Der vergessene "Schwarze Tod"

Manchen Schätzungen zufolge ist im Mittelalter die Hälfte der Bevölkerung der Pest zum Opfer gefallen. Ausgerottet wurde die Seuche nie. Madagaskar ist derzeit das am schlimmsten vom "Schwarzen Tod" betroffene Land.

Themenbild: Antananarivo
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Themenbild: Antananarivo – Reuters

Sie wirkt wie ein Gespenst des Mittelalters: die Pest. Von 1347 und 1353 raffte der "Schwarze Tod" in Europa zig Millionen Menschen dahin. Damals soll etwa ein Drittel, manche sprechen von der Hälfte, der Bevölkerung gestorben sein. Doch die Seuche ist auch eine aktuelle Gefahr, besonders heftig wütet sie in Madagaskar.

Der Inselstaat im Indischen Ozean, gelegen am südöstlichen Zipfel Afrikas, ist das weltweit am schlimmsten vom "Schwarzen Tod" - zur Bezeichnung kam es vermutlich, weil bei einer Erkrankung im späten Stadium die Finger schwarz werden und absterben können - betroffene Land. Eine Reise durch die Pest-Gebiete zeigt, dass viele Faktoren ihr Fortbestehen begünstigen. Die Menschen auf dem Land sind oft arm und leben in teils unhygienischen Hütten. Ratten sind nie weit - mit den Nagern kommt das Pest-Bakterium Yersinia pestis.

"Die Pest auszurotten ist schwierig", sagt die Leiterin der Pest-Forschung des Instituts Pasteur in der Hauptstadt Antananarivo, Minoarisoa Rajerison. "Aber wir können die Zahl der Krankheitsfälle weiter reduzieren", hofft die Forscherin. Das Kerngebiet des Erregers liegt zwischen den saftgrünen Hügeln und Reisfeldern des Hochlands. Dort sterben jedes Jahr Dutzende Männer, Frauen und Kinder an der Seuche. Seit 2010 zählte die Weltgesundheitsorganisation WHO landesweit knapp 500 Pest-Tote.

Von Ratten und Flöhen

Von der Hauptstadt aus fährt man etwa sechs Stunden bis nach Ambatofotsy Est. Die Menschen dort haben keinen elektrischen Strom. In den Häusern, meist aus Lehm, fehlt fließendes Wasser. Ein Fußmarsch zum nächsten Arzt dauert rund drei Stunden. Hier arbeitete Jullienne Rasolonirina im November des vergangenen Jahres auf dem Feld der Familie. Dort wachsen Maniok und Mais. "Als sie nach Hause kam, hatte sie plötzlich starke Kopfschmerzen. Dann war ihr linker Arm wie gelähmt", erinnert sich ihr Mann Jean Claude Andrianaivofenomanana. Das Alarm-Zeichen erkannte er nicht: die schmerzhafte Beule unter ihrer Achsel. Erst drei Tage später brachte er seine Frau zum Arzt. Sie starb. Seither muss der 38-Jährige die Felder alleine bestellen, um seine fünf Kinder zu versorgen. "Wie man sich mit der Pest infiziert, habe ich nicht verstanden", sagt er.

Einfach erklärt, fängt es mit infizierten Ratten und ihren Flöhen an. Die Insekten nisten sich bei Ratten ein, etwa im Fell. Sie können selbst Träger des Pest-Bakteriums werden. Der Erreger tötet die Nager, dann suchen sich die Flöhe einen neuen Wirt. Wenn ein Mensch in der Nähe ist, springen sie auf. Sie beißen und übertragen den Erreger.

Nach einer Inkubationszeit - der Phase zwischen Ansteckung und Anzeichen - von bis zu sieben Tagen zeigt der Kranke Symptome wie bei Grippe: Fieber, Frösteln, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit. Wenn ein Flohbiss zu einer Beulenpest führt, schwellen Lymphknoten zu dicken Beulen an. Sie können zehn Zentimeter Durchmesser haben. "Die Beulen sind extrem schmerzhaft. Wenn man sie berührt, kann sich der Patient kaum vom Schmerz erholen", schildert der Arzt Solofo Charles Alain Andrianiaina in der Stadt Tsiroanomandidy.

Pestfälle weltweit

Madagaskar ist derzeit das am schlimmsten von der Pest betroffene Land. Dort sind nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO seit 2010 knapp 500 Menschen an der Seuche gestorben. Im Kongo gab es im selben Zeitraum 67 Todesfälle, gefolgt von Uganda (12), Tansania und Peru (je 7). Im Kongo, jahrzehntelang am härtesten betroffen war, ist die Dunkelziffer nicht gemeldeter Erkrankungen sehr hoch.

In ländlichen Gebieten der USA gibt es auch immer wieder vereinzelte Pest-Fälle, darunter in New Mexico, Arizona, Colorado und Kalifornien. Dort zählten die Behörden seit 2010 fünf Pest-Tote. In den USA sind die Wirtstiere der Flöhe, die die Krankheit oft übertragen, nicht in erster Linie Ratten, sondern Präriehunde und Katzen.

