60 Jahre o.b.: "Ein Job für eine Frau"

Wie ein blauer Faden zieht sich o.b. seit 60 Jahren durch das Leben von Frauen. Judith Esser Mittag war maßgeblich an der Entwicklung beteiligt. Die medizinische Fachwelt war schwer von der Hygieneneuheit zu überzeugen.

Jahre fuer eine Frau
Jahre fuer eine Frau
Tampon – (c) Clemens Fabry

Alles begann mit einer amerikanischen Zeitschrift, die achtlos am Rheinufer weggeworfen worden war. Dort fanden sie 1947 zwei arbeitslose Akademiker bei einem Spaziergang: der Auto-Ingenieur Carl Hahn und der Jurist Heinz Mittag. Sie blätterten sie durch und stießen auf eine Werbung für Tampons, die in den USA gerade auf den Markt gekommen waren. „Be a rebel“, stand da. Hahn und Mittag waren bereit für die ganz persönliche Revolution. „Das ist es“, sagte Hahn. „Das machen wir. Das wird immer gebraucht.“

Drei Jahre später war es auch in Deutschland so weit: Die erste Packung mit o.b. kam auf den Markt. Seither zieht sich diese Erfindung wie ein blauer Faden durch das Leben der Frauen. Und wurde weit mehr als nur Teil der Körperhygiene. „Tampons gaben Frauen die Courage, stärker am öffentlichen Leben teilzunehmen.“ Die das sagt, weiß, wovon sie spricht: Die Gynäkologin Judith Esser Mittag, 89, war maßgeblich an der Entwicklung des Tampons in Deutschland beteiligt. „Wir begriffen bald, dass es hier um mehr ging als nur um ein Produkt. Es war eine soziokulturelle Umwälzung.“

Und eine, die nicht ganz einfach zu bewerkstelligen war. Denn so bestechend simpel die Grundidee ist, so schwierig gestaltete sich die Umsetzung. Die Möglichkeit, das amerikanische Modell Tampax einfach nachzubauen, schied im Deutschland der Nachkriegszeit nämlich aus. Denn Tampax basierte auf der Idee einer Einführhilfe aus Karton – und Karton gab es Ende der 40er-Jahre in Deutschland nicht. Also brauchte man eine Alternative. Und dafür wiederum brauchten Carl Hahn und Heinz Mittag gynäkologische Expertise.


Am Anfang stand die Ablehnung. Bei ihrer ersten Anfrage bekamen sie gleich einen Vorgeschmack, wie kontroversiell ihr Projekt in Fachkreisen aufgenommen werden würde. Ein höchst berühmter Professor in Süddeutschland lehnte sowohl Vorhaben als auch Mitarbeit rundweg ab. Doch Hahn und Mittag ließen sich nicht entmutigen und wandten sich an Karl Julius Anselmino, Vorstand der Landesfrauenklinik in Wuppertal, und bekannt für sein fortschrittliches Denken. Anselmino war begeistert, hatte nur einen Einwand: „Das ist ein Job für eine Frau.“

Diese Frau war eine seiner Assistentinnen: Judith Esser, damals 27 Jahre alt. „Ich war von Anfang an begeistert und fasziniert von dem Projekt“, sagt Esser, die später Heinz Mittag heiratete. Und nicht nur aus medizinischen Gründen. „Frauen haben ihr Leben rund um ihren monatlichen Zyklus arrangiert. Das wurde umso schwieriger, je mehr Frauen am öffentlichen und am Arbeitsleben teilnahmen.“ Da sei immer die Angst und die Sorge dabei gewesen, ob alles sitzt und alles hält. „Das hat Frauen unglaublich verunsichert.“

Hippokrates und Mongolen. Esser war in ihrer Jugend Leistungsschwimmerin. „Mein Trainer wollte nichts davon wissen, ob eine Frau ihre Menstruation hatte. Wenn man dran war, hatte man zu schwimmen“, sagt sie. Eine Kollegin zeigte ihr damals den Umgang mit einem Wattepropfen – eine Technik, die sich allerdings als sehr mühsam und unsicher herausstellte.

Das Grundprinzip war damit aber dennoch vorgegeben – und auch nicht ganz neu. „Schon bei Hippokrates wird davon berichtet“, sagt Esser. „Und die Mongolinnen nahmen ein Stück Holz, um das sie Pferdehaare wickelten.“ Nun ging es vor allem um schwierige technische Fragen. Wie konnte man Watte so bearbeiten, dass sie gleichzeitig hart und saugfähig wurde, wie dick musste so ein Propfen sein, wie lang? Und vor allem: Wie konnte man den Tampon maschinell herstellen?

