Baby, wir sollten planen

Kommt es bei der Umsetzung der Familienplanung zu Komplikationen, ist das für viele Paare eine Katastrophe. Neue Testmethoden sollen dem vorbeugen.

Spätes Mutterglück: Viele Frauen schieben ihren Kinderwunsch auf und vertrauen darauf, noch lang fruchtbar zu sein.
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Spätes Mutterglück: Viele Frauen schieben ihren Kinderwunsch auf und vertrauen darauf, noch lang fruchtbar zu sein.
Spätes Mutterglück: Viele Frauen schieben ihren Kinderwunsch auf und vertrauen darauf, noch lang fruchtbar zu sein. – (c) Reuters

Mit 24 ein Studium abschließen, sich danach einige Jahre im Beruf etablieren, vor dem dreißigsten Geburtstag heiraten und das erste Kind bekommen – die österreichischen Frauen sind Freundinnen der Planung. Zwei Kinder sieht der Lebensentwurf der meisten Frauen vor, das zeigt eine Untersuchung der Statistik Austria. Das erste Kind bekommen sie im Durchschnitt im Alter von 29 Jahren, das ist vier Jahre später als noch vor drei Jahrzehnten.

„Frauen würden heute zwar immer später schwanger werden wollen, sobald die Entscheidung für ein Baby aber einmal gefallen ist, geht es um die sofortige Wunscherfüllung“, sagt Andreas Obruca, Gründer des Kinderwunschzentrums Goldenes Kreuz.

Was aber, wenn die Natur sich einmischt und die ganze Planung zunichtemacht? Wenn zum wohlüberlegten Zeitpunkt der gewünschten Schwangerschaft der eigene Körper nicht mitspielt? Sechs bis neun Prozent der Frauen sollen laut Studien ungewollt kinderlos sein. In vielen Fällen liegt das daran, dass sie zum Zeitpunkt des Kinderwunsches nicht mehr ausreichend fruchtbar sind. „Für die Frauen ist das oft fast so schlimm wie eine Krebsdiagnose“, sagt Obruca.


Frühzeitige Planung

Um derartige Überraschungen zu vermeiden, liegt momentan vor allem eine Strategie im Trend: noch bessere Planung. So hat etwa das Wiener Start-up Juno ein Testverfahren entwickelt, das mittel- bis langfristig vorhersagen können soll, wie sich die Fruchtbarkeit einer Frau mit dem Lebensalter verändert. „Gute Fruchtbarkeit ist endlich. Viele verschieben den Kinderwunsch immer weiter nach hinten und glauben, wenn es dann nicht mehr geht, hilft immer noch künstliche Befruchtung“, sagt Alexander Just, der Juno gemeinsam mit Silvia Hecher gegründet hat. Er selbst ist Gynäkologe und hat sich auf Reproduktionsmedizin spezialisiert. „Wir Ärzte können aber nur helfen, solange auch befruchtbare Eizellen da sind. Wir können sie nicht nachwachsen lassen“, erklärt er. Eine 32-jährige Frau würde heute fast automatisch davon ausgehen, gut fruchtbar zu sein. Das treffe auch in den meisten Fällen zu, ein kleiner Prozentsatz wäre aber auch schon in diesem Alter „niedrig fruchtbar“. „Frauen können mit einem bestimmten Alter überdurchschnittlich, gut oder niedrig fruchtbar sein. Wer mit einer geringeren Fruchtbarkeit anfängt, kommt früher in den roten Ampelbereich, wo dann nichts mehr geht“, sagt Just.

Um feststellen zu können, wann das der Fall sein wird, hat Juno einen Algorithmus entwickelt. Er kombiniert Lebensalter und Lebensumstände der Patientinnen mit der Konzentration des sogenannten Anti-Müller-Hormons (AMH) im Blut. Das AMH wird von dem heranwachsenden Follikel (also der Hülle der reifenden Eizelle) gebildet. Zwischen dem AMH-Spiegel und der Anzahl der reifungsfähigen Eizellen besteht daher ein Zusammenhang. Der Wert müsse aber interpretiert werden, da viele äußere Faktoren einen Einfluss auf die Konzentration des Hormons haben. So beeinflussen etwa hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille oder vorangegangene Schwangerschaften und Operationen den AMH-Spiegel.

