"Echte Vergewaltigungen werden oft nicht angezeigt"

Wettermoderator Jörg Kachelmann wurde einer Vergewaltigung beschuldigt, saß 132 Tage in U-Haft und wurde rechtskräftig freigesprochen. Gemeinsam mit seiner Frau Miriam rechnet er in einem Buch ab.

Jörg Kachelmann
Jörg Kachelmann
"Echte Vergewaltigungen werden oft nicht angezeigt" – Heyne

Wien empfängt Besucher derzeit nicht unbedingt von seiner schönsten Seite. Jörg Kachelmann und seiner Frau Miriam ist das egal. Der Schweizer Wettermoderator, der 2010 wegen Vergewaltigung angezeigt worden ist, 132 Tage in Untersuchungshaft saß und 2011 freigesprochen wurde, sagt bei der Ankunft auf der Baustelle des Bahnhofs Wien Mitte lakonisch: „Wir haben schon ganz andere Dinge erlebt, ich glaube, damit können wir umgehen.“ Jörg und Miriam Kachelmann sind eigens für einen Tag nach Wien geflogen, um mit der „Presse am Sonntag“ über ihre Erfahrungen aus dem Gerichtsverfahren, die mediale Vorverurteilung und ihr soeben erschienenes Buch, in dem sie die Erlebnisse verarbeiten, zu reden.

Ihr Buch ist ein Stoß vor den Kopf für sämtliche Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, weil sie pauschal als Lügnerinnen verdächtigt werden.

Miriam Kachelmann: Es ist nicht so, dass wir noch nie mit Frauen zu tun hatten, denen so etwas wirklich passiert ist. Nicht wir sind diejenigen, die diese Frauen verhöhnen, sondern Frauen, die wahrheitswidrig behaupten, es wäre ihnen passiert und sich daraus einen Vorteil machen.

Freispruch: Wendepunkte im Kachelmann-Prozess

Können Sie sich als Frau nicht vorstellen, was Ihr Buch in einer Frau, die eine Vergewaltigung erlebt hat, eventuell auslöst?

M.K.: Natürlich kann ich das, genau deshalb gehe ich mit Ihnen nicht konform. Weil ich weiß, dass eine Frau, die wirklich vergewaltigt worden ist, mit diesem Buch kein Problem hat. Weil ihr nichts vorgeworfen wird. Es steht auch mehrmals im Buch, dass Vergewaltigung ein schlimmes Verbrechen ist, niemand möchte das bestreiten.

Aber ist es fair, zu behaupten, dass die Hälfte aller Vergewaltigungsvorwürfe erfunden ist?

M.K.: Vermutlich ist es sogar mehr als die Hälfte. Die Zahl 80 Prozent aller Fälle kommt vom Leiter der „Sitte“ im niederösterreichischen Landeskriminalamt, der seit vielen Jahren solche Fälle bearbeitet hat. Es gibt hier eine Schere: Viele echte Vergewaltigungen werden nicht angezeigt, aber viele der angezeigten Vergewaltigungen sind vorgetäuscht.

Im Buch finden sich Stellen, die man als Unterstellung verstehen kann – etwa: „Trauma, das neue Zauberwort. (. . .) Schlichteste Erlebnisse führen heute zu einem Trauma.“ Das klingt, als wäre eine Vergewaltigung ein schlichtes Erlebnis.

Jörg Kachelmann: Nein, da ist ja nicht von Vergewaltigung die Rede. Kürzlich war zu lesen, dass eine Frau auf einer Almwiese von einer Kuh verfolgt worden ist und seither ein Trauma hat. Das ist ein schlichtes Erlebnis, das die Traumatheorie zu Tode reitet.

Sie sprechen einer Frau, die vergewaltigt wurde, nicht ab, dass sie traumatisiert ist?

J.K.: Nein.

M.K.: Abgesehen davon ist auch nicht jeder Mensch immer gleich traumatisiert. Nicht jeder Mensch, dem etwas Schlimmes passiert ist, erleidet automatisch ein Trauma. Sie können auch einer Geiselnahme beiwohnen und danach trotzdem kein Trauma davontragen. Wie jemand ein tatsächlich stattgefundenes Verbrechen verarbeitet, ist individuell verschieden. Traumata sind kein automatischer Reflex.

