Gesundheit

Was sich gegen unsere Faulheit tun lässt

Das Lauftraining streichen, wieder den Lift nehmen, die Diät aufschieben - Gründe, warum man dies und jenes nicht macht, finden sich immer. Ärzte und Psychologen zeigen Wege aus der Prokrastinations- und Bequemlichkeitsfalle.

Die Laufrunde war zwar angesagt, doch im Bett ist es viel bequemer. Gegen die Faulheit kann man einiges tun.
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Die Laufrunde war zwar angesagt, doch im Bett ist es viel bequemer. Gegen die Faulheit kann man einiges tun.
Die Laufrunde war zwar angesagt, doch im Bett ist es viel bequemer. Gegen die Faulheit kann man einiges tun. – (c) Frederic Cirou / picturedesk.com

Gestern war es viel zu kalt und windig. Heute war der Tag zu anstrengend, und abends kommen Gäste. Ein Grund, das geplante Lauftraining zu verschieben, findet sich immer. Morgen ist es ein leichter Schnupfen, übermorgen die Müdigkeit, weil man zu lange aus war, zu viel getrunken hat. Faule Ausreden, nennen das die einen. Den inneren Schweinehund machen andere für das eigene Nichtstun verantwortlich.

Die Psychologie nennt es „das Abspeichern negativer Erfahrungen“. Das emotionale Gedächtnis speichert Turnen oft als anstrengend, als schweißtreibend, als Muskelkater-fördernd ab. „Und nachdem unser Psychophysikum Gutes für uns will, sagt unser Unterbewusstsein, das sei nur anstrengend, damit habe man nur schlechte Erfahrung, das brauche man nicht tun“, sagt die Wiener Gesundheitspsychologin Doris Bach. Das soll aber nicht heißen, dass man diesem Vorgang ausgeliefert ist. „Man kann auch der Bequemlichkeit und den Ausreden trotzen und aktiv werden.“


Einen „inner bastard“ gibt es nicht

Im Englischen, Spanischen oder Französischen beispielsweise gibt es den Begriff des inneren Schweinehundes gar nicht. Da hat die Körpertherapeutin und Sehtrainerin Marion Weiser eine interessante Beobachtung gemacht: „Ich wollte einem Kollegen im Ausland auf Englisch erklären, warum ich meine Übungen nicht gemacht hätte. Der innere Schweinehund sei schuld. Den umschrieb ich mit ,inner bastard‘ und fragte den Kollegen, wie er denn dazu sage. Und was erwiderte der Amerikaner? ,I didn't do it, because I was too lazy to do it.‘“ Also kein Schweinehund, sondern einfach zu faul?

Ganz so einfach ist die Sache für Marion Weiser nicht. Sie spricht sogar von verschiedenen Schweinehund-Typen, wobei der bekannteste der Bequeme ist, der Couch-Potato, der jede Anstrengung vermeiden will. „Aber es gibt auch noch den Ängstlichen. Der vermeidet Dinge, weil sie ihm peinlich oder unangenehm sind.“

Da weicht man dem kritischen Gespräch mit dem Chef aus, weil heute kein guter Zeitpunkt sei. Man vermeidet den Arztbesuch, weil es ohnehin nicht so arg sein werde. Diese Menschen sind nicht grundlegend ängstlich, sie weichen nur unangenehmen Situationen aus – nur kann dieses Vermeiden mitunter gesundheitsschädigend sein. Weiser: „Wenn ich aber das Muster, den Mechanismus dahinter erkenne und mir bewusst mache, kann ich aktiv gegensteuern und gesünder und freier leben.“

Wir neigen zur Faulheit

Für den Sport- und Ernährungsmediziner Christian Matthai ist der innere Schweinehund etwas Normales. „Wir Menschen neigen zur Faulheit. Umso eher in einer Zeit wie der heutigen, wo die Balance zwischen Be- und Entlastung zugunsten der Belastung auf der Strecke bleibt. Wir sind und werden gehetzt, und da ist es nur natürlich, dass wir jeden Moment nützen wollen, um uns zu erholen. Die Leute bewegen sich weniger, das erlebe ich täglich in meiner Ordination.“ Also: Couch statt Laufschuh, Fernseher statt Fahrrad.

Zu guter Letzt kann der ominöse Bremserin uns auch mit vermindertem Antrieb oder schlechter Stimmung zu tun haben, also psychische und physische Ursachen haben. Andrea Zauner-Dungl, Fachärztin für Physikalische Medizin und Rehabilitation, sagt: „Antriebslosigkeit kann durchaus an einem Vitamin-D-Mangel liegen, da helfen dann Sonne und Vitamin-Tropfen.“ Auch leicht scharfe Gewürze können den Stoffwechsel und so den inneren Antrieb ankurbeln.