Wie viel Zeit bleibt?

„Der Test richtet sich nicht an Frauen, die sofort schwanger werden wollen“, sagt Just. „Wir sprechen viel mehr jene an, die wissen wollen, wie lang es bei ihnen überhaupt geht.“ Denn: „Ich schaue ja auch nicht nach, ob ich Brutkrebs habe, wenn ich ihn schon habe“, ergänzt Hecher. Die Entwickler empfehlen den Test daher schon ab einem Alter von 25 Jahren. Andere halten ein so frühes Testverfahren für weniger sinnvoll. Vor allem sehr junge Frauen würden dadurch zu Panikreaktionen verleitet, heißt es. So sollen in Deutschland zwei Schwestern Anfang 20 beinahe ihr Studium abgebrochen haben, nachdem bei ihnen ein niedriger AMH-Wert festgestellt worden war.

Da das AMH außerdem ein relativ junger wissenschaftlicher Parameter ist, ist sich die Forschung derzeit noch nicht einig, wie zuverlässig eine Prognose durch Messung des AMH-Spiegels im Blut ist. Einige Experten fürchten, Frauen könnten dadurch dazu veranlasst werden, sich in falscher Sicherheit zu wiegen und den Kinderwunsch zu lang hinauszuzögern. Eine andere Methode ist der sogenannte Ovascore-Test. Er kombiniert die Hormonwerte mit einer Ultraschalluntersuchung, bei der die Größe der Eierstöcke sowie die Anzahl der Follikel und Eibläschen bestimmt werden.

Diese Tests zu machen hätte laut Obruca den Vorteil, dass noch genug Handlungsmöglichkeiten bestünden, wenn die betroffenen Frauen rechtzeitig über eine reduzierte Fruchtbarkeit Bescheid wüssten. „Es gibt weiters die Möglichkeit, Eizellen einfrieren zu lassen“, erklärt er. „Je jünger die Frauen und damit auch ihre Eizellen zu diesem Zeitpunkt sind, umso besser sind die Prognosen für den Erfolg der Methode.“ Könnte man dann nicht gleich mit 25 ein paar Eizellen einfrieren lassen, nur so zur Sicherheit? Nein. In Österreich ist das nicht möglich, denn sogenanntes Social Freezing ist hier verboten. Im Gegensatz zu manch anderen Ländern dürfen Eizellen nur eingefroren werden, wenn ein medizinischer Grund vorliegt. Außerdem ist das Prozedere mit höheren Kosten verbunden: Die Lagerungsgebühr beträgt etwa 100 Euro pro Jahr. Mit dem Alter der Frau erhöhen sich davon abgesehen auch die Risken für Mutter und Kind während der Schwangerschaft.

Wenn tatsächlich alles schon zu spät ist und auch die Ärzte nicht mehr helfen können, einen Kinderwunsch zu realisieren? „Das ist für die meisten Paare schwer akzeptierbar“, sagt Obruca. In einem solchen Fall käme es dann ganz darauf an, wie die Betroffenen mit alternativen Möglichkeiten, etwa dem Gedanken an eine Adoption, umgehen würden.

Methoden

Anti-Müller-Hormon messen.
Das Anti-Müller-Hormon (AMH) ist ein Proteohormon bzw. Glykoprotein. Es wird bei geschlechtsreifen Frauen in den Granulosazellen heranwachsender Follikel im Eierstock produziert und steht im Zusammenhang mit der Anzahl an reifungsfähigen Eizellen.

Eizellen einfrieren lassen.
In Österreich dürfen unbefruchtete Eizellen eingefroren werden, wenn ein medizinischer Grund dazu besteht. Social Freezing ist verboten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2017)

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