Haben Sie einen Lösungsvorschlag, wie in Vergewaltigungsprozessen die 100-prozentige Wahrheit ermittelt werden kann?

J.K.: Da macht Österreich schon etwas vor, indem es etwa ein Fachdezernat bei der Polizei gibt, das sich nur um ein Fach kümmert. Das gibt es in Deutschland praktisch nicht, nur in den Großstädten gibt es Fachkommissariate. In der Provinz herrscht dagegen oft schieres Unwissen.

M.K.: Wir hatten einen Amtsrichter, der vor dem Gericht erklärt hat, er habe den Haftbefehl aufrechterhalten, weil er der Meinung war, so etwas denkt sich eine Frau doch nicht aus. Problematisch ist auch, dass es kein Protokoll gibt in den deutschen Landgerichten. Niemand schreibt den Inhalt einer Aussage auf.

Woran lag es, dass der dringende Tatverdacht gegen Sie solange bestand?

M.K.: Theoretisch hätte er nie verhaftet werden dürfen. Es wurde ein Fehler gemacht mit dem Haftbefehl. Und weil man den verbergen wollte, wurden immer mehr Fehler gemacht. Relativ schnell nach seiner Inhaftierung gab es Gutachten, die darauf hindeuteten, es sehe bei der Klägerin nach einer Selbstverletzung aus. Von Anfang an waren die Zweifel sehr groß. Da haben sich Inkompetenz und Angst vor Gesichtsverlust auf schrecklichste Art und Weise gepaart.

J.K.: Es hat ja sogar der Staatsanwalt am Anklagetag in die Kamera gelogen und gesagt, dass Blut des „Opfers“ auf dem Messer gewesen sei. Das war für mich eine neue Erkenntnis, dass ein Staatsanwalt einfach lügt. Das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten. Schon im April war klar, an dem Messer ist weder DNA von mir noch Blut vom angeblichen Opfer.

Sie nennen Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht und die Medien als Mitschuldige dafür, dass es zu diesem langen Prozess gekommen ist. Inwiefern tragen Ihre Anwälte Schuld an Ablauf und Dauer des Verfahrens?

J.K.: Prozentuell ist es schwer, das zu sagen. Aber das Buch wäre mit einem Verteidiger Schwenn von Anfang an wohl um einiges dünner geworden.

Können Sie nachvollziehen, dass für Leser Ihres Buches der Eindruck entsteht, alle Beteiligten hätten sich gegen Sie verschworen. Hatten Sie schon genug Distanz zu dem Vorgefallenen?

J.K.: Ich glaube, dass ich da stark differenziert habe. Ich habe etwa die Stockwerksbeamten durchaus positiv erwähnt, weil ich denke, dass die wichtig sind, damit nicht noch mehr Selbstmorde entstehen. Ich habe auch nicht so getan, als ob mich Ratten, Kakerlaken und Hakenkreuze in der U-Haft in meinem Wohlbefinden beschränkt hätten. Ich habe mich bloß gewundert, weil ich dachte, in Deutschland sähen Gefängnisse ganz anders aus.

Ihr Wunsch wäre eine Justizreform?

M.K.: Viele Dinge in unserem Justizsystem funktionieren nicht. Man sollte mit dem Bestrafen abwarten, bis es ein Urteil gibt. Es gibt im Gefängnis Mannheim einen Bunker, das ist ein Raum im Keller, der bei Gewitter regelmäßig überschwemmt ist, da schwimmen die Kakerlaken. In der Mitte des Raumes ist ein Loch, in das man seine Notdurft verrichten kann. Im 21. Jahrhundert möchte ich schon nicht, dass das für Verurteilte gilt. Aber schon gar nicht für U-Häftlinge.

J.K.: Die Rückfallquote ist auch deswegen extrem hoch, weil schon wenige Wochen nach Beginn der U-Haft nichts mehr da ist. Da hat man niemanden mehr, der auf einen am Tor wartet. Das passiert, wenn man Leute schon vor dem Urteil bestraft.

