Die Vogelfänger von Ebensee

Jeden Herbst rücken im Salzkammergut Menschen aus, um einen Stieglitz, einen Kreuzschnabel, einen Gimpel und einen Zeisig zu fangen. Aus Tradition. Manche vielleicht auch, weil sie einen Sohn zeugen wollen.

Vogelfaenger Ebensee
Vogelfaenger Ebensee
Stieglitz – (c) APA (Patrick Pleul/DPA)

Der frühe Vogel mag den Wurm fangen, aber der wahre Frühaufsteher fängt den Vogel. Das ist der Lohn, wenn man um drei Uhr das Haus verlässt, also gegen 2.30 Uhr aufsteht. Und nein, wach bleiben kann man nicht, weil es in Ebensee schlicht nichts gibt, wo man so lange wach bleiben könnte.

„Des gwöhnst“, sagt Peter, der um diese Zeit überraschend munter wirkt und nicht wie ein Halbohnmächtiger durch den Wald wankt. Es geht hinauf auf einen Platz hoch oben mit nur wenigen Bäumen – und dort heißt es erst einmal warten, bis die Sonne aufgeht.

Die Einleitung war nämlich ein wenig übertrieben. Der Frühaufsteher fängt nicht automatisch einen Vogel, das kann in der Realität Tage dauern. Und man steht auch gar nicht so früh auf, um den Vogel zu fangen, sondern nur, um den Vogelfangplatz gegen Konkurrenten zu verteidigen. „Des is nämlich koa Spaß, wennst in aller Herrgottsfrüh da aufigehst und dann is schon aner do.“ Ungeschriebene Gesetze besagen nämlich, dass man nicht dort seine Fallen aufstellt, wo schon ein anderer wartet.

Wir gehen hier in der Dunkelheit im Salzkammergut einer jahrhundertealten Tradition nach, die die Unesco sogar zum „immateriellen Weltkulturerbe“ erklärt hat (wie den Samba in Brasilien oder das Alphornblasen in der Schweiz): dem Vogelfang. Pfui, werden jetzt einige sagen. Quälerei, rufen möglicherweise manche von denen, die selbst Vögel zum Beringen fangen.


Kritische Tierschützer. Natürlich kann man das Für und Wider dieser Tradition, die jeden Herbst im Salzkammergut gepflegt wird, lange und breit diskutieren. Genauso, wie man das Essen von Fleisch oder die Sinnhaftigkeit der Jagd leidenschaftlich diskutieren kann. Das tun wir nicht, halten wir nur fest: Der eine Vogel (es war ein ruhiger Tag), der in eine Falle ging, wurde völlig unverletzt wieder freigelassen. Trotzdem will Peter nicht mit vollem Namen genannt werden, weil es doch „Anfeidungen gibt, vor allem von denen, di si nit auskennen und in Wien oder Graz in am Büro sitzen“.

Die Falle ist ein etwa 25 Zentimeter langer Stock mit Netzen. Setzt sich der Vogel auf den Stock setzt, schnellt das Netz zu und schließt ihn ein. Ist er nicht vollständig vom Netz umgeben, kann er sich leicht befreien. Es gebe, sagt Alfred Riezinger, „keine ethologischen oder physiologischen Anzeichen von Schmerz oder Verletzungen“.

So fehlerfrei spricht der 57-Jährige die Zungenbrecher aus, wie man es nur kann, wenn man sie nicht zum ersten Mal ausspricht. Riezinger ist Obmann des „Salzkammergutverbands der Vogelfreunde“, in dem sich 34 Vereine zusammengeschlossen haben. Das deshalb, um eine Front zu haben gegen die Angriffe, die es immer wieder gibt. 1905 beispielsweise, als die Forstverwaltung die Vogelfänger aus ihrem Wald ausschließen wollte, oder vor ein paar Jahren, als eine Gesundheitsministerin die öffentliche Ausstellung der Vögel verbot (der Verfassungsgerichtshof hob den Passus im Tierschutzgesetz wieder auf).

Mittlerweile gibt es strenge Vorschriften, welcher Vogel wie gefangen werden darf. Für die heurige Fangsaison, die noch bis Mitte November dauert, haben die Bezirkshauptmannschaften Gmunden, Vöcklabruck und Wels-Land 500 Ausnahmegenehmigungen erteilt. Jeder Inhaber darf vier Vögel fangen: einen Stieglitz, einen Kreuzschnabel, einen Gimpel und einen Zeisig. Am Sonntag vor Kathrein (heuer also am 25. November) werden die Vögel in den Vereinslokalen (meist Gasthäusern) im Salzkammergut öffentlich ausgestellt und von Experten prämiert. Die schönsten Exemplare kann man am ersten Adventsonntag in Ebensee sehen. Spätestens bis April müssen die Vögel wieder freigelassen werden.


Kreuzschnabel gegen Blitz. Warum aber macht man das? Warum steht man mitten in der Nacht auf, sitzt stundenlang auf Lauer und setzt den Vogel ordentlich unter Stress? Nicht, um einen Kreuzschnabel unterm Bett zu halten. „Nein“, sagt Peter lachend, „i hob a scho an Buben.“ In Tirol glaubte man einst nämlich, dass ein Kreuzschnabel unterm Bett die Zeugung eines Sohnes garantiert. Im Erzgebirge wiederum, weiß Ludwig Wiener von der Landesforstdirektion Salzburg, meinte man, das Haus bleibe vor Blitzschlägen verschont, wenn man diesen Vogel hält.

Es könnte heuer viele Mädchen und etliche Blitzeinschläge geben, weil der Kreuzschnabel sehr selten ist. „Es gibt heute weniger Fichtenzapfen, generell weniger Zapfen, und damit hat er nicht genug Nahrung und ist in anderen Ländern geblieben“, sagt Alfred Riezinger.

Er erklärt die Faszination des Vogelfangs mit der Herausforderung. „Ich seh' einen bestimmten Vogel und will ihn fangen. Das macht's aus. Des kann aber sein, dass mir das, wie vergangenes Jahr, den ganzen Herbst nicht gelingt.“ Denn angelockt werden darf der Vogel zwar mit einem anderen Lockvogel, aber als Futter darf nur Natürliches ausgelegt werden. „Beim Kreuzschnabel also a Zapfen, und den findet er in der Natur überall.“

Gefangen werden übrigens nur männliche Vögel – „weil die, im Gegensatz zum Menschen, schöner sind. Die Weibchen sind grau und farblos, außer beim Stieglitz, die schauen gleich aus.“

Der gefangene Vogel kommt in eine „mindestens vier Kubikmeter“ große Voliere, wie das Gesetz vorschreibt, und wird über den Winter gehalten. Handzahm mache man ihn nicht, damit er sich später in der Natur wieder selbst erhalten könne, erklärt Riezinger.

Die Tradition im Salzkammergut geht auf das Jahr 1579 zurück, als Kaiser Rudolf II. den Vogelfang im „Land ob der Enns“ erlaubte, man möge aber „gutte achtung geben, das sy nit ander wildprätt fällen“. Der Vogelfang war die Jagd des kleinen Mannes, Hochwild war dem Adel vorbehalten. Seither also fangen sie im Salzkammergut Vögel.

Ausgestellt hat man den Fang jedes Jahr – außer 2005, als es große Panik wegen der Vogelgrippe gab und besorgte Behörden öffentliche Präsentationen untersagten. Die Krankheit wird tatsächlich von Vögeln übertragen, außer von finkenartigen Singvögeln. Dazu gehören unter anderem Stieglitz, Kreuzschnabel, Gimpel und Zeisig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2012)

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