In zehn Minuten zur Greisin

Mithilfe eines Alterssimulationsanzuges können auch junge Menschen erahnen, wie es sich anfühlt, wenn alltägliche Bewegungen nicht mehr so einfach sind.

Die 24-jährige Violetta Marth ist im Rahmen einer VEO-Tagung in einen Alterssimulationsanzug geschlüpft.
Die 24-jährige Violetta Marth ist im Rahmen einer VEO-Tagung in einen Alterssimulationsanzug geschlüpft.
Die 24-jährige Violetta Marth ist im Rahmen einer VEO-Tagung in einen Alterssimulationsanzug geschlüpft. – (c) Stanislav Jenis

Es dauert nicht einmal zehn Minuten, bis aus der 24-jährigen Violetta Marth eine alte Frau wird. Plötzlich kann sie nur noch sehr langsam und unsicher gehen, ihre Bewegungen erscheinen fast wie in Zeitlupe. Wenn man mit ihr spricht, muss man das laut und deutlich tun, sie sieht nicht mehr gut und wirkt insgesamt irgendwie, als wäre sie gerade in einer anderen Welt.

Verantwortlich dafür ist ein Alterssimulationsanzug, den Marth im Rahmen einer Tagung des Verbands der Ernährungswissenschafter Österreichs (VEÖ) zum Thema „Essen für Fortgeschrittene: Generation 60+“ angezogen hat. Natürlich kann der Anzug nur grob ein Bild davon geben, wie sich ältere Menschen fühlen. Denn einerseits ist das Altersspektrum 60+ sehr weit gefasst und beinhaltet berufstätige und sportlich aktive Menschen genauso wie Pflegefälle jenseits der 90. Und andererseits muss Alter nicht immer mit Belastung, Erschwernis und Mühsal einhergehen. Aber es kann. Und es kann nicht schaden, wenn jüngere Menschen – wenn auch nur für ein paar Minuten – am eigenen Leib spüren, wie es sich eben auch anfühlen kann. „Wir können uns nicht in ältere Menschen versetzen. Ich selbst bin 60 plus, kann mir aber nicht vorstellen, wie es ist, 90 zu sein“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Erika Lasser-Ginstl, die dem Experiment beiwohnte. Ziel des Experiments mit dem Anzug ist es, ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie schwer der Alltag für alte Menschen sein kann.

Marth hat sich als Versuchsperson zur Verfügung gestellt und versucht, eine klassische Alltagssituation nachzustellen. Der Anzug soll sie um mindestens 40 Jahre älter machen. Wobei sie damit mehr agiert wie eine Hochbetagte (darunter werden im Allgemeinen Menschen über 85 verstanden). Der Anzug ist mit Gewichten ausgestattet, die in einer Weste, aber auch auf Armen und Beinen angebracht sind. Sie sollen ein Gefühl für die schwächere Muskelkraft erzeugen. Auch ein Selbsttest der Autorin beweist: Als alter Mensch hat man wirklich schwer zu tragen. Allein, sich zu setzen, ist eine Herausforderung, erst recht der Versuch, Schuhe anzuziehen.

Hinzu kommen Manschetten um die Gelenke sowie eine schwere Halskrause, die ebenfalls die Einschränkung der Beweglichkeit verdeutlichen soll. Gedämpfte Kopfhörer sollen ein Gefühl für das eingeschränkte Hörvermögen erzeugen, eine Brille kann das Sehvermögen in zwei Stufen um 20 bis 40 Jahre verschlechtern.


Eine Ewigkeit für eine Stufe. Marth versucht also, so ausgestattet eine Stufe zu steigen. Im Seminarraum in der Technischen Universität Wien (wo die Tagung stattfindet), muss ein normales Badezimmerstockerl als Treppenersatz herhalten. Es dauert sehr lang, bis Marth ihr Bein vorsichtig, beinahe zittrig auf die Höhe des Hockers gebracht hat, um dann danebenzusteigen. Gestützt von einer Kollegin schafft sie die Hürde. Dann geht es weiter zu einem Tisch, auf dem verschiedene Lebensmittel liegen. Eine Kollegin liest Marth den Einkaufszettel vor und verlangt, dass sie Brot, Äpfel, eine Banane, Tee, Käse und weitere Produkte auswählt. Die junge Frau in dem roten Anzug erinnert durch die Geschwindigkeit und Vorsicht ihrer Bewegungen nun vielmehr an eine sehr alte Frau. Es dauert, bis ihre Augen das jeweilige Produkt erspäht haben. Es dauert noch länger, bis ihre Hand – spezielle Handschuhe sollen den Tastsinn erschweren – das Produkt auch gefasst hat. Marth hat eine Packung Butter in der Hand. „Kannst du das Kleingedruckte lesen?“, wird sie von ihrer Kollegin gefragt. Nach kurzem Nachfragen und der Bitte, doch etwas lauter zu sprechen, hält sie die Butter einmal ganz nah an ihr Gesicht, dann wieder ganz weit weg, um irgendwann den richtigen Abstand zu finden, mit dem sie die Aufschrift lesen kann. „Wenn ich mich sehr konzentriere, dann schon. Es geht“, sagt die junge Frau. Jetzt wird sie gebeten, den in Plastik eingeschweißten Käse zu öffnen. Marth ist geschickt, braucht aber auch dafür viel länger als ohne Spezialhandschuh.

Die junge Frau ist erleichtert, als das Experiment vorbei ist und sie den schweren Anzug ablegen kann. Sie sei ins Schwitzen gekommen, nur durch diese alltäglichen Bewegungen, sagt sie. Und: Das Experiment hat in einem geschützten Rahmen, in einem Seminarraum, mit Teilnehmern, die auf sie achtgeben, stattgefunden. Hätte sie die Alltagssituationen an realen Orten, etwa einem Supermarkt, mit dem Anzug bewältigt, wäre das Ganze wohl wesentlich anstrengender gewesen.

Wobei dieses Experiment noch lang nicht alle Veränderungen, die im Alter auf einen zukommen können, abbildet. „Auch die Schmeckzellen verändern sich im Alter. Viele Menschen schmecken nicht mehr so gut und würzen dann sehr stark. Statt mit Salz sollte man das aber mit Kräutern kompensieren“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Lasser-Ginstl.

Überhaupt sei das Thema Essen besonders im Alter sehr wichtig. Nicht nur, weil es – etwa für Menschen im Altersheim – den Tag strukturiert, sondern auch in Hinblick auf die Gesundheit. Denn der Energiebedarf sinke zwar, nicht aber der Nährstoffbedarf. Hinzu kommt, dass Essen von vertrauten Speisen Sicherheit gibt. Und die kann man vor allem dann brauchen, wenn das Leben schwierig ist – auch ganz ohne Alterssimulationsanzug.

In Zahlen

23,4 Prozent der Österreicher sind heute über 60 Jahre alt.

37 Prozent der Österreicher werden im Jahr 2050 über 60 sein.

44 Jahre in den vergangenen 120 Jahren ist die Lebenserwartung um 44 Jahre gestiegen.

50 Prozent - Jedes zweite Baby, das heute auf die Welt kommt, kann mit einem Lebensalter von mehr als 100 Jahren rechnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2015)

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