"Vielleicht nutzt uns das ja allen"

Oscar, César und Globes zum Trotz: Die Kreativen hinter den Kameras stehen trotz des Hypes um Österreichs Filmindustrie unter Druck. Und hoffen im Sog von Haneke und Waltz auf Aufwind.

Vielleicht nutzt allen
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Vielleicht nutzt allen
(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Selten hat man auf roten Teppichen so viel Wienerisch gehört. Zwei Oscars – und die markieren nur den letzten Höhepunkt einer Serie auch international erfolgreicher Filme mit österreichischer Beteiligung. Nicht nur im fernen Hollywood findet das kleine Filmland Österreich nun Ruhm und Ehren. Der Boom um Filme aus Österreich, der mit den Arbeiten Barbara Alberts, Ulrich Seidls, Stefan Ruzowitzkys, Götz Spielmanns und natürlich Michael Hanekes begann, hält nun schon Jahre an. Die Kreativen hinter den Kameras aber – an den Erfolgsproduktionen maßgeblich beteiligt – stehen unter Druck.

Dabei bestätigen die Zahlen den Aufwind: Die Umsätze der heimischen Filmwirtschaft sind 2011 (das sind die jüngsten vorliegenden Zahlen) um 15Prozent auf knapp 800 Mio. Euro gestiegen, das geht aus dem jährlichen Filmwirtschaftsbericht des Österreichischen Filminstituts hervor. Demnach arbeiten in der Filmbranche knapp 7000 Menschen, ebenfalls ein Plus. In diese Aufstellung sind die Kreativen hinter den Kameras genauso eingerechnet wie Kinobetreiber oder der Verleih.


Vom roten Teppich in die Werkstatt. Und die Branche ist offensichtlich zuversichtlich, dass der Trend hält: Zumindest geht das aus den Investitionen hervor – die sind 2011 um fast ein Viertel auf weit über 29 Mio. Euro gestiegen. Am meisten investieren aktuell die Produzenten von Kino- und Fernsehfilmen mit plus 40 Prozent.

Der jüngste Kreativwirtschaftsbericht bestätigt diese Tendenz: Die Zahl der Unternehmen im Bereich Film und Video ist demzufolge zwischen 2008 und 2010 um 14,5 Prozent auf 1721 gestiegen, die Zahl der Beschäftigten um acht Prozent auf 5695, die Umsatzerlöse um 13,3 Prozent auf 680 Mio. Euro. Die Bruttowertschöpfung hat um 14,5 Prozent auf 229 Mio. Euro zugelegt.

Und trotzdem, die Kreativen der Branche klagen, allen Galas und Preisverleihungen zum Trotz, über härtere Arbeitsbedingungen. „Klar, die Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten Jahren verändert. Aber nicht positiv“, sagt Szenenbildnerin Katrin Huber. „Es wird mehr und mehr in immer weniger Zeit verlangt, der Druck steigt jährlich.“

Mehr Filme, weniger Zeit. Aber, immerhin, Aufträge gibt es für die Szenenbildnerin, die zuletzt mit dem Österreichischen Filmpreis für ihre Arbeit am Film „Kuma“ ausgezeichnet wurde, genug. „Es gibt insgesamt mehr Aufträge, es wird mehr gedreht, mehr gefördert. Man ist allgemein mutiger“, sagt Gerhard Dohr, Katrin Hubers Partner, mit dem sie großteils gemeinsam arbeitet.

Aber die Bedingungen wandeln sich. Wurde ein Kinofilm vor zehn Jahren noch in sieben Wochen gedreht, sind heute im Schnitt fünf Wochen dafür geplant. Blieben Szenenbildnern damals noch zehn Wochen zur Vorbereitung, sind es heute bei österreichischen Kinoproduktionen fünf bis sieben Wochen, so Dohr. Dabei steckt hinter dem Szenenbild enorme Arbeit: Dohr erzählt von tausenden Kilometern quer durch Wien, auf der Suche nach perfekten Straßenzügen oder einer passenden Apotheke, nur um herauszufinden, dass es diese so nicht gebe und man sie nachbauen müsse.

Oder von langen Recherchen in der türkischen Community zur Vorbereitung der Arbeit an „Kuma“. „Wie sehen die Wohnungen aus? Welche Möbel stehen dort? Was steht in Wohnzimmerschränken, wie sind die Handtücher bestickt?“, sagt Katrin Huber und erzählt von etlichen Besuchen bei ganzen türkischen Großfamilien, zu denen sie durch Zufallsbekanntschaften auf dem Brunnenmarkt gekommen ist.


