Kampf im Kiez: Kreative zum Fürchten

Viele Städte locken die "kreative Klasse". Aber für manche bringt sie nicht nur Ideen, sondern auch Unheil: Durch Gentrifizierung, die Verdrängung der Bevölkerung etwa aus dem Hamburger Kiez und dem Wiener Grätzel.

Kampf Kiez Kreative Fuerchten
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Kampf Kiez Kreative Fuerchten
(c) Norbert Philipp

Gentrifizierung – das klingt ja schon so, als müsse man sich unbedingt davor fürchten. Viele Hamburger sehen das Gespenst mit dem hässlichen Namen schon durch ihre Stadtteile geistern. In St.Pauli treffen sich Schmuddel und Chic. Im Schanzenviertel gießt die „neue Mittelschicht“ ihre Balkontomaten, während Punks noch durch den Partyschutt der vergangenen Nacht torkeln. Zwischen Reeperbahn und dem legendären Ort urbanen Widerstands, der Hafenstraße, spiegelt sich der urbane Wandel in den frisch geputzten Glasscheiben der neuen Bürotürme. Die Stadtteile werden neu gemischt. Und vielen, die dort wohnen, gefällt das neue Mischungsverhältnis gar nicht. Auch deshalb kommt jedes Jahr im Mai der Glasermeister, und die Hamburger Sparkassa bekommt neue Scheiben. Denn die Hamburger kommunizieren ihren Protest nicht nur per Blog, Plakat und Kunstaktion, sondern auch mit Pflastersteinen. Sie wehren sich gegen Veränderung, die sie nicht selbst bestimmen können. Wien scheint dagegen immun zu sein, gegen die Gentrifizierung. Aber vor allem auch gegen chronische Aufsässigkeit.


Kreative Ströme. Sozioökonomischer Umbau, Aufwertungsprozess, Gentrifizierung – viele Wörter, die eine Lebensphase von Stadtteilen mit ganz bestimmten Folgen beschreiben: Die eine Bevölkerungsgruppe kommt, die andere muss gehen. „Gentrifizierung hat immer etwas mit sozialer Ungleichheit zu tun“, sagt Soziologe Florian Huber, der in seiner Dissertation den Prozess in Mexico City, Chicago und im Karmeliterviertel untersucht. Schuld sind diesmal, zumindest in der Wahrnehmung der Hamburger Kiez-Bewohner, die Kreativen. Diejenigen, die Richard Florida in die Definition „kreative Klasse“ gezwängt hat. Seitdem ist sie in den Entwicklungskonzepten vieler Städte dreimal rot unterstrichen. Die Unternehmensstandorte wissen endlich, um welche Ressource sie im Wettbewerb raufen müssen: die Menschen, die Ideen haben und Innovationen vorantreiben. Und die Städte sind bereit, sie mit Angeboten, Förderungen und den Stadtteilen zu verhätscheln, in denen sie sich wohlfühlen. Florida glaubt zu wissen, was Kreative lieben: ein urbanes, multiethnischen, kulturelles Durcheinander. Wo Arthouse-Kino, Peepshow, Kebab-Bude, Szenewirt und Obstpalette Nachbarn sein dürfen. Da wollen sie hin, da wollen viele Städte die Kreativen haben. Das Problem: Dort sind schon andere. Und das schon viel länger.


Pioniere. Anfangs entdecken oft Künstler und Studenten in vernachlässigten Stadtteilen, was sie suchen. Viele leer stehenden Flächen und Räume für wenig Geld. Manchmal aber auch eine „besondere Qualität, wie etwa Innenstadtnähe. Oder symbolisch aufgeladene historische Architektur“, wie Huber, meint. Mit den Pionieren zieht „das kulturelle Kapital“ in die Viertel. Die Infrastruktur passt sich an, es komme „zur kulturellen Umwertung“. Und langsam klopfen auch die „Personen mit höherem ökonomischen Potenzial“ an die Türen, hinter denen allmählich auch die Quadratmeterpreise steigen. Ebenso lockt die Imagearbeit der Medien, die Schlagwörter wie „Trend-“ und „Szene-“ schnell und großzügig verteilen. Und schon wird aus einer topografischen Bezeichnung wie Karmelitermarkt oder Prenzlauerberg ein Qualitätsprädikat für urbane Lebensqualität und Immobilieninserate. Der Prozess der Gentrifizierung kann ganz unterschiedlich beginnen. Aber auch verschieden enden. Auslöser können der freie Markt sein und die schlaue Immobilienwirtschaft. Amerikanische Städte machen vor, wie es funktioniert: Arme raus, Reiche rein – vom Dachgeschoß bis ins Souterrain. Aber auch die Stadt kann mit Infrastruktur und Kulturprojekten Akupunkturnadeln in den Stadtkörper stechen, um positive Nebenwirkungen in Grätzeln bewusst zu provozieren.

