Musik gegen Depression und Schlafstörungen

Audiotherapie. Spezielle Geräte mit speziellen Melodien helfen bei Burn-out und anderen Leiden und das ohne jeglichen Nebenwirkungen. Sie werden bereits auch von Ärzten verwendet.

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(c) APA (Herbert P. Oczeret)

Nebenwirkungsfrei, melodiös und zu Hause im Wohnzimmer lässt sich neuerdings etwas gegen Depressionen, Burn-out und Schlafstörungen tun. Das Zaubermittel heißt Musik, und zwar individuelle, ganz spezielle maßgeschneiderte Musik, die auf eigens entwickelten Audiotherapie-Geräten abgespielt werden kann.

Hinter der sogenannten Audiotherapie stecken Jahre der Forschungsarbeit und zahlreiche Studien zur medizinischen Wirkung von Musik. Einige von ihnen hat die renommierte Musikwirkungsforscherin Vera Brandes, Leiterin des Forschungsprogramms MusikMedizin an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, durchgeführt.

 

Signifikante Besserung

„Wir konnten unter anderem nachweisen, dass ganz bestimmte Musik depressive Symptome signifikant reduzieren kann“, sagt Brandes, die beim 3. internationalen Kongress „Mozart und Science“ über ihre bahnbrechenden Depressionsstudien berichten wird. (Näheres zum Kongress unter „Musik wirkt“.)

203 Probanden nahmen an der Depressionsstudie teil. Vor der Behandlung wurde unter anderem anhand der Hamilton-Depressionsskala der Schweregrad erfasst – dieser verbesserte sich bei 89 Prozent der mit Audiotherapie „behandelten“ Patienten um durchschnittlich 60 Prozent. Und zwar auch bei Menschen, die schon alle möglichen Therapien ohne zufriedenstellenden Erfolg probiert hatten. Zusätzlich wurde die Herzfrequenzvariabilität, ein Indikator für den Schweregrad depressiver Erkrankungen, deutlich besser.

Seit Kurzem ist die Audiotherapie im Einsatz, auch niedergelassene Ärzte wenden sie mittlerweile an. „Mein Team und ich haben rund zwei Jahre gebraucht, um die dafür notwendigen speziellen Anwendungen und Geräte zu entwickeln“, erwähnt Brandes und schildert den Ablauf einer solchen Audiotherapie.

 

Individueller Hörplan

Speziell ausgebildete Ärzte (derzeit erst einige wenige Allgemeinmediziner und Neurologen; eine entsprechende Liste gibt es telefonisch unter 01/9682655) führen ein diagnostisches Interview mit dem Patienten, der zusätzlich einen sehr ausführlichen Fragebogen ausfüllen muss. „Beides, also Diagnose-Ergebnis und Fragebogen, liefert uns die Basis für die Erstellung eines individuellen, auf den einzelnen Fall und das jeweilige Problem abgestimmten Hörplans“, sagt Brandes.

Die jeweilige Musik – so Brandes – sei extra komponiert. „In jahrelangen Forschungen darüber, was tatsächlich wirkt, haben wir herausgefunden, dass es die Musik, die bei diesen Diagnosen wirklich hilft, noch nicht gibt. Und zum Zweiten ist es kontraproduktiv, wenn der Patient die Musik bereits kennt, das kann leicht gegenteilige Wirkung erzeugen. Im Gegensatz dazu wirken bestimmte musikalische Strukturen regulationsbiologisch und können physiologische Schaltstellen ganz gezielt ansteuern.“ In Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass Wahrnehmung und Verarbeitung von Musik zentrale Hirnareale stimulieren.

 

Hilfe zur Selbsthilfe

Die mit den individuellen Programmen bespielten Therapiegeräte gehen dann an den Arzt, der den Patienten deren Handhabung erklärt. Nach fünfwöchiger Musiktherapie mit zwei täglichen Einheiten – so weiß man aus klinischen Studien, die unter anderem am Wiener Hanuschkrankenhaus durchgeführt wurden – stellen sich gravierende Besserungen ein.