Inwieweit hat Ihre Prominenz dabei eine Rolle gespielt?

M.K.: Die Prominenz war ein großes Problem. Weil dadurch haben sich so viele Leute in den Fall reingehangen. Und der Druck, der in den Medien aufgebaut wurde. Die Justiz hat Akten rausgegeben, darüber haben die Medien berichtet – natürlich nur über die, die ihnen gefallen haben. Manche waren auch erstunken und erlogen. Dadurch gab es einen Riesendruck, und die Justiz hat Angst bekommen – was, wenn er es jetzt doch nicht war. Da müssten sie ja Schadenersatz zahlen. Es war definitiv ein Promi-Malus. Man hat ihn nicht gut behandelt.

J.K.: Gut, der Wasserkocher in U-Haft kam zwei, drei Tage schneller als bei anderen, das gebe ich gerne zu. Sauerei. Aber Respekt, die Justiz hat alles probiert, mit Lügen, Akten an Medien weiterleiten, auch mit dem Verschweigen von entlastenden Fakten.

M.K.: Wenn unsere Gesellschaft nur nicht so vorverurteilend wäre! Alle denken: Der ist in der U-Haft, der muss es gewesen sein. Sie sollte das erst machen, wenn er verurteilt wurde. Aber unsere Gesellschaft denkt: Jemand der im Knast ist, da muss ja was dran sein.

In Ihrem Buch behaupten Sie, die gesamte Justiz sei korrupt, Gerichte würden lächerliche Strafen für kriminell handelnde Frauen verhängen. Woher nehmen Sie das?

J.K.: Das ist wahr, da gibt es Untersuchungen.

M.K.: Googeln Sie mal die Kindstötungen der letzten Jahre von Männern und Frauen. Es ist vor Kurzem ein Fall von einer Frau rausgekommen, die ihre drei Kinder gleich nach der Geburt umgebracht hat und sie in eine Kühltruhe gesteckt, wo sie jahrelang lagen. Stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn das der Vater gewesen wäre. Bei einer Frau ermittelt man wegen Totschlag, bei einem Mann würde man – richtigerweise – sofort wegen Mord ermitteln. Und die „Bild“-Zeitung würde nicht mit „Tragödie“, sondern mit „Monster“ titeln.

J.K.: Es ist ein unpopuläres Thema, weil es dummerweise nicht so ist, wie man es gerne hätte: Der Mann ist der Täter, die Frau ist das Opfer. Es gibt auch die umgekehrte Situation.

Das geht jetzt aber schon ziemlich in die Ecke Verschwörungstheorie.

J.K.: Fragen Sie Strafverteidiger. Wenn Sie ganz ergebnisoffen recherchieren wollen, können Sie diese Thesen bei allen möglichen Verteidigern bestätigt bekommen. Es gibt auch ein extremes Beispiel: Was macht Frau Dutroux in der Freiheit? Die war bei allem dabei, was Herr Dutroux gemacht hat.

M.K.: Da sind zwei Kinder gestorben, weil sie ihnen nichts zu essen gegeben hat, während ihr Mann in Haft und sie allein mit ihnen war. Und da war die Argumentation vor Gericht, dass sie so von ihm unter Druck gesetzt worden ist.

Auch die Medien haben dazu beigetragen, Sie vorzuverurteilen.

J.K.: Bei einer Pressekonferenz hat der Redakteur einer Nachrichtenagentur gesagt: Ihr hättet uns halt auch eure Teile von den Akten geben müssen. Dann hätten sie nicht so einseitig geschrieben. Das ist eine Form von Journalismus, die nicht in Ordnung ist.

Welche Reaktionen haben Sie auf das Buch bisher bekommen?

M.K.: Es gibt natürlich die üblichen Reaktionen, die wir auch erwartet haben. Natürlich verreißt es Burda („Bunte“, Anm.), Springer („Bild“, Anm.) versucht es zu ignorieren.

