Andrej Kurkow: "Zuerst überleben. Dann weiterleben"

Der berühmteste Schriftsteller der Ukraine im Gespräch über Inhaftierungen, Erinnerungsdiskurse und das Mädchen, das nie rostet.

Andrej Kurkow Zuerst ueberleben
Andrej Kurkow Zuerst ueberleben
Andrej Kurkow – (c) Www.BilderBox.com

Kürzlich meinten Sie, die Ukraine würde so viele absurde Sujets bieten, dass mehr als 1000 Schriftsteller damit beschäftigt sein könnten und noch etwas für den Export übrig bliebe. Welche Sujets sind durch die Fußball-EM noch hinzugekommen?

Andrej Kurkow: Seltsamerweise keine. Außer, dass unsere Staatsmacht die Nerven weggeschmissen und einen Gesetzesantrag eingebracht hat, die Position der russischen Sprache zu stärken. Im Übrigen verlief die EM ja zivilisiert ab. Alle sind zufrieden. Besonders die ausländischen Touristen. Ich denke also, am interessantesten wird sein, was danach beginnt.

 

Warum das?

Weil die EM ein kleines Instrument für Europa war, um auf Staatspräsident Janukowitsch und die Regierung einzuwirken zu versuchen. Nach der EM fallen diese Instrumente des Druckes weg. Deshalb werden Janukowitsch und seine Mannen tun, was sie wollen.

 

Was wird von der EM an Positivem und Negativem bleiben?

Negativ ist wohl, dass bei der Vorbereitung sehr viel Geld gestohlen worden ist. Positiv ist die Infrastruktur. Man hat den Flughafen in Kiew für die EM vorbereitet, wiewohl er bis heute nicht eröffnet ist. Positiv ist auch das gute Image der Ukraine in den Augen der Fans, die hierhergekommen sind. Und die Ukrainer selbst sind alle vom Fußball begeistert, und niemand denkt an Politik oder Wirtschaft.

 

Was dann aber auch nicht von Vorteil ist.

Nun, jeden Sommer mit Politik zu verderben, ist auch keine sehr vernünftige Beschäftigung.

 

War der Boykott durch Europas Politiker angemessen oder hysterisch?

Ich denke, angemessen. Denn er ist ja auch zum Teil mit (der inhaftierten Revolutionsikone und Ex-Premierministerin, Anm.) Timoschenko verbunden.

 

Im Westen steht man aufseiten Timoschenkos. Aber gerade Sie waren es ja, der noch vor Jahren vor Timoschenko gewarnt hat, weil sie das Zeug zur Diktatorin habe.

Sie ist auch eine Diktatorin. Im Prinzip ist der Unterschied zwischen ihr und Janukowitsch minimal. Sie repräsentiert einfach einen anderen regionalen Clan. Aber sie ist um vieles schlauer, charismatischer, hat als Politikerin mehr Talent, ist gebildeter und weitaus härter als Janukowitsch.

 

Dann hat er aber schlechte Berater, wenn er sie ins Gefängnis steckt und so aus ihr eine Heldin macht.

Sie war schon einmal im Gefängnis und hat die Heldenrolle bereits gespielt. Ein zweites Mal ist das schwieriger.

 

Sie wollten doch einmal ein Buch über Timoschenko schreiben. Arbeiten Sie jetzt daran?

Nein. Mein Buch hätte übrigens heißen sollen: „Das Mädchen, das nie rostet“. Aber ich schreibe jetzt nicht, denn inzwischen wurde mir vonseiten Timoschenkos angeboten, ein Buch auf Bestellung zu schreiben. Da habe ich abgesagt. Mittlerweile sind drei Bücher über sie in der Ukraine erschienen, in denen es darum geht, wie jemand sie töten will und sie gerettet wird. Die Bestellung ging also offenbar an mehrere Leute.

 

Sie vertreten ja die These, dass in der Ukraine ohnehin die Frauen regieren und die Männer nur vorgeben, Entscheidungen zu treffen. Hat sich das jetzt geändert?

Ja, temporär. Das sieht man daran, dass die Entscheidungen überhaupt nicht durchdacht sind.

Soll heißen, Frauen entscheiden vernünftiger?

Ja.

 

Apropos Frauen: Im Roman „Der Milchmann in der Nacht“ vergleichen Sie die Ukraine mit einer alleinstehenden Mutter: „Alle wollen mit ihr schlafen, aber geheiratet wird nicht!“ Wie hat sich das zwischenzeitlich entwickelt?

Jetzt will die Ukraine selbst schon nicht mehr und kann auch nirgendwo mehr hin. Erstmals seit Erlangung der Unabhängigkeit haben wir uns sowohl mit dem Westen als auch mit Russland überworfen. Das ist eine fundamental neue Situation.

 

Aus der man wie herauskommen kann?