Schon in früheren Forschungsprojekten konnten Vera Brandes und ihre internationalen Studienpartner nachweisen, dass Störungen körperlicher Regulationsvorgänge wirksam durch Musik beeinflusst werden können. „Besonders nach einer fünfwöchigen Pause sieht und spürt man die Therapie-Effekte noch deutlicher. Wenn es dann noch nötig ist, wird die fünfwöchige Audiotherapie wiederholt, aber zu 95 Prozent mit einem anderem Musikprogramm, das wir dann erneut zusammenstellen“, erwähnt Brandes.

Die Wissenschaftlerin hat somit auf der Grundlage der Wirkung von Musik ein Musik-Medikament entwickelt, das dem Organismus Hilfe zur Selbsthilfe bereitstellt. Bei Patienten mit leichten bis mittelschweren Depressionen hilft oft schon die Audiotherapie allein, bei schweren und lang anhaltenden Erkrankungen hat sie als zusätzliche Maßnahme positive Effekte. „Medikamente und Psychotherapie allein können den bei Depressiven in der Regel gestörten Dopaminhaushalt nicht mehr regulieren, da ist die Musik äußerst wirksam“, sagt die Wiener Allgemeinmedizinerin, Kinderärztin und Psychotherapeutin Dr. Charlotte Philipp, die die Audiotherapie bereits einsetzt. „Mit großem Erfolg“, wie Philipp betont.

 

Mit Musik gegen Angststörungen

„Auch Patienten mit Angststörungen profitieren sehr von dieser Therapie, da sie offenbar tiefe Gehirnbereiche anspricht, die mit anderen Therapieformen nur schwer erreicht werden können“, weiß die Ärztin. Vor allem für Patienten, die keine Medikamente einnehmen wollen oder dürfen, ist diese neue Form der Therapie manchmal die einzige Alternative. „Die Audiotherapie hat zwei entscheidende Vorteile“, sagt Mag. Dipl.-Psych. Claudia Fischer aus dem wissenschaftlichen Studienteam: „Im Vergleich zu anderen Therapien zur Behandlung von Depression und Störungen mit depressiven Symptomen wirkt sie sehr schnell und verkürzt dank der täglichen Anwendung die Behandlung wesentlich. Und weil es den Patienten schon nach wenigen Tagen besser geht, gibt es praktisch keine Therapie-Abbrüche.“

 

Wermutstropfen: Die Kosten

Audiokuren gibt es auch für Burn-out und Schlafstörungen. So weit die gute Nachricht. Die möglicherweise schlechte sind die nicht ganz geringen Kosten: 1500 Euro für eine Kur inklusive Arztgespräch, Gerät mit Musikprogramm und täglichem Feedback mittels eines Online-Fragebogens. „Erste Kliniken planen bereits den Einsatz der Audiotherapie in der stationären Behandlung“, berichtet Brandes. „Wir sind auch mit einigen Krankenkassen in Verhandlung.“ Ob und wann eine Audiotherapie bezahlt wird, steht derzeit allerdings in den Sternen.

Musik wirkt: Kongress „Mozart und Science“ in Krems

Schlaganfallpatienten, die ihreSprechfähigkeit verloren haben, lernen mit Musik wieder sprechen, Schwerkranke im Spital schöpfen mit Melodien aus wichtigen Lebensphasen wieder neuen Lebensmut, Schmerzpatienten hilft die Musik, mit ihrem Leiden besser umzugehen – Musik wirkt auf vielen Ebenen, ist sogar in der Lage, Gene zu verändern.

Der vielfältige Einsatz und die große Wirkungsbandbreite von Musik in Medizin und Therapie stehen im Mittelpunkt des 3. internationalen Kongresses „Mozart und Science“, der vom 4. bis 6. November in Krems stattfinden wird.

Erwartet werden mehr als 30 der besten Forscher und Wissenschaftler aus aller Welt. Diskutiert werden neben vielem anderen die neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Onkologie, Demenz, Epilepsie, Depression, Intensivmedizin, Psychologie, Musiksozialisation.

Infos: ✆ 02732-802-540

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.mozart-science.eu

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2010)

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