Stinkt nicht mehr und liebt man noch

Die »Glanzstoff« ist die Fabrik der St. Pöltener Herzen. Und wird jetzt akademisch genutzt.

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Irgendwie ist sie wie eine alte Freundin, um die man sich Sorgen macht: die „Glanzstoff“. Für die St. Pöltener ist sie so selbstverständlich wie für die Ottakringer ihre Brauerei und für die Eisenerzer ihr Erzberg. Unübersehbar war der fast 100 Meter hohe Ziegelschornstein. Und auch die Nase sagte den St. Pöltner zuverlässig: Sie ist hier bei uns.

Doch so viel konnte die Fabrik gar nicht stinken, dass sie nicht auch geliebt wurde. Von einigen weniger, von den meisten mehr. So wie man seine Kümmerer und Versorger liebt. Schließlich hat die Fabrik über 100 Jahre gut genährt, brachte Wohlstand in die Stadt. Bis 2008 produzierte sie Viskosegarn. Dann wurde sie geschlossen. Dann fiel der Schlot, später der Wasserturm, das riss eine kleine Wunde auf, nicht nur in der visuellen Identität der Stadt. Schließlich hat St. Pölten Wahrzeichen und architektonische Ikonen nicht im Überfluss. Seitdem weiß die „Glanzstoff“ nicht mehr so recht, wofür sie da ist, wofür sie steht und vor allem, was sie in Zukunft soll. Die „New Design University St. Pölten“ (NDU) versucht jetzt gemeinsam mit dem Eigentümer, dem Industriellen Cornelius Grupp, das Industrieareal mit neuer Bedeutung und neuem Sinn zu belegen. Vorerst, indem zwei Studiengänge der „Privatuniversität der Kreativwirtschaft“ – sie gehört der Wirtschaftskammer Niederösterreich – in die renovierte Halle der Fabrik einziehen. Auf der Fläche von 2500 Quadratmetern können sich nun „Innenarchitektur & 3D-Gestaltung“ sowie „Grafikdesign & Mediale Gestaltung“ impostindustriellen Charme ausbreiten. Die NDU will wachsen, auf knapp 800 Studierende in den nächsten Jahren. Das braucht Platz– ein Neubau entsteht auf dem Parkplatz des Wifian der südlichen Peripherie von St. Pölten. Doch in und rund um die Glanzstoff-Fabrik könnten die Ideen, die die Universität generiert, den Raum bekommen, den sie zum Austoben brauchen.


Zweite Chance. Immobilien haben meist mehr als bloß ein Leben. Und besonders dort, wo Industrie und Maloche verschwinden, Leerstände und Freiräume bleiben, treten andere Funktionen an, um das Terrain zu übernehmen. Manchmal stehen schon die Shoppingcenter-Betreiber Schlange. Aber im besseren Fall klopfen Konzepte und Menschen an die geschlossenen Fabrikstüren, die anderen als nur kommerziellen Interessen dienen möchten. Gerade Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft fühlen sich traditionellerweise in postindustriellen Arealen besonders wohl. Mit der Zeche Zollverein wandelte sich etwa das industrielle Herz Essens in ein kulturelles. Den Meat Packing District in New York haben Künstler und Galeristen für die nachkommende Trend-Hip-Chic-Gemeinde aufbereitet. Ganze Städte drehen sich um 180 Grad, von ihrer industriellen Vergangenheit auf kulturell-kreativwirtschaftliche Zukunft. Bilbao demonstrierte das selbstbewusst und symbolisch mit dem Guggenheim-Museum. Glasgow, die Stadt der Industriewerften, glaubt mit der Transformationsstrategie überhaupt noch früher dran gewesen zu sein. Auch in Österreich produzieren Hut-, Schrauben- und andere Fabriken längst Ideen, Konzepte, Innovationen und Wissen statt gegenständlicher Dinge.

Zwischen- und Nachnutzung. Und wo das Industrieerbe noch keine Zukunftspläne hat, versucht man sie über Zwischennutzungen zu finden, wie etwa auch in der Tabakfabrik in Linz, auch so eine Fabrik der Herzen, Monument der industriellen Linzer Seele. Dort zogen schon die Ars Electronica und andere kulturelle Nutzungen vorübergehend ein.
Das Areal der St. Pöltener Glanzstoff-Fabrik steht in der Stadt, dort, wo keine Stadt ist. Ein beliebiges Patchwork urbaner Funktionen liegt dort ausgebreitet und so beiläufig nebeneinander, als gingen sie sich gegenseitig gar nichts an: Sportplatz, Innnovationszentrum, Parkhaus, Wohnhäuser, Villen, Supermärkte, Kebabbude, Fachhochschule. Dort könnte sich rund um ein kreatives Zentrum im besten Fall ein exemplarisches Stadtenwicklungsprojekt herauskristallisieren. Und die New Design University könnte es mit Inhalt, Konzepten, Ideen, Designs und Forschungsaufgaben befüllen – das könnte sich der Rektor Stephan Schmidt-Wulffen gut vorstellen, wie er erzählt (siehe Interview oben).

1904
Gründung der „ersten Österreichischen Glanzstoff-Fabrik AG“.

1906
Eröffnung des Betriebs in St. Pölten.

 

1929
Die Glanzstoff beschäftigt 3000 Mitarbeiter.

 

2008
Stilllegung der Produktion.

 

2012
Die New Design University zieht mit zwei Studiengängen in die Halle ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)

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