Branchenstudie: Am Ende eines kreativen Tages

Branchenstudie einmal anders: Ein neues Webportal illustriert anhand von Interviews mit 100 Selbstständigen aus Architektur, Design, Film, Musik und Mode, wie Kreative wirtschaften, leben und was sie antreibt.

Symbolbild
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(c) EPA (ALESSANDRO DELLA BELLA)

Nicht jeden ergreift bei der Aussicht, die Resultate einer neuen Studie lesen zu dürfen, ein Schauer der Vorfreude. Noch dazu sind Kreativarbeiter nicht gerade eine klassische Zielgruppe für betriebswirtschaftliche Fallbeispiele. Das weiß Hubert Eichmann von der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (Forba) in Wien ziemlich genau. Seit etwa zehn Jahren beschäftigt sich sein Institut immer wieder mit der Kreativwirtschaft – und muss feststellen, dass gerade dort die Ergebnisse der Forschungsprojekte recht gerne übersehen werden. Geschichten haben es leichter, gehört und gelesen zu werden. Und deshalb hat Eichmann ein Angebot im Internet geschnürt, das diesen Umstand ausnützt.
„Von Storys haben alle was. Das passiert ohnehin automatisch – wenn man sich in Lokalen trifft und einander die Schnurren des Tages erzählt. Wir haben uns gedacht, das könnte man etwas systematisieren“, sagt Eichmann. Basierend auf Interviews mit 100 Einzel- und Kleinunternehmern aus den Branchen Architektur, Design, Film, Musik, Mode und vielen anderen entstand ein Forschungsprojekt, das unter dem Überbegriff „kollaborative Wirtschaft“ steht, also die Arbeitswelt, die von der Zusammenarbeit dieser Menschen geprägt ist.

Hineinlesen erwünscht. Unter KollWi.at finden sich seit Kurzem weder Prozentzahlen noch To-do-Listen, sondern frei zugänglich 30 komplette Geschichten auch namentlich genannter heimischer und einiger ausländischer Akteure der Kreativwirtschaft sowie eine Fülle anonymisierter Interviews und Interviewauszüge, die nach Themen rund um Arbeit, Zusammenarbeit und Lebensführung aufgeschlüsselt sind. „Unsere Hoffnung ist, dass der eine oder andere für eine halbe Stunde hineinschmökert und vielleicht etwas lernt, gerade wenn er sich noch in einer frühen Phase der Selbstständigkeit befindet“, sagt Eichmann.
Liest man die Erzählungen, wird schnell klar, warum die Forba-Mitarbeiter der Kooperation eine so starke Bedeutung beimessen. Gerade in kleinbetrieblichen Welten sind wechselseitige Abhängigkeiten besonders ausgeprägt. Viele Projekte lassen sich nur umsetzen, wenn man Kollegen mit anderen Spezialisierungen und manchmal auch Konkurrenten mit ins Boot holt. Nicht selten ein Abenteuer: „Wenn es schlecht geht, geht's ganz schlecht, weil sich einfach die Probleme potenzieren“, erzählt ein selbstständiger Grafikdesigner. „Und wenn es gut geht, kann es einfach ganz toll sein, weil man Synergien erzielt, und Synergien sind einfach das Tollste an der Arbeit.“

Absprachen statt Verträge. Überraschend erscheint dabei, wie stark und ausgeprägt die informelle Ebene bei der Zusammenarbeit ist. Oft werden weder mit Kunden noch mit Partnern Verträge geschlossen. „Sehr viele meinen, es gehe auch mündlich. Das Gegenüber wird schon Wort halten, sonst würde es ja bald die halbe Szene wissen. Damit sind aber natürlich auch Schwierigkeiten verbunden“, sagt Eichmann. Denn mit wirtschaftlichem und rechtlichem Know-how setzen sich manche Kreative noch immer ungern auseinander. „Trial and Error“ prägen oft die ersten Gehversuche bei der Realisierung der eigenen Projekte.
Auch die Sofa Surfers können davon Geschichten erzählen. Als sie Mitte der 1990er begannen, an einem für die heimische Musikszene neuen, prägenden Sound zu feilen, standen Themen wie Verträge oder Tantiemen nicht im Vordergrund. Auf KollWi.at kann man ein paar aufschlussreiche Episoden der Mitglieder aus dieser Phase nachlesen. Etwa auch, dass sie allesamt von dem 200.000-Schilling-pro-Kopf-Vorschuss für ihren ersten Plattenvertrag derart geblendet waren, dass sie nicht darauf achteten, eine höhere Beteiligung an späteren Gewinnen auszuhandeln. Mittlerweile sind sie rechtlich als Arge (Arbeitsgemeinschaft) organisiert – auf Anraten der Steuerberaterin. „Nachher ist man immer gescheiter. Also vor zehn Jahren – da waren wir schon blauäugiger, natürlich“, erzählen die Bandmitglieder Wolfgang Frisch und Michael Holzgruber.
Quer durch die Interviews wird aber auch deutlich, wie neue Modelle des Arbeitens entstehen. Ausführlich werden die Beispiele von Co-working Spaces wie etwa der Schraubenfabrik in Wien oder dem Berliner Betahaus geschildert.  Diese Orte haben sich zu wahren Netzwerkkeimzellen für Selbstständige entwickelt.

Kreative erzählen. In vielen Erzählungen, vor allem der Jüngeren, bekommt man Einblick in die Welt des Prekariats. So  berichtet  eine Freiberuflerin, die in einem Architekturbüro arbeitet, wie sie und ihre Kollegen ohne Aussicht auf Anstellung werken – dafür mit der Chance auf jederzeitigen Rauswurf: „Das muss einmal wahrgenommen werden, dass eine ganze Branche einfach aus dem Arbeitsrecht ausgeklammert ist. Und dass das völlig legitim ist. Dass wirklich jeder sagt: ,Ich bin doch nicht verrückt und stelle jemanden an'“, klagt die Scheinselbstständige.
Eichmann kennt diese Probleme sehr gut. Doch er hat auch beobachtet, dass viele bewusst auf Sicherheiten verzichten. „Das Ziel der Profitmaximierung verfolgt nur eine Minderheit. Es geht um gutes Überleben, darum, zu kooperieren und Ergänzungen zu finden, wo man sie braucht“, sagt der KollWi-Initiator. Mit den Worten eines Befragten: „Ich hab keine Probleme oder keine Schulden. Ich hab aber auch keine Ersparnisse oder Rücklagen oder irgendwas. Aber ich kann gut davon leben.“ 

Bunte Palette

www.kollwi.at

Geschichten
Porträts von Unternehmen wie Amour Fou, The Visioneers oder one room und Netzwerken wie Mon Ami, Splitterwerk oder Metalab. Und anonymisierte Interviews.

Geld und Leben
Gespräche über Kunden, Mitarbeiter, Werdegang, Förderungen, Know-how, Gesundheit und Zukunftsaussichten.

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