Victor Papanek: Der Designer als Missionar

Vor fast vierzig Jahren publizierte der gebürtige Wiener Victor Papanek seinen Bestseller "Design for the Real World". Das Pamphlet gegen verantwortungsloses Design ist aktueller denn je.

tin can radio
tin can radio
(c) Universität für angewandte Kunst

Ich möchte lieber der beste Papanek sein als ein drittklassiger Wright!“ Mit diesen Worten verließ der gebürtige Wiener das Büro des weltbekannten Architekten Frank Lloyd Wright. Die Lehre beim großen Meister war ihm zu sehr auf dessen Person konzentriert gewesen. Der beste Papanek wurde er schließlich und schrieb damit Geschichte: als Vorreiter des Social Design.

1970 erschien „Design for the Real World“, ein glühendes Pamphlet für sozial und ökologisch verantwortungsbewusstes Design. Das Buch wurde ein Bestseller, denn Papanek hatte den Nerv der Zeit getroffen: Die heraufdämmernde Ölkrise hatte ein breites Bewusstsein für Ressourcenknappheit und Nachhaltigkeit geschaffen. Der Erfolg des Buchs verdankt sich aber auch Papaneks polemischem Stil. Er attackierte den Industriedesigner, weil dieser sinnlose Produkte mit Sexappeal versehe, statt ökologisch und sozial verantwortungsvoll zu handeln: „Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass erwachsene Menschen sich hinsetzen und ernsthaft elektrische Haarbürsten, strassbesetzte Schuhlöffel und Nerzteppichböden für Badezimmer entwerfen, um dann komplizierte Strategien auszuarbeiten, wie man diese erzeugen und an Millionen Menschen verkaufen kann.“ Er wetterte gegen den Konsumwahn und seine verheerenden Folgen. Er brandmarkte die Design-Universitäten als Ausbildungsstätten von gewissenlosen Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft. Seiner Abrechnung folgen Gegenbeispiele wie sein legendäres „Tin Can Radio“: eine alte Blechdose und ein Transistor, betrieben mit Paraffin und einem Docht. Herstellungskosten 1966: neun Cent.

Papanek als Krisengewinner. Ist es Zufall, dass Papanek in den vergangenen Jahren eine Renaissance erlebt? „Sicher nicht“, meint Thomas Geisler von der Universität für angewandte Kunst. Gemeinsam mit der Designtheoretikerin Martina Fineder, dem Rektor der Angewandten, Gerald Bast, und dem Künstler Florian Pumhösl hat er Papaneks Buch neu herausgegeben. „Es ist brandaktuell, denn Ressourcenknappheit, Umweltbelastung und soziale Probleme sind evidenter denn je, international gewinnen soziale und ökologische Ansätze im Design an Bedeutung. Oder, wie es eine bekannte Buchhändlerin auf den Punkt bringt: Papanek ist ein Krisengewinner.“

Natürlich lese man das Buch zunächst auch als historisches Dokument, so Florian Pumhösl, der sich als Künstler bereits seit den 90er-Jahren intensiv mit Papanek auseinandergesetzt hat. „Es geht um die Produktkultur und die Problemlage der damaligen Zeit. Aber was Papanek so aktuell macht, ist seine Definition der Rolle des Designers: nämlich als Vermittler im Austausch mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen und mit Konsumenten und Produzenten. Für ihn ist Design Teamarbeit. Ein partizipatorischer Ansatz, der stark mit der Consumer-Rights-Bewegung in den USA zu tun hat. Und Papanek sieht Design als Prozess – von der Problemerkennung bis zur Produktion. Ein extrem zeitgemäßer Ansatz.“


Designer-Bashing? Dass Papanek dem Designer eine fast missionarische Rolle („Design is the most powerful tool“) zuschreibt, mag heute übertrieben wirken. „Papanek stand am Ende einer prosperierenden Epoche, in der Designer mit einem enormen Ego ausgestattet waren“, so Martina Fineder. „Er versucht sich davon zu verabschieden, zugleich glaubt er aber noch an die Macht des Designers.“ Betreibt Papanek nicht undifferenziertes „Designer-Bashing“ – ähnlich der heutigen Tendenz, „den Manager“ für alles verantwortlich zu machen? „Es geht ihm nicht um andere Berufe, Papanek sieht alles aus dem Blickwinkel des Designers.“ So fordert er, dass der Designer ein Zehntel seiner Arbeitskraft unentgeltlich dem Allgemeinwohl zur Verfügung stellt – was heute bei einer eher bescheiden verdienenden Berufsgruppe wohl nicht so gut ankommt. „Damals waren die meisten Designer noch angestellt, Freelancer gab es selten“, sagt Fineder. „Und Corporate Social Responsibility ist heute doch ein großes Thema, oder?”

Papanek in der Ausbildung. Als Grundübel diagnostizierte Papanek die verfehlte Ausbildung von Designern. Ob sich da in den Jahrzehnten nach Erscheinen des Buches etwas verbessert habe? „Kritische Richtungen wie ,Design thinking' haben Papaneks Themen sicher aufgegriffen“, meint Thomas Geisler.

Papaneks „Design für die reale Welt“ ist nicht zufällig auf Deutsch in der „edition angewandte“ erschienen. Denn vor Kurzem konnte der Nachlass des Designers für die Universität für angewandte Kunst erworben werden, wo er direkte Auswirkungen auf die Ausbildung haben soll. Rektor Gerald Bast: „Die Aufarbeitung und Erforschung des Nachlasses wird die Basis für die Beschäftigung mit dem Thema Social Design an der Angewandten sein. Je nach Höhe der Finanzierung des Bundes und der Stadt Wien gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, wie die Gründung eines Wiener Instituts für Social Design und angewandte Urbanismusforschung.“ Papanek, der bis zu seinem Tod 1998 den Kontakt zu seinem Herkunftsland pflegte, hätten diese Pläne mit Sicherheit gefreut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2009)

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