Die Auswirkungen findet man auf einer Skala zwischen Verdrängung der „angestammten Bevölkerung“ à la LowerEast Side in New York und sanfter Durchmischung, nach dem Modell Yppenmarkt in Ottakring. „Dort hat sich der Veränderungsprozess sanft und langsam vollzogen“, sagt die Wiener Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer. Doch in den Schreckensszenarien, die etwa in Hamburg gemalt werden, sind die Folgen um einiges eklatanter: Kreative würfeln die Kiez-Strukturen durcheinander. Schließlich wollen die Neuzugezogenen nicht nur wohnen, sondern auch ihren Lifestyle im Stadtviertel demonstrieren. Dann schnellen nicht nur im Mietspiegel die Preise nach oben, sondern auch in den Speise- und Getränkekarten. Im Ernstfall kickt der Aperol-Spritz den Hauswein aus dem Alltag, wenn aus muffigen Spelunken blitzblanke Designerlokale werden.

Am Prenzlauerberg in Berlin haben die stylishen Kinderwagen-Porsches der „neuen kreativen Mittelschicht“ längst die Gehsteige erobert. Neuzugezogene werden von charmanten Plakaten begrüßt: „Wir sind das Volk. Ihr seid ein anderes.“ Regelmäßig fliegen dort auch Farbbomben auf die Bautafeln, mit denen die Immobilienentwickler ihre neuen Luxusprojekte präsentieren. Die Hamburger werfen härtere Dinge – gerne auch in Auslagenscheiben, traditionell am ersten Mai. Zuletzt auch im Namen des Kampfes gegen die Gentrifizierung.

Meist sind die Geschütze aber subtiler, mit denen auch die Kreativen selbst zurückschlagen. Zumindest jene, die nicht ins Hochglanzbilderbuch von Florida und Stadtpolitik passen und eher zu den „Pionieren“ im Gentrifizierungsprozess gehören. „Not in our Name, Marke Hamburg“, heißt das Künstlermanifest, in dem sie sich dagegen wehren, vor das Konzept „Creative City“ der Stadt gespannt zu werden. Vielen Hamburgern sind die Besitzverhältnisse klar: Die Stadt gehört allen. Und deshalb sind besetzen, erkämpfen und zurückerobern auch probate Mittel der Widerstandskultur. Und zum Teil auch höchst erfolgreich: Erst letzten Winter quartierte sich eine Gruppe von 200 Künstlern im Gängeviertel ein– auf einer heruntergekommenen Insel aus historischer Bausubstanz, auf die die blitzsauberen Fenster der Investorenarchitektur der Umgebung starren. Eine ähnliche Zukunft hatten auch die holländischen Eigentümer für das Gängeviertel vorgesehen. Doch der Kampfparole „Komm in die Gänge“ folgten viele. Die Konsequenz: Die Stadt Hamburg kaufte den Häuserblock zurück. Und die Künstler entscheiden über seine Zukunft mit. Weniger Erfolg hatte allerdings eine Initiative in Hamburg-Altona. Auch dort hatten sich, ganz legal, Künstler in einem leer stehenden Kaufhaus niedergelassen. Jetzt müssen sie gehen, weil Ikea an seine Stelle will – zum ersten Mal weltweit in die Innenstadt.


Lethargie. Parolen aus Altona wie „Die Stadt gehört dir“ kennen die meisten Wiener nur aus der Werbung ihrer Verkehrsmittel. Etwas unbeholfen stehen die Wiener vor den Veränderungen in ihrer Stadt. Das liegt auch daran, dass für den Protest die Gegner fehlen. Die „kreative Klasse“ scheint sich in der Stadt mit Schmelztiegeltradition in die bestehenden Viertel zu mischen, wie die Milch in die Melange. Gentrifizierung existiert in Wien, laut Experten, nur in einer „Light“-Version. Denn die Stadt sei lange genug dagegen geimpft worden, mit bewussten Steuerungsinstrumenten: rigorosem Mietrecht, Blocksanierung, Gebietsbetreuung, gefördertem Wohnbau.

Gentrifizierungsspuren sind trotzdem zu erkennen. Auch auf dem Karmelitermarkt, wo etwa das „Marktachterl“ Karriere von der Spelunke zum Szenewirtshaus gemacht hat. „Verdrängung findet hier weniger im Wohnraum statt. Sie zeigt sich im öffentlichen und sozialen Raum“, meint Huber. Wo sich Viertel verändern, versucht die Stadtpsychologin Ehmayer, die Bevölkerung zu animieren, zu „Verantwortung“ nämlich, und dazu, „die Stadt selbst in die Hand zu nehmen“. Einige Künstler und Kreative in Wien machen das längst. In dem sie etwa leer stehende Geschäftslokale in den Einkaufsstraßen mit ihren Büros, Ateliers und Kunstprojekten reanimieren.

Young Viennese Architects (Yo.V.A.) ist eine Initiative der Stadt Wien, die seit 2005 nun zum dritten Mal junge Wiener Architekten auszeichnet. Mit der Initiative will die Stadt auf das Potenzial der jungen lokalen Architekturszene aufmerksam machen, gleichzeitig will sie dieses Potenzial aber auch selbst nutzen.

Die Preisträger: Clemens Kirsch, Kronaus Kinzelbach, Studio Gruber, grundstein, soma, Sputnic Architektur, Flatz Architects, kaufmann.wanas architekten, Span, Shibukawa Eder Architects, Gabu Heindl Architektur, fattinger-orso-rieper.

Die Ausstellung: Die ausgewählten Büros gestalten eine Ausstellung mit Katalog. Sie wird am 6. September in der Kunsthalle Wien (project space karlsplatz) eröffnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2010)

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