Jeder Dritte erhält die falsche Arznei

Ein tödlicher Zwischenfall hat eine Diskussion über die sichere Abgabe von Arzneien in Krankenhäusern ausgelöst. Dass Patienten nicht die richtigen oder zu viele Medikamente bekommen, kommt in Österreich häufig vor.

Gesundheit Jeder Dritte erhaelt
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Arzt – (c) Bilderbox.com

Salzburg/wien. Bekommen die Patienten in Österreichs Spitälern genau jene Medikamente, die sie brauchen? Ein tödlicher Zwischenfall mit einer 80-Jährigen im Landeskrankenhaus Salzburg hat eine Diskussion über die sichere Abgabe von Arzneien in Krankenhäusern ausgelöst.

Wie nun bekannt wurde, war der Verstorbenen ein Schmerzmittel verabreicht worden, das bei ihr einen allergischen Schock auslöste. Vorher hatte die Frau jedoch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie auf das verwendete Medikament Novalgin allergisch sei.

Dass in Österreich ein Spitalspatient wegen Falschmedikation stirbt, ist selten. Dass Patienten nicht die richtigen oder einfach zu viele Medikamente bekommen, kommt jedoch häufig vor. Herausgefunden haben das vor zwei Jahren schon ausgerechnet Wissenschaftler der Salzburger Landeskliniken, zu denen auch das LKH Salzburg gehört. Bei 23,4 Prozent von mehrfach medikamentös behandelten Senioren wurden Fehldosierungen festgestellt, 17,8 Prozent wiesen Nebenwirkungen auf. 36,3 Prozent wurden auf verzichtbare Medikamente eingestellt. Bei knapp neun Prozent war die Fehldosierung eines Medikaments überhaupt der Grund, warum ein stationärer Aufenthalt nötig war.

Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte in Österreich, sieht hierzulande in der Verschreibepraxis noch großes Verbesserungspotenzial: „Auf Österreich umlegbare Studien aus den USA zeigen, dass bei 30 bis 40 Prozent aller Medikamentengaben Fehler gemacht werden.“ Der banal klingende Grund dafür sei oftmals die schwer leserliche Handschrift des verschreibenden Arztes.

 

„Hier wird nichts vertuscht“

Eine weitere Gefahrenquelle bei der Medikation ist schlechtes Informationsmanagement. In Salzburg dürfte das zum tödlichen Missverständnis geführt haben. Laut Angaben der Klinik war die Warnung der Patientin vor dem Medikament nämlich nicht wie sonst üblich in die sogenannte Fieberkurve übertragen worden. In der Fieberkurve sind wichtige Daten über den allgemeinen Gesundheitszustand eines Patienten vermerkt.

Das LKH Salzburg erstattete inzwischen Selbstanzeige. „Hier wird nichts vertuscht“, sagte der ärztliche Direktor, Heinrich Magometschnigg, der „Presse“. Die Landeskliniken würden jedenfalls aus dem Zwischenfall lernen und künftig neue Methoden einsetzen, um ähnliche Vorkommnisse zu verhindern. Magometschnigg denkt einerseits an bunte Armbandmarkierungen für Patienten, andererseits an die Einführung einer zentralen, elektronisch gestützten Medikamentenverordnung.

Österreichs ist diesbezüglich im internationalen Vergleich ein Nachzügler. Im Ausland, sagt Patientenanwalt Bachinger, seien zentrale Medikamentendateien für Spitalspatienten oft schon Standard. Hierzulande haben damit bisher nur der Wiener Krankenanstaltenverbund und das Krankenhaus Steyr erste Erfahrungen gemacht. Studien würden längst zeigen, dass so mit relativ einfachen Mitteln viele Zwischenfälle vermieden werden könnten.

Auf einen Blick

Im LKH Salzburg verstarb eine 80-jährige Frau nach einem allergischen Schock. Zuvor hatte sie die Ärzte darüber informiert, dass sie auf das Schmerzmittel Novalgin allergisch reagiere. Trotzdem wurde ihr eben dieses Medikament verabreicht.

Die Spitalsleitung erstattete Selbstanzeige. Die Information der Patientin dürfte nicht sachgemäß dokumentiert worden sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2010)

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