Schlafwandler: Unterwegs ohne Bewusstsein

Fensterstürze, sortierte Socken und manchmal sogar Mord: Schlafwandler geben der Wissenschaft noch immer Rätsel auf – Vorbeugung ist aber einfach.

Schlafwandler Unterwegs ohne Bewusstsein
Schlafwandler Unterwegs ohne Bewusstsein
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Michael R. hatte keine Ahnung, was er tat, als er am vergangenen Sonntag gegen fünf Uhr früh von der Couch in der Wohnung seines Bruders aufstand, das hofseitige Fenster im dritten Stock des Wohnhauses in Wien-Margareten öffnete und dann mehr als zehn Meter nach unten stürzte. Der 25-Jährige erinnert sich nur mehr daran, dass er sich um halb drei Uhr schlafen gelegt habe – als er wieder aufwachte, sei er bereits mit starken Schmerzen auf dem Boden des Hofes gelegen.

Was Michael R. am vergangenen Wochenende passiert ist, zählt zu den schlimmsten Ängsten, mit denen man abends zu Bett gehen kann: dass im Schlaf, wenn unser Bewusstsein „abgeschaltet“ ist, ein Teil des Gehirns die Kontrolle über den Körper übernimmt, ohne dass wir etwas dagegen unternehmen könnten.

„Unser Gehirn schläft ja nicht, wenn wir schlafen“, sagt Bernd Saletu, einer der Pioniere der Schlafmedizin in Österreich – es fahre seine Aktivität nur zurück. Bei Schlafwandlern komme es während Tiefschlafphasen dann unvermittelt zu starken Gehirnaktivitäten, sogenannten „Arousals“, kurz bevor sie sich zu bewegen beginnen. „Vorrangig sind das kurze, automatisierte Handlungsweisen, seltener auch komplexe Routineaufgaben wie Socken sortieren, die die Wandler vornehmen.“


Im Schlaf 23 Kilometer gefahren. Es geht aber auch anders, wie der wohl berühmteste Fall von Schlafwandlerei, jener des 23-jährigen Kanadiers Kenneth Parks, beweist. Im Mai 1987 stand Parks, der gerade seinen Job verloren hatte, um halb vier Uhr morgens auf, setzte sich in sein Auto, fuhr 23 Kilometer zum Haus seiner Schwiegereltern, nahm einen Schraubenschlüssel und prügelte auf das Ehepaar ein, bevor er seine Schwiegermutter mit einem Messer aus ihrer Küche tötete.

Erst dann wachte Parks, der bis dahin nie gewalttätig gewesen und auch im besten Einvernehmen mit der Familie gestanden war, auf. Vor Gericht wurde er schließlich freigesprochen: Sachverständige waren zu dem Schluss gekommen, dass Parks zum Tatzeitpunkt nicht bei Bewusstsein gewesen war.

„Unsere Sinneswahrnehmung ist während des Schlafens nicht eingeschränkt“, sagt Schlafforscher Saletu, „sonst würden wir nicht manchmal aufwachen, wenn ein Auto beim Fenster vorbeifährt.“ Sehr wohl „ausgeschaltet“ sei des Nächtens aber das Kontrollzentrum, das willentliches Handeln ermöglicht.

Ein Schlafwandler könne daher auf die gesamte sensorische Wahrnehmung zurückgreifen – wenn auch die Zahl der Unfälle in dem Zusammenhang zeigt, dass das oft nicht ausreicht, um sich sicher zu bewegen: „Ein Schlafwandler kann zum Beispiel ein Fenster öffnen, nimmt aber nicht die Gefahr wahr, die davon ausgeht, wenn er sich zu weit hinauslehnt“, sagt Wolf Müllbacher, Primar für Neurologie im Wiener Göttlicher-Heiland-Krankenhaus – mit der sprichwörtlichen „traumwandlerischen Sicherheit“ sei es also nicht weit her, sobald die Schlafwandlerei über bloße Routinehandgriffe hinausgehe.

Auch andere Klischees hat die Schlafforschung, die sich dank fortgeschrittener Technologien erst in den vergangenen Jahrzehnten etablieren konnte, inzwischen entkräftet: Einen Schlafwandler aufzuwecken bringt diesen nicht um, er kann aber aggressiv reagieren, als ob er gerade aus dem Tiefschlaf aufgeweckt würde – was ja in seiner Wahrnehmung auch so ist.

Auch der Mond spielt bei der Neigung zum Schlafwandeln keine Rolle – die Ursachen sind breit gefächert. „Es gibt jedenfalls eine starke genetische Prädisposition“, sagt Saletu. Generell gilt außerdem, dass Kinder wesentlich häufiger schlafwandeln als Erwachsene: Vor der Pubertät liegt der Anteil der Betroffenen bei 17 Prozent, im Erwachsenenalter nur bei vier Prozent.

Viele Ursachen des Schlafwandelns sind beherrschbar: „Eine gute Schlafkultur zählt zu den wirksamsten Maßnahmen gegen das Schlafwandeln“, sagt Müllbacher. Dazu zählen regelmäßige, ausreichende Schlafzeiten, die Verhinderung von Stress beim Einschlafen und nicht unter Alkoholeinfluss zu Bett zu gehen. Auch in der Therapie seien das die ersten Schritte zu einem normalen Schlafverhalten, erklärt Müllbacher.

Medikamente setzt man in der Behandlung nur sehr zurückhaltend ein – diese würden die Tiefschlafphasen verändern, um die Schlafwandlerei zu verhindern, und das könne unerwünschte Nebenwirkungen nach sich ziehen. Es sei aber jedenfalls empfehlenswert, den Zustand eines Schlafwandlers neurologisch abklären zu lassen – das geht auf Kassenkosten –, denn es bestehe auch die Möglichkeit, dass hinter der nächtlichen Aktivität eine Krankheit wie Epilepsie stecke.

Somnambulie heißt jene Schlafstörung, die Menschen dazu bringt, unwillentlich Bewegungen oder auch komplexe Handlungen durchzuführen, ohne dass ihnen das bewusst wird bzw. sie sich daran erinnern können. Rund vier Prozent aller Erwachsenen sind Schlafwandler, bei Kindern rund 17 Prozent. Zu den Ursachen zählen genetische Neigung und schlechte Schlafgewohnheiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2010)

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