Die Antwort kam aus einem unerwarteten Eck. Die Jungunternehmer fanden einen Techniker, der Erfahrung mit Zigarettenmaschinen hatte. „Auch dabei wird ja Tabak gepresst und dann umwickelt“, sagt Esser. „Das wollten wir anpassen. Aber es war schwieriger als gedacht. Ich habe noch immer den verzweifelten Aufschrei unseres Konstrukteurs im Ohr: ,Ich kann das nicht! Watte ist kein Tabak.‘“

Doch irgendwann klappte es schließlich doch. Von Anfang an mit dabei war der berühmte Faden. Der war zwar am Anfang noch weiß, wurde aber bald blau eingefärbt. Je schneller die Tampons nämlich vom Band rollten, umso schwieriger war es bei der Qualitätskontrolle zu sehen, ob alles an seinem Platz war. Die blaue Farbe erwies sich da als hilfreich. Auch der Name passte gleich, ebenso überzeugend einfach, schnörkellos und diskret wie das ganze Produkt: o.b., ohne Binde.

Mediziner skeptisch. Nicht ganz so leicht war die medizinische Fachwelt von der Hygieneneuheit zu überzeugen. „Wir bekamen hier eine Lektion in menschlichem Beharrungsvermögen“, erinnert sich Esser. Während die Kirche die Erfindung relativ gefasst aufnahm, kamen vor allem aus ärztlichen Kreisen Vorbehalte. Gewarnt wurde vor gefährlichen Keimen, aufsteigenden Entzündungen bis hin zur Infertilität. „Dahinter stand aber oft die Überzeugung, dass Frauen dort unten einfach nicht herumfummeln sollten“, sagt Esser Mittag.

Viele Frauen hatten ebenfalls Bedenken gegen die neuen Tampons, stellten sich etwa die Frage, ob man sich damit entjungfern könnte – eine Mär, die sich bis in die 1970er-Jahre hartnäckig hielt und mithilfe einer eigenen Broschüre für junge Mädchen entkräftet werden sollte. „Uns wurde bald klar, dass wir sehr viel Aufklärungsarbeit leisten mussten.“ Dieser Überzeugung blieb Esser Mittag treu. Sie engagierte sich ihr ganzes Berufsleben für die Jugendgynäkologie und in Projekten rund um die sexuelle Aufklärung von Teenagern.

Dazu kam, dass sich viele Frauen in den 50er- und 60er-Jahren nicht leicht taten, o.b. im Geschäft zu verlangen. Watte war da ein viel unverfänglicheres Produkt. „Manche Frauen haben gewartet, bis kein anderer Kunde mehr im Geschäft war, ehe sie sich fragen trauten“, sagt Esser Mittag. „Das war schon ein sehr erniedrigender Zustand.“ Doch auch für dieses Problem fand die innovative Dr. Carl Hahn KG (1974 von Johnson & Johnson gekauft) eine Lösung: Sie stellte stumme Verkäufer neben der Kassa auf, die Frauen konnten o.b. sozusagen wortlos in ihren Einkaufskorb legen.


„Ein schönes Stück Freiheit“. Viele Frauen aber wurden durch keinerlei Bedenken abgeschreckt. Ganz im Gegenteil – sie hatten auf ein solches Produkt nur gewartet, das ihnen zum ersten Mal in der Geschichte erlaubte, in jedem Monat wirklich jeden Tag zu nutzen. Bereits im ersten Jahr wurden in Deutschland mehr als zehn Millionen Tampons verkauft. „Wir haben den Frauen ein ganz schönes Stück Freiheit beschert“, sagt Esser Mittag.

Die deutsche „Mutter“ des o.b., Jahrgang 1921, studierte von 1940 bis 1945 Medizin in Köln und Bonn.

1947 traf sie den Ingenieur Carl Hahn und den Jurist Heinz Mittag, die den in den USA bereits handelsüblichen Tampon auch in Deutschland auf den Markt bringen wollten. Ab dann fungierte sie als Beraterin für dieses Projekt.

Esser machte sich vor allem um die Jugendgynäkologie und die Aufklärung Jugendlicher verdient. M2 communication

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2010)

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