Rituale gegen den Schweinehund

Der Schweinehund lässt sich aber auch mit Ritualen bekämpfen. „Aus der Neurobiologie weiß man, dass wir sehr viel mit und von Ritualisierungen leben“, erklärt Fachärztin Zauner-Dungl. „Wenn wir nun ein Ritual, ein altes Muster ändern wollen, stoßen wir auf sehr viel Widerstand, den könnte man auch mit dem inneren Schweinehund gleichsetzen. Daher ist es wichtig, kleine Gegenrituale zu setzen, die bewältigbar sind.“

Also nicht gleich mit 30 Kniebeugen täglich anfangen, sondern vielleicht mit drei bis fünf, und zwar immer zur gleichen Uhrzeit. Oder nicht gleich fünfzehn Kilogramm abnehmen wollen, sondern zunächst einmal eines oder zwei. Und dafür vielleicht vorerst nur jeden zweiten Tag auf Süßigkeiten verzichten. Auch wenn erwiesen ist, dass die emotionale Bindung an Lebensmittel viel stärker ist als das rationale Wissen um gesunde Ernährung.

Oder nicht gleich 45 Minuten flottes Gehen, sondern jeden zweiten Tag 15 Minuten rasch marschieren, beispielsweise immer um 8.30 Uhr. Kleine Änderungen sind es, die zum Erfolg führen können. Denn nichts demotiviert mehr als unrealistische Ziele. Zauner-Dungl: „Durch Rituale kann man den Schweinehund gut besänftigen. Wenn Dinge Schritt für Schritt zur Gewohnheit werden, bellt der innere Verhinderer nicht mehr oder zumindest viel seltener.“


Weg der kleinen Schritte. Den Weg der kleinen Schritte zum besseren Wohlbefinden empfiehlt auch die Körpertherapeutin Weiser: „Ich kann nicht nur jeden Tag damit anfangen, ich kann auch jeden Tag wieder neu anfangen. Wenn ich beispielsweise 14 Tage keine Bewegung gemacht habe, ist das nicht egal, sondern ich kann heute wieder mit fünf Minuten Laufen beginnen und es morgen auf acht Minuten ausdehnen.“

Außerdem steigere es unsere eigene Glaubwürdigkeit und unser Selbstbewusstsein, wenn wir uns etwas vornehmen, das wir nicht liebend gern machen, es aber dennoch durchziehen. „Das macht uns selbstsicherer und steigert Wohlbefinden und Selbstwert.“

Einen anderen Rat hat Psychologin Doris Bach: sich bewusst machen, dass Nordic Walken zwar anstrengend sein kann, aber dass es einem nachher besser geht als vorher. Das gilt nicht nur für Sport, das betrifft auch andere Dinge wie Klavierspiel, Diät oder Rauchstopp. Überwindung bedeuten solche Sachen meist nur anfänglich. Später steht das Bewusstsein um den Vorteil, den man daraus zieht, im Vordergrund.

Sportarzt Christian Matthai empfiehlt: „Weil Bewegung aus medizinischer Sicht für den Erhalt der Gesundheit noch wichtiger ist als gesunde Ernährung, sollte man sich den Sporttermin wie jeden anderen Termin rot in den Kalender eintragen, sonst wird's nichts. Es tun sich nicht einfach Lücken auf, in denen man schnell einmal sporteln kann.“Das gelingt auch Matthai selbst nicht, der Sport liebt.

Und wenn's denn gar nicht Sport sein soll, so kann man wenigstens Alltagsaktivitäten umstrukturieren, zum Beispiel so viel wie möglich zu Fuß gehen, Lifte und Rolltreppen zum absoluten Tabu machen. Auch ein echter Hund ist ein treuer Freund im Kampf gegen den inneren Schweinehund. Egal, ob es regnet oder ob man müde ist, ein Hund muss hinaus – und der Besitzer geht mit.

Psychologin Bach abschließend: „Man soll sich auch immer wieder vorsagen: Ich entscheide, was gut für mich ist und nicht irgendein Trieb zur Bequemlichkeit, der sich da innerer Schweinehund nennt.“

SAUHUNDE

Nur im Deutschen gibt es den Begriff Schweinehund. Laut Wikipedia geht er auf sogenannte Sauhunde zurück, die früher bei der Wildschweinjagd eingesetzt wurden und die armen Wildschweine so lange gehetzt haben, bis sie total erschöpft und leichte Beute waren. Kein Wunder, dass das Wort Schweinehund dann vor allem in der Studentensprache des 19. Jahrhunderts als grobes Schimpfwort galt. Erst später wurde es zum Synonym für Willens- und Antriebsschwäche.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2017)

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