“Das Rabaukenhafte gehört bei den Jungen mit dazu„

Wenn man Unterschiede zwischen den Geschlechternkleinredet, kommt das Bedürfnis nach der Geschlechtlichkeit um so stärker, sagt Bubenforscher Reinhard Winter. Eine Balance sei gefragt.

Mädchen sind in der Erziehung einfacher, so lautet das Klischee. Was ist da dran?

Reinhard Winter: Der Eindruck entsteht, weil Mädchen oft beziehungsorientierter und kooperativer sind und auch weniger aufmüpfig in der Schule. Aber unterm Strich kann man sich ja auch darüber freuen, wenn Kinder eigene Gedanken haben und die offensiv vertreten. Da es bei Burschen dann etwas lauter oder rüpelhafter hergeht, fühlt sich ihre Erziehung vielleicht manchmal schwieriger an. In Wirklichkeit ist es aber gleich, würde ich sagen.

Bubenmüttern wird auf dem Spielplatz auch einmal unmotiviert Beileid ausgesprochen.

Durch die Debatten über die armen oder bösen Jungen haben wir einen bestimmten Blick auf sie. Wenn dann ein Junge im Sandkasten jemanden schubst, orten wir sofort ein großes Drama. „Wahrscheinlich wird der einmal gewalttätig oder kriminell oder so.“ Man projiziert viel hinein. Früher hat man in den Jungen noch die potenziellen Führungskräfte gesehen und ihre Durchsetzungskraft gelobt. Die Bewertung hat etwas mit dem Zeitgeist zu tun.

Kinder haben immer weniger Freiraum. Ist das besonders für Buben problematisch?

In der Tendenz explorieren Jungen stärker: Sie erkunden Freiräume, gehen über Grenzen hinaus. Außerdem gibt es einen stärkeren Impuls zum Rangeln und Raufen, um Konflikte auszutragen oder herauszufinden, wer der Stärkere ist. Und für diese beiden Tendenzen ist die Welt immer weniger gemacht. Man soll immer über alles reden, hören die Burschen. Was ja an sich gut ist, aber für Kinder noch nicht angemessen. Da gehört das Rabaukenhafte zumindest bei einem Teil der Jungen auch ein bisschen mit dazu.

Wieso unterbinden wir das?

In der Beratung erzählen Eltern von diesem enormen Druck, dass immer alle funktionieren müssen, und das schlägt sich auf die Kinder ganz dramatisch nieder. Das Funktionieren setzt voraus, dass die Jungen eben keine großen Konflikte eingehen, dass nicht mal einer mit einer zerrissenen Hose heimkommen kann, weil es dann womöglich gleich bis zum Rechtsanwalt geht. Zumindest muss man dauernd mit der Lehrerin telefonieren. Also gibt es sehr viele unangemessene Beschränkungen. Am besten sollen die Kinder immer sitzen und sich ein Buch anschauen – aber das ist doch eigentlich keine schöne kindliche Lebenswelt.

Sie beraten speziell Buben und deren Familien. Was sind die typischen Probleme?

Zwei Hauptprobleme: Schulthemen und Medienkonsum. Bei den Medien gibt es mit den Jungen heftigere Konflikte. Vor allem Männlichkeitsspiele, etwa Shooter, üben eine extreme Faszination aus, sodass es für die Jungen viel schwieriger ist, sich zu kontrollieren. In den folgenden Konflikten geben Eltern oft viel zu früh auf und setzen gar keine Grenzen mehr. Das ist für die Entwicklung der Jungen ziemlich fatal.

Sie sehen einerseits mehr Freiheit, aber gleichzeitig klare Regeln als Lösung?

Man muss schauen, ob es Bedürfnisse gibt, die Buben stärker haben – auf die müssen wir auch antworten. Etwa ein Umfeld schaffen, in dem der stärkere Impuls in Richtung Bewegung oder Rangeln und Raufen ausgelebt werden kann. Und auf der anderen Seite ist es auch ein indirektes Bedürfnis von Jungen, klare Führung zu bekommen, Struktur und Sicherheit zu haben. In der Mischung von Wärme und Orientierung liegt der Schlüssel. Bei vielen Erziehenden, die Probleme haben, fehlt etwas von dieser Mischung. Entweder werden sie kalt oder verlieren die orientierende Funktion. Beides kann ich feststellen.

Aber das Geschlecht steht wieder im Fokus.

Ich glaube, es gibt so etwas wie einen Gegenimpuls aus der Geschlechtsneutralisierung heraus. Ich habe den Eindruck, wenn man zu sehr versucht, die Geschlechter zu nivellieren oder so zu tun, als ob es keinen Unterschied gäbe, kommt das Bedürfnis viel stärker – also eigentlich zu stark – in den Blick, Geschlecht sein zu wollen. So geht es ja bei dem aktuell starken Model-Trend der Mädchen nur darum, Weiblichkeit zu zelebrieren. Das empfinde ich als Reflex auf den Versuch, Geschlechter zu nivellieren. Es ist eine Reaktion auf etwas, was zwanzig oder dreißig Jahre vorher passiert ist.

Wie unterschiedlich die Geschlechter sind, ist weiterhin strittig?

Es lässt sich auch nicht klären. Denn die Gesellschaft entwickelt sich immer weiter, und die Entwicklungen lösen etwas aus. Wenn etwa nur eine bestimmte Art von Spielzeug angeboten wird, macht das etwas mit den Kindern, die damit spielen. Und die müssen das dann wieder bewältigen, wenn sie selbst Eltern sind. Geschlecht ist insgesamt einfach ein Prozess und lässt sich, meine ich, nie festhalten.

Aber Sie halten es für kontraproduktiv, das Geschlecht auszublenden?

Professionell halte ich es für sinnvoll, in einem Paradox zu arbeiten. Einerseits so zu tun, als ob es kein Geschlecht gäbe. Das ist wichtig, weil ich als Pädagoge natürlich die Kinder nicht in Rollen pressen will. Deshalb schaue ich erst einmal, wie dieses Mädchen oder dieser Junge ganz individuell ist. Gleichzeitig muss ich aber auch sehen, dass es einfach an manchen Stellen Unterschiede gibt und darauf professionell eingehen. Natürlich ist das Ziel, dass das die Kinder dann nicht einengt, sondern ihnen einen größeren Horizont gibt. Ich muss also beides im Blick haben. Allein von der Entwicklungsgeschwindigkeit ist es absolut notwendig, manchmal auf das Geschlecht zu schauen, weil die Sprachentwicklung von Mädchen einfach schneller ist oder das Einsteigen in den pubertären Schub. Dann herrscht eine so große Diskrepanz, da kann ich nicht mehr darüber hinwegsehen, dass es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gibt.

STECKBRIEF

Reinhard Winter (58) ist ein deutscher Geschlechterforscher und Erziehungsexperte mit Fokus auf Buben. Der Pädagoge arbeitet seit mehr als 20 Jahren im gesamten deutschen Sprachraum in der Jungenforschung und -beratung. Er leitet das Sozialwissenschaftliche Institut Tübingen (SOWIT), eine Uni-nahe Einrichtung.

Bücher u. a.: „Jungen. Eine Gebrauchsanweisung.“ (Beltz, 2011), „Jungen brauchen klare Ansagen.“ (Beltz, 2014). Privat

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2016)

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