.de

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