Tausend Kilometer Recherchetour. Oder historische Recherchen. Gab es 1913 schon Zündhölzer oder Maschendrahtzäune? Das musste sie für die Arbeit an Hanekes „Das weiße Band“ als Innenrequisiteurin klären. Aktuell arbeitet in der Werkstatt der Szenenbildner, die zugleich Studio für den Dreh sein wird, große Filmstudios gibt es in Wien schließlich kaum, ein neunköpfiges Team am aktuellen Projekt, der Wega-Filmproduktion mit dem Arbeitstitel „Risse im Beton“ von Regisseur Umut Dag, der unter anderem in einem Jugendzentrum spielt. Und doch, die Oscars, die vielen Erfolgsproduktionen haben nicht nur den Druck verstärkt. „Klar ist das super. Die Stimmung ist hoffnungsvoll, und vielleicht nutzt uns das allen“, sagt Huber, die selbst an einigen dieser Produktionen der vergangenen Jahre mitgewirkt hat. An Hanekes „Das weiße Band“ und „Caché“, Ulrich Seidls „Import/Export“ etwa. Oder, gemeinsam mit Dohr, an Markus Schleinzers „Michael“. „Es gibt die Hoffnung, dass mehr Geld ins Spiel kommt“, sagt Dohr.


Hoffnungsvolle Stimmung. Cutterin Monika Willi teilt die ambivalente Meinung über den Hype um Filme aus Österreich. „Es ist eine zwiespältige Angelegenheit. Natürlich werden die großartigen internationalen Auszeichnungen österreichischer Filme wahrgenommen und gefeiert. Aber es gibt noch immer viele gute Filme, die keine Öffentlichkeit haben“, sagt Willi, die zuletzt an Barbara Alberts „Die Lebenden“ oder am Oscar-gekrönten „Amour“ gearbeitet hat.

Auch die Produktionsbedingungen hätten sich nicht merklich verbessert – viel zu wenig Geld, auch im Vergleich zu anderen Kultursparten, sagt Willi. Sie spricht von einer „unheimlichen Diskrepanz“ zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der Wirklichkeit im heimischen Film – und in den Kinos. Zuletzt, 2011, haben die 41 österreichischen Produktionen laut Filmwirtschaftsbericht in den Kinos einen Marktanteil von 3,6 Prozent erreicht.

Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ein geringer heimischer Anteil. Und das liegt nicht nur an der Zugkraft der Hollywood-Produktionen, auch an der Vorsicht und vor allem an den fehlenden Marketinggeldern der österreichischen Verleiher und den finanziellen Möglichkeiten kleinerer Kinos. Manch ein Film läuft lediglich zwei Wochen im Kino. Kommt das Publikum nicht sofort in Scharen, fliegt er wieder aus dem Programm. „Dabei brauchten gerade diese Filme Spielzeit, damit sie sich herumsprechen“, sagt Willi.

Der finanzielle Druck ist hoch, die Krise bremst. „Der Kuchen ist nicht groß genug, die Stimmung hat sich in den letzten Jahren verändert“, so Willi. Die Finanzierung von Filmen ist durch die allgemeine Krise schwieriger geworden, Kredite werden nur nach strengen Kriterien vergeben. Produktionen werden auf die lange Bank geschoben, oft findet sich jahrelang kein Finanzier. Für die Kreativen der Branche heißt das: Unsicherheit. Schließlich leben sie von einem Engagement zum nächsten.

Kreative leben unsicher. Eine Situation, die Kamerafrau Astrid Heubrandtner nur zu gut kennt, betrifft sie doch speziell ihr Metier: Dort verschärfen sich die Bedingungen seit Jahren. Seit Kameras, dank digitaler Technik, kleiner, besser und günstiger werden, arbeiten Kameraleute zunehmend selbstständig, vor allem als Einzelunternehmer. „Seit rund 15 Jahren manifestiert sich das mit allen Nachteilen: fehlende sozialrechtliche Absicherung oder der Arbeit von Projekt zu Projekt“, sagt Heubrandtner, die auch Obfrau des Verbandes österreichischer Kameraleute ist. Seither splittet sich die Branche: in jene, die bei größeren, geförderten Filmprojekten arbeiten und Kameraleute, die kleine Image- oder Eventfilme drehen. Oft zu Dumpingpreisen. „Das sorgt für den größten Frust – wenn Kollektivverträge umschifft werden. Wenn jemand, der sich Kameramann schimpft, Zehn-Minuten-Filme um 200 Euro anbietet“, schließlich ist das heute ein freies Gewerbe und jeder, auch ohne Ausbildung oder Eignung kann Filmproduktion anbieten.

Solidarität „extrem wichtig“. Die Stimmung in der Szene beschreibt Heubrandtner nichtsdestotrotz als eher positiv: „Austausch und Solidarität sind in dieser Situation extrem wichtig, und das funktioniert auch gut.“ Und mit den erfolgreichen Filmproduktionen auf hohem künstlerischen Level hätten die Dumping-Anbieter ohnehin nichts zu tun. „Die Erfolge sind natürlich super, das bringt Aufmerksamkeit, stärkt die Anerkennung des Films als künstlerische Ausdrucksform und führt hoffentlich dazu, die Arbeit hinter der Kamera als wertvoll und fördernswert zu sehen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2013)

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