Sie haben sich selbst in über 100 einstweiligen Verfügungen gegen Persönlichkeitsverletzungen gewehrt. Wäre es da nicht anständig gewesen, die Klägerin im Buch nicht mit vollem Namen zu nennen?

M.K.: Ihr Name ist ja schon in Medien genannt worden. Und sein Name wurde von Anfang an ausgeschrieben.

J.K.: Und ich bin das Opfer, nicht sie.

M.K.: Ihre Argumentation fände ich in Ordnung, wenn sie nicht selbst an die Medien gegangen wäre. Sie hat eine Magazinstrecke in der „Bunten“ gemacht, die Filmrechte an ihrer erfunden Geschichte gewinnbringend verkauft. Sie macht damit sehr viel Geld, indem sie an die Öffentlichkeit geht.

Es gibt ja auch eine einstweilige Verfügung der Klägerin gegen Ihr Buch.

J.K: Wir sind überzeugt, dass diese Verfügung keinen Bestand hat.

Sie wollen ein Netzwerk gründen, um Opfer von falschen Vorwürfen, aber auch tatsächlichen Gewaltopfer zu unterstützen.

J.K: Wir haben von gut 20 renommierten Strafverteidigern E-Mails bekommen, die dem Netzwerk gegen falsche Missbrauchsvorwürfe beiwohnen wollen, das wir gründen wollen.

M.K.: Mit unserem Netzwerk wollen wir nicht nur eine Stiftung von vielen sein. Wir wollen auch nicht den Fehler machen, dass wir vor dem Gericht entscheiden müssen, wer Opfer und wer Täter ist. Wir wollen ein Netzwerk schaffen, das Expertenmeinungen für weniger Geld als normal anbietet. Und da bekommt man eine klare Meinung über die Akten, etwa ob man einen neuen Verteidiger braucht.

J.K.: Da geht es auch um echte Opfer. Das wird im Buch gerne überlesen.

Vom Tonfall her ist das Buch eine Abrechnung, in manchen Teilen sogar eine Verächtlichmachung von Beteiligten. Ich denke da etwa an den „Dackelfaltenpolizisten“.

M.K.: Wenn Sie ihn sehen würden, würden Sie das auch so sagen.

J.K.: Ich war ja auch mal Journalist, vielleicht sind das Überbleibsel von damals. Und ich finde Dackelfalten nichts Pejoratives. Hätte ich seine Adresse angegeben, wäre das natürlich etwas anderes gewesen.

M.K.: Es geht darum, systemische Missstände anhand des konkreten Einzelfalls zu beschreiben, den wir selbst erlebt haben. Natürlich ist das nicht ganz trocken. Deshalb beschreiben wir das auch so plastisch.

Gibt es einen Punkt in der Geschichte, wo Sie rückblickend sagen, das hätte ich anders machen sollen? Etwa das mit der Klägerin.

J.K.: Es gibt viele Punkte. Aber man muss es trennen. Dieses unaufgeräumte Vorleben, das ich hatte, braucht es nicht, damit einem etwas passiert. Aber es war natürlich schon von vornherein ein Fehler, mit dieser Frau zu tun gehabt zu haben. Opfer einer Falschbeschuldigung zu werden passiert aber auch vielen Männern, die nicht ein solches Durcheinander im Leben gehabt haben wie ich.

Im Buch sind auch „Tagebucheinträge“ der Klägerin abgedruckt, die im „Focus“ veröffentlicht waren. Darin wünscht Sie Ihnen unter anderem den Tod. Was wünschen Sie ihr?

J.K: Recht und Gerechtigkeit.

Zur Person

Jörg Kachelmann, geboren 1958 in der Schweiz, nach dem Studienabbruch (u.a. Meteorologie, Physik) beginnt er als Journalist. Nach vielen Stationen wird er Wetteransager in der ARD und moderiert diverse Talkshows. Nebenbei baut er sein eigenes Unternehmen Meteomedia auf. Heute spricht er das Wetter für den Sender Radio Basel.

Im März 2011 heiratet er die ausgebildete Bühnendarstellerin Miriam Kachelmann (geb. 1986), die während der U-Haft stets zu ihm stand.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)

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