Büroschlaf: Ein Hoch auf die Siesta

Seine positive Wirkung auf Kreativität und Leistung ist nachgewiesen. Es gibt passende Möbelentwürfe dazu. Dennoch hat der Büroschlaf ein Imageproblem. Produktiv gilt, wer am Schreibtisch geschäftiges Tun zeigt.

Hoheneder und Imhof
Hoheneder und Imhof
(c) Die Presse (Fabry)

Wer Fotos der Google-Niederlassung in Zürich sieht, der staunt: Nicht nur bunt und jung und poppig ist es dort, sondern auch sehr gemütlich. Sofas, langflorige Teppiche, Hängematten,... Es gibt genug Wohnzimmer, die nicht annähernd so kuschelig sind. Wegweiser führen zum Massagebereich, zur Water Lounge und zur Bibliothek. Im Ruheraum liegen Mitarbeiter in mit Schaumstoffbällen ausgelegten Badewannen, beleuchtet nur von fünf Aquarien; Handys und Notebooks sind verboten.

So viel Ruhe gönnt Google seinen Mitarbeitern freilich nicht ohne Grund. Sie sollen den Kopf freikriegen, damit Platz für neue, geniale Programmierideen ist. Powernapping heißt das im Businesssprech, und die positiven Auswirkungen des 20- bis 30-minütigen Kurzschläfchens sind wissenschaftlich ausreichend untermauert. Eine Harvard-Studie etwa belegt, dass die Leistungsfähigkeit nach einem kurzen Mittagsschlaf um bis zu 30 Prozent steigt. Griechische Wissenschaftler haben an 23.500Probanden nachgewiesen, dass das regelmäßige „Schlaferl“ nach dem Mittagessen das Herzinfarktrisiko senkt. Der kurze Schlummer steigert die Konzentrationsfähigkeit, erhöht die Kreativität, verbessert die Verarbeitung von Informationen und senkt das Burn-out-Risiko. Und für Nasa-Piloten ist der Mittagsschlaf sogar Pflicht, seitdem nachgewiesen wurde, dass sie danach eine um 16 Prozent kürzere Reaktionszeit zeigen als unausgeschlafene Kollegen. Immer mehr US-Firmen gönnen ihren Mitarbeitern so wie Google Ruhepausen, und in Japans beinharter Leistungsgesellschaft ist der kurze Büroschlaf, „Inemuri“, sowieso ganz normal.

In Österreich dagegen hält sich die Einstellung, dass nur der produktiv ist, der am Schreibtisch geschäftiges Tun zeigt. „Dass einer, der am Sofa lümmelt, für die Firma Leistung erbringt, haben die Leute noch nicht kapiert“, sagt etwa Büromöbelhersteller Thomas Bene. Dennoch plane Bene bei seinen Büroentwürfen immer sogenannte „recreation areas“ ein, „wir haben dafür ein eigenes Icon, ein kleines Männchen, das auf einer Liege lümmelt, in Blau: für Reduktion und Konzentration“. Dass dort aber tatsächlich geschlafen wird, glaubt Bene nicht.

Das bestätigt auch Markus Wiesner von Wiesner-Hager. Immerhin, räumen beide Hersteller ein, gebe es neuerdings immer öfter Bibliotheksbereiche, in die sich die Mitarbeiter zurückziehen und vielleicht sogar, wenn keiner hinschaut, kurz dösen können. Immer bewusster werde den Arbeitgebern aber etwas anderes: „Früher wurde klar zwischen Arbeit, Kommunikation und Regeneration unterschieden“, sagt Markus Wiesner, „da hat man ganz offiziell in seiner Pause in der Cafeteria Kaffee getrunken. Heute verschwimmen die Bereiche. Es ist ganz normal, dass man im Cafeteria-Bereich auch seinen Laptop anhängen kann.“


Rufschädigend. Arbeit in der Kantine also statt Schlaf unter dem Schreibtisch. Denn Letzterer ist rufschädigend. In Deutschland folgen einige Firmen zwar den wissenschaftlichen Erkenntnissen, verstecken sich dabei aber hinter gesellschaftstauglichen Wortnebelgranaten: Die Heizungsfirma Vaillant etwa, berichtet die Süddeutsche Zeitung, hat einen „Silentroom“ eingerichtet, der Softwarehersteller SAP preist sein „individuelles Work-Life-Management“, und IBM setzt auf sein „Wellbeing-Konzept“.

Dass der Büroschlaf ein Imageproblem hat und keine Priorität, erleben auch die Architektinnen Barbara Imhof und Waltraud Hoheneder. Unter dem Projektnamen „Deployable Getaway-Office“ haben sie ein faltbares Rückzugsmöbel entworfen, das einerseits Workstation ist, mit Tastatur und Bildschirm, und andererseits Liege, die den Körper vom Bürotrubel abschirmt. Multifunktionale Möbel wie dieses entwickeln die beiden mit ihrem Büro „Liquifer“ auch für den Weltraum, soeben haben sie unter anderem mit der Nasa ein Mond- und Marsmobil entworfen, in dessen Innerem sich einige Features des Büromöbels wiederfinden.

Irdische Firmen haben jedoch andere Sorgen als das Nickerchen ihrer Mitarbeiter. „Das Problem ist gerade nicht so relevant“, sagt Barbara Imhof, „über Überlastung klagen derzeit ja nicht viele.“ Dabei wären gerade jetzt neue Ideen gefragt, und dafür ist der Rückzug unumgänglich. „Man weiß ja, dass kreatives Denken keinen linearen Arbeitsprozessen folgt“, sagt Waltraud Hoheneder, „das passiert viel eher bei automatischen Tätigkeit wie Gehen, Schwimmen oder Autofahren oder aber im Übergang vom Wachsein zum Schlafen.“ Es gehe also darum, Kreativitätsräume zu schaffen, nicht nur reine Erholungs- oder Rückzugsräume.


Siesta! Genau das sei meistens aber das Problem, sagt Arbeitsmediziner Kaspar Vogel. Obwohl er durchaus Interesse bei den Firmen erkennen kann, scheitert das Powernapping oft an den fehlenden Räumlichkeiten dafür. Ein weiterer wichtiger Punkt sei der Gruppenzwang. „Wie lasse ich das gruppendynamisch zu, und wie schaffe ich es, daraus etwas ganz Normales zu machen?“ Denn obwohl etwa in Kreativbüros durchaus auch mal eine Liege stehe, sei es imagemäßig schwierig, diese zu nützen. „Kreative sind oft hoch motiviert und halten lange durch, aber sie neigen auch dazu, sich zu überfordern“, sagt Vogel. Wann ist kurz vor genug? – Das werde oft ignoriert. Dabei wäre es am besten für uns alle, wenn wir es hielten wie die Spanier: „Früh anfangen, drei Stunden Siesta und dann erst um 16 Uhr wieder weiter. Aber das trägt unsere Gesellschaft halt nicht mit.“ Leider.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2009)

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