Heiler, die Pestbeulen massieren

Ohne Antibiotika-Behandlung sterben bis zu sechs von zehn Patienten. Doch viele Kranke in Madagaskar gehen zuerst zum traditionellen Heiler. "Der Heiler massiert dann den schmerzenden Lymphknoten und verbreitet die Bakterien damit im ganzen Körper", sagt der Andrianiaina. Wenn die Patienten endlich kämen, sei es meist zu spät.

Wird aus einem Dorf ein Pest-Fall gemeldet, rücken die Gesundheitsbehörden an, um Häuser zu desinfizieren und mit Insektizid einzusprühen. Nahe Angehörige müssen vorsorglich Antibiotika nehmen. Pest-Leichen werden mit einer Chlorlösung gewaschen und mit Kalk eingerieben. Denn selbst die Toten können die Infektion weitergeben.

Bestattungsrituale wie die mehrtägige Totenwache im Haus des Verstorbenen sind bei Pest verboten. Die Leiche darf nicht in der Familiengruft beerdigt, sondern muss weit weg von Friedhöfen vergraben werden. Für Angehörige bedeutet das zusätzlichen Schmerz. Denn die Ahnenverehrung hat weiter viel Gewicht. Ein zentraler Teil davon ist die Famadihana-Zeremonie. Dabei werden alle sieben Jahre die Gebeine ausgegraben, anschließend bei einem Fest in Tücher gewickelt und neu bestattet.

"Rund um diese Zeremonien gibt es immer wieder Pest-Ausbrüche", berichtet Eric Bertherat, Pest-Spezialist der WHO in Genf. Es sei nicht geklärt, wie die Bakterien so lange in Gräbern überdauerten. "Aber diese Zeremonien spielen eine Rolle bei der Frage, wieso sich die Pest so hartnäckig hält in Madagaskar." Das sei eines von mehreren Rätseln. "Die Pest ist eine seltsame Krankheit", sagt er.

"Die Beule hat so wehgetan"

Das Institut Pasteur schickt Trupps zu Anti-Ratten-Kampagnen los. Mitarbeiter bringen an der Außenwand jedes Hauses eine Rattenfalle aus Holz an: mit Rattengift in der Mitte und außen herum einem Insektizid, das Flöhe tötet. Die meisten Opfer der Pest in Madagaskar sind Kinder. Sie spielen in den Feldern - in der Nähe toter Ratten. So ging es Ende 2014 auch Randriamaharitra aus dem Dorf Manoiadanana. Die damals Neunjährige bekam hohes Fieber und Halluzinationen. "Ich habe große Angst gehabt", sagt das Mädchen. "Die Beule hat so wehgetan." Doch sie bekam die richtige Hilfe, eine Antibiotika-Kur machte sie gesund.

Die gefährlichste Variante der Pest ist dabei selbst in Madagaskar selten: die Lungenpest. Sie ist leichter übertragbar. Und sie kann innerhalb von 48 Stunden nach Ausbruch zum Tod führen. Ein Patient, bei dem der Erreger in der Lunge sitzt, kann die Seuche via Tröpfcheninfektion schnell ausbreiten, etwa wie das Grippe-Virus. Was Forscher in Madagaskar über die Seuche herausfinden, kann weltweit wichtig sein.

Yersinia pestis

Erst seit gut 120 Jahren ist der Pesterreger bekannt. Der Forscher Alexandre Yersin, geboren in der französischen Schweiz, machte das Bakterium 1894 als Ursache der Erkrankung aus. Nach dem Arzt ist es benannt: Yersinia pestis. Auch zwei andere Wissenschaftler isolierten den Erreger in dem Jahr. Durch diese Erkenntnis und die Einführung von Antibiotika konnte die Pest zurückgedrängt werden.

Ein Ausbruch der Pest in Europa ist aufgrund des funktionierenden Gesundheitssystems extrem unwahrscheinlich. Theoretisch könnten mit dem Bakterium Yersinia pestis infizierte Ratten und Flöhe etwa auf Frachtschiffen zu uns gelangen. Doch selbst für den kaum zu erwartenden Fall, dass es dadurch zu einzelnen Beulenpest-Fällen oder Lungenpest-Erkrankungen käme, wäre die Gefahr gering, erläutert Eric Bertherat. Er ist Pest-Spezialist der Weltgesundheitsorganisation WHO, die ihren Hauptsitz in der Schweiz hat. Die letzte bekannte Pest-Erkrankung in Europa habe es gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im süditalienischen Neapel gegeben.

Eine Einschleppung der Pest aus Madagaskar durch rückkehrende Touristen ist ebenfalls sehr unwahrscheinlich. Die bei Urlaubern beliebten Gebiete des Landes - etwa die Inseln und Strände im Norden - sind pestfrei. Die von der Pest stärker betroffenen ländlichen Gebiete im Hochland ziehen keine Urlauber an.

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(APA/dpa)

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