Wien Museum: Rauchkittel und Froschgoscherl

Das Wien Museum gibt Einblick in seine Modesammlung, die an Preziosen der Kostümgeschichtereich ist. Auf europäischer Ebene entsteht eine digitale Datenbank zum Thema.

Rauchkittel Froschgoscherl
Rauchkittel Froschgoscherl
(c) APA/WIEN MUSEUM/HERTHA HURNAUS (WIEN MUSEUM/HERTHA HURNAUS)

Einige Menschen haben ja eine recht präzise Vorstellung davon, wofür die kostümgeschichtliche Sammlung des Wien Museums gut sein könnte. Von denen erhält Regina Karner denn auch regelmäßig Post. Mit der Bitte nämlich, sie möge ihnen das eine oder andere Kleid leihweise als Aufputz für eine Kostümparty überlassen. „Denen sage ich dann, sie sollen zum Beispiel zum Lambert Hofer gehen“, bemerkt die Modehistorikerin, die die 22.600 Originalobjekte umfassende und damit zu den größten ihrer Art zählende Sammlung leitet und diese wertvollen Bestände, die natürlich höchstens zu Ausstellungszwecken hervorgeholt werden, tunlichst hütet.


Wenige große Namen. Das Depot der Modesammlung zu finden ist inmitten einer urban-verwilderten Gstätten, besiedelt zuvorderst von unansehnlichen Containerbauten, gar nicht so einfach. Die Pforten des erlauchten Ortes öffnen sich aber ohnehin nur selten für Besucher: „Führungen gibt es vereinzelt für Gruppen von Schülern und Studierenden. Allerdings nicht in zu großen Gruppen, weil das schon aufgrund der räumlichen Gegebenheiten schwierig ist“, meint Karner und spielt auf die schmalen Gangfluchten des Depots an. Dass sich hier in jedem Lädchen ein textiler Schatz verbirgt und hinter beiseite gezogenen Schranktüren seidenrüschig-cremetortige Schöpfungen von Fred Adlmüller neben zeitlosen Entwürfen von Gertrud Höchsmann zum Vorschein kommen, flankiert von Hüten der Ästhetin Adele List, ist den anonymen Metallfronten nicht anzusehen. Eher schon ließe sich das Ambiente als Setting klaustrophober Thriller-Verfolgungsjagden imaginieren.

Nicht minder spannend als ein blutrünstiger Blockbuster sind freilich für ein interessiertes Publikum die hier verwahrten Kleider und Accessoires. Neben den Kreationen der bekannten Wiener Modeschöpfer - „Von Helmut Lang haben wir derzeit leider nur ein Stück in der Sammlung“ - kann Regina Karner auch aparte Baumwollkleider aus der Zeit um 1800 (vorübergehend miederlos, Corsagen tauchten erst wieder im Biedermeier auf) herzeigen. Ohne Einschnürungen durchlebte die Damenwelt auch die Zeit des Wiener Kongresses. Ein grünes Modell aus dieser Epoche liegt in einer Lade, die Frau Karner herauszieht, „hier sehen Sie die hohe Taille im Stil des 18. Jahrhunderts und Zierelemente, die aus der Tracht entlehnt und in Wien als ,Froschgoscherl' bekannt sind“.


Musealisierung durch Spende. An Herrenkleidung ist die Sammlung zwar ärmer, auch hier gibt es aber Ausgefallenes, etwa einen „Winkelsdorfer Talar“: „Der stammt aus dem Landhaus von Otto Primavesi in Winkelsdorf, erbaut von Hoffmann, wo oft Klimt und Mitglieder der Wiener Werkstätte zu Gast waren. Nach dem Dîner, das die Herren im Smoking eingenommen hatten, bekam, wer wollte, einen bequemen Kittel, in dem er sich ins Rauchzimmer begeben konnte.“