Mit den heutigen Politikern gar nicht, denn es ist eine Politik der Selbstisolierung. Putin wird sich mit Janukowitsch nicht einigen. Und Europas Staatschefs werden mit ihm auch nicht reden.

 

Die ganze Ukraine aber gleich als krank zu bezeichnen, wie Sie das tun, ist doch eine Übertreibung.

Sagen wir so: Wenn Leute, die im Gefängnis saßen, das Land regieren, dann erhalten kriminelle Leute Auftrieb. Und wenn das Hauptkriterium für Karriere die Ergebenheit gegenüber Janukowitsch ist, dann passen sich die Leute an diese Parameter an und die Psychologie der Gesellschaft ändert sich. Psychologisch herrscht eine Anomalie. Wie sollen denn bitteschön Eltern ihren Kindern erklären, dass der Präsident zweimal im Gefängnis saß?

 

Auch Timoschenko sitzt zum zweiten Mal.

Aber sie war noch nicht Präsidentin.

 

Ihr Schriftstellerkollegin Oksana Sabuschko betont, dass in der Ukraine die Konturen der Identität sehr ausgewaschen seien.

Das ist eben die nämliche Teilung zwischen dem östlichen und dem westlichen Landesteil. Die Westukraine identifiziert sich mit der wirklichen Ukraine und gleichzeitig mit Europa. Leute im Osten wiederum, wo eine prosowjetische Mentalität herrscht, halten die Westukrainer für Nationalisten. Ein einheitliches Koordinatensystem für eine nationale Identität wurde nicht ausgearbeitet. Und in Wirklichkeit beschäftigt sich auch keiner damit.

 

Angesichts der wechselvollen und uneinheitlichen Geschichte der Ukraine wäre das ohnehin eine Mammutaufgabe. Nicht zufällig finden viele Erinnerungsdiskurse parallel statt. Manche sprechen gar von einem dadurch gewahrten Pluralismus. Aber die Diskurse können auch leicht kollidieren. Welche Dynamiken nehmen Sie diesbezüglich wahr?

Die Diskurse existieren parallel und unabhängig voneinander. Vor Kurzem war ich in der ostukrainischen Stadt Luhansk und sah im Stadtzentrum ein Denkmal für die Opfer der ukrainischen Aufstandsarmee (bestand während des Zweiten Weltkrieges in der Westukraine, Anm.). In der Westukraine stehen Denkmäler für die Helden dieser Armee und zusätzlich Denkmäler für die Opfer des KGB. Jede Region hält an den Unterschieden in der Mentalität fest. Die Staatsmacht will diese Unterschiede auch gewahrt wissen, denn andernfalls würde das Volk nicht für regionale Machthaber stimmen.

 

Lauert darin auch eine Gefahr?

Die Gefahr ist, dass die Trennung innerhalb eines Staates fortgeschrieben wird. Der prosowjetische Diskurs in der Ostukraine bremst die Entwicklung der Zivilgesellschaft und der Klein- und Mittelbetriebe. Die Großbetriebe aber waren früher staatlich. Und wenn sie im Gebiet Donezk noch in Betrieb sind, so werden sie in Luhansk fast zur Gänze geschlossen. Die Leute warten auf Zuwendungen vom Staat. Eigeninitiative legt dort niemand an den Tag. Es sind Regionen des Atavismus. Grob gesagt, die Leute wollen ihre Kinder zum Leben im Sozialismus erziehen. Und sie wollen die völlige Abhängigkeit von den Machthabern.

 

Nun ist die Orange Revolution, der plötzliche friedliche Aufstand Hunderttausender, auch schon über sieben Jahre her. Wie wird er in der Kunst, der Literatur, reflektiert?

Dieser Moment wurde zu einem historischen und ist damit in der Gesellschaft vergessen. Selbst der staatliche Feiertag der Freiheit, den Ex-Präsident Juschtschenko zur Erinnerung an das Ereignis eingeführt hat, wurde von Janukowitsch bereits ein halbes Jahr nach seiner Machtübernahme 2010 abgeschafft. Unmittelbar nach der Revolution damals waren zwei, drei schlechte Filme zum Thema produziert worden. Auch einige Bücher von Journalisten kamen auf den Markt. Aber das interessiert längst niemanden mehr. Etwas wirklich Ernstzunehmendes wurde nicht geschaffen.

 

Welche Sujets greifen Autoren dann an?

Die jungen Schriftsteller waren immer prinzipiell apolitisch und wie seit jeher so arbeiten sie auch jetzt über Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Und ältere Autoren greifen politische Sujets, obwohl sie auf der Straße liegen, fast ausnahmslos nicht an.

 

Janukowitsch selbst hat ein Buch geschrieben und fragt im Titel, wie die Ukraine weiterleben soll. Was ist Ihre Antwort?

Die Ukraine muss zuerst einmal die jetzigen Machthaber überleben. Danach kann sie dann auch weiterleben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2012)

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