Menschenrechte, Individualität und Freiheit als »Riesenglück«

Theres Rathmanner und Klaus Ebenhöh erzählen vom Kulturschock bei ihrer Ankunft in Mozambique. Und in Österreich.

Der erste Schock war das Weggehen. Trotz der intensiven Vorbereitung, „hat mich der Kulturschock schwer erwischt“, erzählt Theres Rathmanner. Zwei Jahre, bis März 2012, hat sie mit Klaus Ebenhöh in Mozambique gelebt. Sie hat am Aufbau eines Uni-Instituts für Lebensmitteltechnologie gearbeitet, er war Berater für Organisationsentwicklung einer NGO. Die Wahlheimat Chimoio war zunächst eine fremde Welt: die allgegenwärtige Armut, das Leben als Weiße in einer „Betonstadt“, umgeben von Slums, das schlechte Gewissen ob des eigenen Reichtums und die Last, als Ausländer oft als Geldquelle bedrängt zu werden; der unterschiedliche Zeitbegriff, der heikle Umgang mit Hierarchien, fehlende Rechtssicherheit, miese Qualität von Gebrauchsgütern oder der Glaube an Magie als „Bremsklotz der Gesellschaft“.

„Man tappt ständig in die Falle zu denken: Um Gottes Willen, wissen die denn nicht, dass...“, sagt Rathmanner. Damit umzugehen erfordere viel Reflexion und Sensibilität. „Es ist uns aber gut gelungen, uns nicht als große Weiße aufzuspielen.“ Und die Balance zu finden zwischen kritikloser Überanpassung und einem Überlegenheitsdenken. „Mein Maß waren immer: Verletzt etwas die Menschenrechte, darf ich es kritisieren“, sagt Ebenhöh. Was die ganze Zeit blieb, war das Unwohlsein, priviligierter zu sein. Auch beim Abschied, trotz der erfolgreichen Arbeit. „Du gehst und lässt die Menschen in ihrer Misere zurück“, sagt sie. „Die Verzweiflung ist immer da, dass alle Projekte oder jeder Fall, in dem man persönlich hilft, nur Tropfen auf einen heißen Stein sind“, sagt er. Abgereist seien sie letztlich mit gemischten Gefühlen.


Kultur und Würstel. Mit der Rückkehr kam der zweite Schock. „Man spricht von einem Reverse Culture Shock. Es bedarf einiger Zeit des Ankommens“, erzählt Rathmanner. Dazu kam die Freude des Wiederdaseins. „Ich habe mir Kultur zum Exzess gegeben, bin von Ausstellung zu Ausstellung, von Konzert zu Konzert gelaufen“, erzählt sie. „Was mir am meisten gefehlt hat? Die Würste!“, sagt er augenzwinkernd. „Wir haben dort oft Hausmannskost gekocht, viel öfter als daheim.“

Mehr noch aber wurden österreichische Selbstverständlichkeiten wertvoll. „Als Österreicher hat man ein Riesenglück. Wir können Menschenrechte leben, Individualität, die Freiheit, als Frau zu jeder Zeit und überall hingehen zu können“, sagt Rathmanner. Das Demokratieverständnis, Opposition und Parteiensystem, Gewaltentrennung, die Möglichkeit, Korruption und Machthaber zu kritisieren, sehe Ebenhöh nach Mozambique als Privileg. Genauso wie scheinbare Kleinigkeiten: die Qualität von Service oder Produkten.

„Es gibt aber auch vieles, an das ich mich nicht mehr anpassen will“, sagt Theres Rathmanner. Die Gelassenheit der Mozambiquaner etwa, die wolle sie behalten. „So etwas wie Alltagsgrant gibt es dort nicht, Problemchen haben weniger Bedeutung“, sagt sie. Aber die Zeit im Ausland schaffe auch einen kritischen Blick. „Aus der Distanz verklärt man die Heimat erst. Dann liest man von Korruptionsskandalen und denkt: Und wir maßen uns an, mit dem Finger zu zeigen und über Bananenrepubliken zu schimpfen?“, sagt sie. Und: „Man nimmt die Winzigkeit Österreichs wahr. Das spürt man nicht, wenn man immer da ist“, sagt er.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)

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