Während der Schwerpunkt der Sammlung auf dem 19. und frühen 20. Jahrhundert liege, habe man, sagt Karner, „bis in die Siebzigerjahre schon ganz gut aufgeholt“. Von der seit etwa zehn Jahren in Wien pulsierenden Szene hätten es aber erst wenige Stücke in die Sammlung geschafft. Da man in erster Linie auf Schenkungen angewiesen sei, dauere es um die zwei Jahrzehnte, bis der Ausmusterungsprozess privater Kästen zu einem Aufstocken der Sammlung führe – das Budget für Ankäufe sei so bescheiden, dass man großteils auf Schenkungen angewiesen sei. „Unlängst hat uns zum Beispiel Gabriel Baradee einen eigenen Entwurf, ein aufwendig gearbeitetes Häkelkleid überlassen“, freut sich Karner über einen Jungdesigner mit einem Gespür für Historie und der Bereitschaft zu Selbstmusealisierung.

Dass insgesamt nicht wenig Interesse an Kostümgeschichte existiert, belegt der große Andrang auf Führungen durch die Modesammlung, die während des „Summer of Fashion“ angeboten werden. Nur für den Termin am 2. August sind noch via Online-Auslosung Plätze zu ergattern (siehe Kasten). Allen, die es gar nicht in das Simmeringer Depot schaffen (für Anfang 2013 ist übrigens ein Umzug nach Himberg geplant, wo alle Teilsammlungen des Wien Museums zusammengefasst werden), bietet vielleicht das „Europeana Fashion Project“ tröstliche Aussichten.


Im Netz und auf dem Laufsteg. Seit März 2013 arbeitet die mit der Projektleitung betraute Stiftung „Rinascimento digitale“ in Florenz an der Erweiterung der digitalen Bibliothek des kulturellen Erbes von Europa um das Thema Mode. Neben dem Wien Museum gehören auch die Pariser Arts Décoratifs, das Victoria & Albert in London oder das private Archivio Missoni zu den 23 Teilnehmern. Marco Rufini koordiniert „Europeana Fashion“ und erklärt den Ablauf: „2015 sollen 700.000 Datensätze – Bilder, Texte, Videos – im Netz stehen und öffentlich zugänglich sein. Derzeit arbeiten wir an einem Thesaurus, der als Grundlage dienen soll.“

Wer sich zum Zwecke kostümkundlicher Tuchfühlung nicht so lange gedulden möchte, für den hat der legendär umtriebige Agenturchef Mario Soldo etwas Besonderes parat: Er leistet einen modehistorisch wertvollen Beitrag zum „Summer of Fashion“ in Form eines einstündigen Defilees mit 200 Mitwirkenden. Gezeigt werden nicht Originale, sondern Repliken aus dem Fundus des Kostümhauses Wien. „Mit der Idee für eine Show mit historischen Kostümen gehe ich schon seit zwanzig Jahren schwanger“, sagt Soldo voll des Überschwangs. „Bei diesem ,Fashionmob' spannen wir den Bogen von Adam und Eva über Marie Antoinette und Vespafahrer aus den Fifties bis hin zu aktuellen Kollektionen von Callisti und Lila.“ So ist der Anschluss an zeitgenössisches Wiener Modeschaffen gewährleistet und außerdem sichergestellt, dass sich das Publikum nicht, was im Bereich des Möglichen läge, beim Remake einer Haute-Couture-Show von John Galliano wähnt.

Kostüm Kunde

Modesammlung des Wien Museums
Das Depot öffnet seine Pforten für den „Summer of Fashion“: Plätze für die Führung am 2. August werden verlost, bis 26. Juli ist eine Registrierung auf www.mqw.at/blog möglich.

Modehistorisches Defilee
Am 8. August schickt Mario Soldo 200 Akteure über einen kostümkundlichen Laufsteg im Haupthof des MQ (ab 19 Uhr).

Europeana
Fashion Project
Die digitale Bibliothek des kulturellen Erbes von Europa wird um einen modehistorischen Part erweitert. 2015 soll das Projekt abgeschlossen sein. Siehe auch www.europeana.eu

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2012)

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