Schriftwechsel mit Gefühl

Kann man die Brailleschrift kursiv setzen? Welcher Zeilenabstand ist sinnvoll? Darf man Untergrundfarben benützen? Über Graphikdesign für Blinde und Sehschwache.

Schriftwechsel Gefuehl
Schriftwechsel Gefuehl
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Man kann das gut mit einer Schreibmaschine vergleichen“, sagt Eva Papst über die Layout-Gestaltung mit der Brailleschrift, „da hatte man ja auch weder Schriftgrößen noch Kursivschrift, sondern musste Textpartien mit anderen Mitteln hervorheben.“ Als Leiterin der Blindendruckerei Wien ist Papst eine der ersten Adressen, wenn man etwas über Graphikdesign für Blinde und Sehgeschwächte wissen will. Wobei festzuhalten ist: Was sich so salopp in einem Halbsatz verbinden lässt, sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Im Zusammenhang mit Blinden sprechen wir von der Brailleschrift und somit von einem gänzlich anderen System, „und bei Sehgeschwächten geht es darum, das Maximum an Lesbarkeit der Schreibschrift herauszuholen“, definiert es die Informationsdesignerin Veronika Egger.

Bei der Layouterstellung in der Brailleschrift, also der tastbaren Rasterschrift aus sechs Punkten, ist man ziemlich eingeschränkt – zumindest, wenn man die fast unüberschaubaren Gestaltungsmöglichkeiten für Sehende, selbst in banalen Grafikprogrammen, zum Vergleich heranzieht, erklärt Eva Papst, die selbst vollblind ist. „Man hat keine Schriftfarben, man kann nicht die Überschrift größer machen und Zitate schräg setzen – sonst kann man's ja nicht mehr lesen.“ Sechs Punkte sind sechs Punkte, und die sind genormt. In Japan übrigens anders als in Europa, weil man dort kleinere Finger hat.

Platzmangel auf Visitenkarten.
„Nachdem man die Brailleschrift nicht verändern kann – da gibt es die Norm des ,Marburger Mittels' – muss man sich für Layouts also andere Eyecatcher einfallen lassen“, sagt Papst. Etwa die Zentrierung von Überschriften, darunter ein Querstrich aus Prägepunkten, bei wichtigeren Überschriften auch mit größerem Abstand zum Folgetext. „Fettwörter“ in Lexika etwa stehen weiter außen, Hierarchien in wissenschaftlichen Arbeiten könne man durch Einrückungen verdeutlichen. Was natürlich dazu führt, dass bei vielen Unterkapiteln die Zeilen irgendwann sehr kurz werden. „Und auf Visitenkarten wird es sowieso sehr eng!“

Tastbare Lagepläne, etwa für Baumärkte, müsse man auch ganz anders gestalten als solche für Sehende: „Man darf zum Beispiel nicht zwei Striche, die zwei Regale symbolisieren, zwei Millimeter nebeneinander setzen, das kann niemand ertasten!“ Es ist unmöglich, alle Beschriftungen anzubringen, weil man als Lesender auf Plänen zwar durchaus eine geringe Schriftgröße entziffern kann, Blinde aber eine genormte Größe zum Tasten brauchen – besonders, wenn Pläne mit geprägter Buchstabenschrift versehen sind. „Buchstabenschrift muss 1,2 cm hoch sein, damit ich sie ertasten kann. Und das geht sich auf so einem Plan ja nie aus. Wenn ich in einem Baumarkt oder einem Spital fünf Meter Plakatwand für einen Lageüberblick abgehen muss, habe ich ja erst recht wieder keinen Überblick“, erläutert Eva Papst das Dilemma.

Dreifach ausgeschildert. Während die Brailleschrift Sehenden nicht dienlich ist, sollten taktile Pläne, „also etwa das Messegelände zum Angreifen“, im Idealfall auch für Sehende zu nützen sein, meint Informationsdesignerin Veronika Egger. Es reicht aber nicht, einen bestehenden Plan einfach haptisch zu machen. „Elemente müssen ja mit ein oder zwei Fingern erfassbar sein.“ Da gilt es gewisse Teile wegzulassen, damit andere, wichtigere, Platz haben. Eggers Firma is-design war bei der Planung des neuen Hauptbahnhofs dabei. „Das geht dann bis zur Frage, wie ein WC-Schild gestaltet sein muss, damit es für Normalsehende, Seheingeschränkte und Vollblinde nutzbar ist.“ Die Antwort: Es muss so angebracht sein, dass es gut tastbar ist, also in maximal 1,60 m Höhe, mit großen Buchstaben in hohem Farbkontrast, wie Dunkelblau auf Weiß, und mit zwei weiteren Schriftzügen darunter: einmal in tastbarer Schreibschrift und einmal in Brailleschrift.

Andere Orientierung. Sabine Peter indes hat nur mit Buchstabenschrift zu tun. Sie ist als Graphikerin bei der Corporate-Publishing-Agentur Egger & Lerch für das Layout der Zeitschrift „sichtweisen“ der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs verantwortlich. Zunächst musste sie sich unter anderem mit den Lesegewohnheiten von Sehbehinderten vertraut machen, fragte sich, „wie orientieren sich diese Menschen?“ Die Herausforderung war aber, das Layout auch für Sehende attraktiv zu gestalten. Sie erfuhr, dass visuell beeinträchtigte Menschen sich meist von links oben vorarbeiten, etwa wenn sie ein Bildschirmlesegerät, eine elektronische Sehhilfe, benutzen. „Da hat man manchmal nur fünf Buchstaben am Bildschirm, weil die Leute die so groß brauchen.“ Sehende können auf einer Seite mit dem Blick herumspringen, etwa zuerst ein Bild fokussieren, dann die Überschrift, dann erst den Lauftext oder einen Kasten. Seheingeschränkte Leser können das nicht, für sie muss eine Seite eine klare Struktur haben.

„Wir haben uns für das Magazin ,sichtweisen' für einen Fließtext in Dreierspalten entschieden“, berichtet Sabine Peter, „in dieser Spaltenbreite ist die Buchstabenanzahl angenehm“. Die Spalten sind durch senkrechte Linien getrennt, „somit hat man unter der Leselupe mehr Orientierung, ein versehentliches Drüberlesen wird erschwert.“ Ein linksbündiger Flattersatz stellt sicher, dass die Abstände zwischen den Wörtern stets gleich sind. Schrift und Zeilenabstände sind größer, bei Infokästen wird ein stärkerer Rand gezogen. Texte werden nicht auf Bildern oder strukturierten Hintergründen platziert, Abbildungen sollten nicht überlappen und Bilder keine unscharfen Stellen haben – „da fällt also viel Gestaltungs-Schnickschnack weg“.

Sabine Peter achtet auch darauf, dass am Seitenende möglichst kein Punkt steht, sondern der Text idealerweise mitten im Wort abgetrennt wird – „wenn man im Lesegerät den Text verliert, findet man den Faden leichter wieder, wenn man ungefähr weiß, wie der Satz weitergehen müsste.“ Und, auch nicht unwichtig: „Das Papier darf weder durchscheinen noch spiegeln!“

Institutionen

Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen
Bietet umfangreiche Beratungs- und Serviceleistungen an und gibt das Magazin „sichtweisen“ heraus.

Bundesblindenerziehungsinstitut
Sitzt in Wien und umfasst neben Schule und Museum auch einen Verlag mit Druckerei. Zuletzt wurde unter anderem ein neuer Tastplan für den 20. Bezirk präsentiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2011)

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