Sabine Derflinger: "Man muss ein Alphatier sein"

»Tatort«-Regisseurin Sabine Derflinger über US-Serienwunder wie »Breaking Bad«, die deutsche Sucht nach Krimis und die immer noch männlich dominierte Filmbranche.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sie ist die einzige Frau, die bei der Kultkrimi-Serie „Tatort“ je Regie geführt hat. Eigentlich geht Regisseurin Sabine Derflinger das Frauenthema eher auf die Nerven – sie redet sich dann aber relativ schnell warm und in Rage.

Zumindest eine Teilschuld am Frauenmangel unter den Film- und Fernsehschaffenden gibt Derflinger den Frauen selbst: „Die Frauen, die bei den Sendern in Entscheidungspositionen sitzen, sollten ihre Geschlechtsgenossinnen nicht schlechter behandeln als Männer“, sagt sie. Laut dem aktuellen Filmwirtschaftsbericht führten im Jahr 2012 bei 27,5 Prozent der Spielfilme Frauen Regie und bei 24,1 Prozent der Dokumentarfilme.

So schlecht ist das gar nicht, verglichen mit den Frauenquoten der Filmgroßmacht USA. Dort saßen 2012 laut einer Studie des Women's Media Center (WWC) nur bei neun Prozent der 250 umsatzstärksten Filme Frauen auf dem Regiesessel. Einen doppelt so hohen Frauenanteil weisen die USA allerdings bei Independent-Filmen auf. In dieser Sparte wurden 2012 18 Prozent der Spielfilme von Frauen gedreht und 31 Prozent der Dokumentarfilme.

Da, wo das große Geld zu machen ist, ist das Filmbusiness also nach wie vor fest in männlicher Hand. Das zeigt sich auch in der österreichischen Filmlandschaft: Unter den Regisseuren der Top Ten an den Kinokassen findet sich mit dem Kinderfilm „Yoko“ von Franziska Buch (nach „Die Wand“ auf Platz zwei) nur eine Frau.

Beim ORF angeklopft. Bei den österreichischen Fernsehproduktionen sind die Frauen ebenfalls in der Minderzahl. Hier werden allerdings nur geförderte Projekte erfasst. Bei jenen TV-Projekten, die 2012 vom Filmfonds-Wien mitfinanziert wurden, führten bei 19 Prozent Frauen Regie, bei 81 Prozent Männer.

Sabine Derflinger trägt seit einiger Zeit erheblich zur Steigerung der Frauenquote bei ORF-Produktionen bei: Drei „Tatorte“ hat sie mittlerweile abgedreht, zwei österreichische und einen deutschen. Gefragt habe man sie nicht, sie habe schon selbst beim ORF anklopfen müssen, sagt sie, mehrmals. Auch bei den Serien „Vier Frauen und ein Todesfall“ und „Paul Kemp“ hat Derflinger Regie geführt.

Derzeit läuft das Casting für ein neues Projekt: „Vorstadtweiber“: „Da geht es um Männer und Frauen in einem noblen Wiener Vorstadtbezirk, um ihr Liebesleben, um Intrigen, Bosheit, die Suche nach Liebe“, sagt Derflinger. Im Mai ist Drehbeginn. Die resolute Regisseurin ist gut im Geschäft: „Man muss schon ein Alphatier sein in diesem Beruf“, sagt sie. Und es brauche „Gamblerqualitäten“, man müsse taktieren können, wissen, „wann sag ich was, wann tu ich nur so, als ob ich zustimmte, und wann sage ich, was ich wirklich will.“

Das sei wichtig, da gerade Filmprojekte finanziell oft am seidenen Faden hängen würden. Auch ihre eigenen. Das sei das Schöne am „Tatort“: „Man macht einen Film, der einen fixen Sendeplatz bekommt und von einer gewissen Zahl Menschen gesehen wird.“


Flirrende Bilder. In ihren kreativen Möglichkeiten fühlt sich Derflinger, die eigentlich aus dem Spiel- und Dokumentarfilm kommt, beim „Tatort“ nicht eingeschränkt: „In der Ästhetik ist man da total frei. Ich habe drei sehr unterschiedliche ,Tatorte‘ gemacht. Der erste (,Falsch verpackt‘, 2012) war bunt und schräg, der zweite (,Angezählt‘, September 2013) war total straight, mit ruhigen Einstellungen wie in einem naturalistischen Drama. Und der dritte (,Borowski und das Meer‘, wird im März 2014 ausgestrahlt) ist sehr atmosphärisch, lebt von flirrenden Bildern und großen Motiven.“

Auch Derflinger verfolgt US-Serienhits wie „Breaking Bad“ oder „House of Cards“. „Da ist was ganz Tolles entstanden, da werden Figuren gebaut, fast wie in einem Roman.“ Die Frage, warum viele deutschsprachige Serien immer noch dem Patentrezept Krimi vertrauen, beantwortet Derflinger historisch: „Das ist in der Nachkriegszeit entstanden, da wurden sämtliche Verbrechen ins Fernsehen verbannt. Der Kommissar musste dann die Welt wieder in Ordnung bringen. Außerdem: Ein Krimi gibt Sicherheit, da weiß der Zuschauer, was er kriegt. Alles andere müsste man erst neu definieren.“

Neu definiert werden derzeit auch die Geschlechterverhältnisse im Filmbusiness. Warum nicht mehr Frauen in leitenden Positionen zu finden sind, ist angesichts der Absolventenzahlen der Wiener Filmakademie schwer zu erklären. Seit dem Jahr 2005 gab es 107 Absolventen, davon 51 Frauen. Im Fach Regie waren es zehn von 25. Bei den Ansuchen für Förderungen sind die Männer dann plötzlich in der Überzahl. „Das ist aber kein Phänomen, mit dem nur die Filmwirtschaft zu kämpfen hat“, sagt Gerlinde Seitner, die seit 2011 an der Spitze des Filmfonds Wien steht – als erste Frau. Dass an den geförderten Produktionen weniger Frauen beteiligt seien, liege nicht an der Auswahl der Jurys. Was sich für die vergangenen zwei Jahre auch belegen lässt: Bei den Einreichungen in der Sparte Regie lag der Frauenanteil 2013 bei 26 Prozent, bei den genehmigten Projekten bei 27 Prozent (2012: 36 und 35 Prozent).


Neue Talente. „Gerade im Bereich Regie hat sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren für Frauen sehr viel getan“, sagt Seitner. Man denke an etablierte Größen wie Barbara Albert und Jessica Hausner. Jetzt erobere gerade eine neue Generation von Regisseurinnen die Leinwände, etwa Johanna Moder, Sudabeh Mortezai und Marie Kreutzer.

Derflinger gehört da quasi schon zur alten Garde und nutzt ihre Position auch, um Frauen in ihre Crew zu holen. Besonders in Schlüsselpositionen – von der Kamerafrau über die Cutterin bis zur Filmarchitektin. „Ich achte da aber nicht bewusst drauf. Das passiert einfach. Es gibt die Frauen ja. Man muss sie nur machen lassen.“

Diskrepanzen

Absolventinnen. Seit 2005 hat die Wiener Filmakademie insgesamt 107 Absolventen hervorgebracht, 51 davon Frauen. Im Bereich Regie waren es zehn von 25.

Förderungen. Nur 26 Prozent der Förderanträge im Bereich Regie wurden 2013 beim Filmfonds Wien von Frauen eingereicht. Bei den bewilligten Projekten betrug die Frauenquote 27 Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2014)

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